Zeitgeschichte und Gegenwartskunst in der Zuckerfabrik Siegendorf
Süßes und Bitteres
Bis auf einige Abrissarbeiten herrscht in der ehemaligen Zuckerfabrik Siegendorf seit 1988 Stille. Doch nun zieht wieder Leben in die geschichtsträchtigen Mauern ein: Der Kunstverein Eisenstadt eröffnete dort eine außergewöhnliche Ausstellung, die den Bogen von der industriellen Blütezeit bis hin zu den dunkelsten Kapiteln der regionalen Geschichte spannt.
Eine Idee der Kunstausstellung ist, den Zubau (links) zum historischen Zuckermagazin I mit riesigen Graffiti zu versehen.
© BVZ/Kaiser
Vitus Weh, der Präsident des Kunstvereins Eisenstadt, zeigte sich bei der Eröffnung begeistert von der Location. Die Zuckerfabrik, einst die größte Industrieanlage des Landes Burgenland, bietet derzeit auf rund 400 Quadratmetern Platz für zeitgenössische Kunst. „Ungewöhnliche Orte mit Kunst zu erschließen, ist für uns enorm spannend“, so Weh. Während die aktuelle Schau in der Industriehalle stattfindet, kehrt der Kunstverein im Sommer wieder in das gewohnte Gärtnerhaus zurück.
Facettenreiche Historie
Die inhaltliche Klammer der Ausstellung bildet der Weg vom süßen Luxusgut hin zu schrecklichen Verbrechen. Der Historiker Dieter Sorger, selbst gebürtiger Siegendorfer, lieferte dazu tiefgreifende Einblicke. Für ihn war die Fabrik in seiner Kindheit allgegenwärtig – man konnte sie sehen, riechen und hören. Die Fabrikantenfamilie Patzenhofer wurde damals fast wie Heilige verehrt, prägte sie doch das Leben von fünf Generationen.

© BVZ/Kaiser
Gegründet um 1848, veränderte die Fabrik die soziale Struktur der Region radikal. Aus Bauern wurden Industriearbeiter. Der Wohlstand, den das Werk brachte, bescherte Siegendorfern den Beinamen „Pridve“. Je nachdem, wen man fragt, wird das recht frei mit „Stolz“ oder „etwas zu viel Stolz“ übersetzt. Mit dem Erfolg kamen jedoch auch soziale Spannungen und der Klassenkampf. Die Fabrik war Schauplatz des zweiten großen Streiks im Land und erlebte sogar ein Schussattentat durch die bekannte Aktivistin Hannah Sturm.
Dunkle Jahre des Nationalsozialismus
Ein zentraler Aspekt der Aufarbeitung betrifft die Zeit des Nationalsozialismus. Die Fabrik wurde zu einem wichtigen Lager der Nationalsozialisten in der Region. Während französische Kriegsgefangene in einem Lager vor Ort noch vergleichsweise gut behandelt wurden, änderte sich die Lage im Oktober 1944 mit dem Bau des Ostwalls dramatisch.

© BVZ/Kaiser
In zwei Stockwerken über dem heutigen Ausstellungsort wurde ein Lager für rund 1.000 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, sogenannte „Arbeitsdienstler“, eingerichtet. Die Bedingungen waren menschenunwürdig: Dünne Suppen und fehlende sanitäre Einrichtungen führten zu Typhus-Epidemien und hunderten Todesfällen. Kurz vor der Befreiung im März 1945 wurden viele Gefangene auf Todesmärsche geschickt. Rund 200 Kranke blieben zurück, von denen 70 bereits verstorben waren, als die Rote Armee nur drei Tage später das Lager befreite. Siegendorfer Bürger mussten die Toten schließlich begraben. „Ich wünsche der Zuckerfabrik einen neuen Anfang, aber die Geschichte darf dabei nicht vergessen werden“, betonte Sorger.
Künstlerische Perspektiven
Kuratorin Barbara Holub erklärte, dass sich die Frage der Arbeit wie ein roter Faden durch alle gezeigten Werke zieht. Die Idee zur Ausstellung stammte von Gabriele Sturm, deren künstlerische Recherche zur Zuckerfabrik Siegendorf ebenfalls Teil der Schau ist. Die Umsetzung war eine Herausforderung, begonnen vom schlechten Zustand mancher Bautrakte bis zum kuriosen Umstand, dass für das Industrieareal nicht einmal Gebäudepläne existierten.

© BVZ/Kaiser
Die Exponate sind vielfältig: Ilona Nemeth blickt auf stillgelegte Fabriken in Tschechien, der Slowakei und Ungarn, während Catrin Bolt die Plantagenarbeit in Uganda thematisiert. Isa Rosenberger zeigt die Transformation der Zuckerfabrik Enns in eine Kulturfabrik. Weitere künstlerische Beiträge stammen von Paul Busk, Linda Luse und dem Kollektiv transparadiso. Ergänzt wird die Ausstellung durch Filme von Johannes Haider, Kolomann Watzek und Günter Welz, die die „Genesis einer Kunstfabrik“ und die „Bittersüßen Erinnerungen“ der burgenländischen Zuckerindustrie beleuchten.
Interessant ist auch der Bezug zur „NN-fabrik“, die heute in Oslip beheimatet ist, ihren Namen jedoch maßgeblich durch den früheren Standort in der Siegendorfer Zuckerfabrik erhielt.