Esther Heiss: „Judentum wieder lebendig machen!“
Talk der Woche
Koschere Weinverkostung, Film- und Straßenfeste: Die neue Direktorin des Jüdischen Museums, Esther Heiss, verrät wie sie das jüdische Eisenstadt wiederbeleben will - und was Humor damit zu tun hat.
Die neue Geschäftsführerin des Jüdischen Museums, Esther Heiss, im BVZ Talk der Woche.
© Nina Mayer, Nina Mayer
Was macht ein junger Mensch in einem Museum - und was macht er anders als ältere Menschen?
Esther Heiss: Der Unterschied besteht hoffentlich in meinem Elan und meiner Hartnäckigkeit. Wenn ich beim Fundraising eine Absage bekomme, denke ich mir, probieren wir es nächstes Jahr. Dieses Durchhaltevermögen, diesen Willen, etwas bewegen zu wollen, hat man später wahrscheinlich nicht mehr. Also ja: Ich habe schon noch etwas vor mit dem Museum.
Wie war der erste Kontakt mit der Stadt- und Landespolitik?
Es gab ein erstes Treffen mit der Landesregierung, die Stadtpolitik ist sehr aktiv, dort ist man sofort an mich herangetreten, bei der Auftaktveranstaltung im Dezember hat Bürgermeister Thomas Steiner auch Grußworte gesprochen. Ich freue mich darauf, alle Entscheidungsträger kennenzulernen.
Gibt es schon erste Ideen für Kooperationen?
Ich habe mich schon mit der Leiterin des Kulturausschusses, Waltraud Bachmaier, über eine Weinverkostung mit koscherem Wein unterhalten. Da würde ich sehr gerne auch einen Gewinner prämieren. Es gibt ja sogar zwei koschere Weingüter in Österreich, eines in der Steiermark und eines im Burgenland, das Weingut Hafner in Mönchhof (Bezirk Neusiedl). Der exportiert in die ganze Welt.
Eine andere Möglichkeit wäre ein Film-Festival, der Innenhof des Jüdischen Museums ist ja prädestiniert dafür - oder das Haydn-Kino, sobald die Restaurierung fertig ist.
Was braucht Wein um koscher zu sein?
Das ist ein längerer und aufwändiger Prozess, es dürfen keine Mingerl reinkommen und der Wein nicht geschönt werden, keine Eiweiße, keine Farben. Er muss öfter gefiltert und höher erhitzt werden. Der ganze Prozess von der Traube bis zum Verkorken muss von einem Rabbiner kontrolliert werden, wie bei der Fleischproduktion. Viele Winzer machen das so, dass sie zuerst mit den frisch gereinigten Geräten den koscheren Wein machen und danach den nicht-koscheren.
Die Geschichte des Eisenstädter Judentums ist ja eng mit dem Judentum verbunden, die Familie Wolf - auf die etwa das Landesmuseum oder das Gymnasium der Diözese zurückgeht - war ja eine Weinhändler-Familie. Es gibt bis heute alte Weinpressen, auf denen der Davidstern zu sehen ist.
Das kann daran liegen, dass mit denen früher eben koscherer Wein gemacht wurde. Das sehe ich aber noch als Auftrag an die Forschung, sich die einzelnen Fälle und ihre Geschichte genau anzusehen.
Ihr Vorgänger Johannes Reiss hat der BVZ einmal die spezifisch burgenländische Schwierigkeit beim Entziffern der Grabstein-Inschriften beschrieben: Viele der Inschriften seien in einem Dialekt irgendwo zwischen Alt- und Neuhebräisch.
Für mich ist die große Herausforderung ja, dass die Inschriften nicht nur fast alle in Hebräisch sind, sondern auch immer abgekürzt wurden. Aber das ist die Stärke von Johannes, dem wird er sich auch weiter widmen. Die Eisenstädter Grabsteine hat er schon durch, Kobersdorf und Lackenbach sind jetzt dran, da misch ich mich auch nicht ein, er ist der Spezialist auf dem Gebiet.
© Nina Mayer, Nina Mayer
Sie sind ja Orientalistin - was sind denn Ihre „Grabsteine“?
Ich beschäftige mich mit kulturübergreifenden Bräuchen und Traditionen, die sich durch die Menschheitsgeschichte durchziehen. Bekannt sind da etwa die Speisegebote, oder eben der Verzicht auf Speisen, wie etwa beim Fasten. Außerdem gibt es noch viele Zweige des Judentums, die genauer erforscht gehören, wie die sephardischen Juden, die es auch in Mattersburg gab. Die hatten eine andere Küche und Bräuche. Das würde ich gerne in Form eines Kochbuches vermitteln. Wir versuchen derzeit 100 Rezepte zu sammeln und wollen diese dann als Buch und bei einem koscheren Kochkurs den Menschen vermitteln.
Sie haben sich ja wissenschaftlich mit Humor beschäftigt, das ist - in Anbetracht der tragischen Geschichte - ja nicht etwas, das man bei uns mit dem Judentum verbindet.
Ich hab mich mit rabbinischem Humor aus dem ersten Jahrtausend und dem Unterschied zum jüdischen Humor des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigt. Letzterer zeichnet sich vor allem durch Selbstironie aus. Der israelische Humor heute hat das weniger, der hat eher mit Selbstbewusstsein zu tun. Der rabbinische Humor hat beide Humorstile, teilweise im gleichen Werk. Über Humor zu schreiben ist natürlich schon auch so, wie einen Witz zu erklären. Aber mir hat es Freude gemacht.
Der rabbinische Humor ist ja auch in der Zeit der römischen und persischen Fremdherrschaft entstanden. Ein römischer Offizier soll einmal einen wegen seines Glaubens zum Tod verurteilten Rabbiner freigelassen haben, weil er sich durch den Humor des Rabbiners geschmeichelt gefühlt hatte, dabei ist der Witz eigentlich auf seine Kappe gegangen.
Kennen Sie den jüdischen Witz über Eisenstadt? Bei dem kommt eine Gruppe Wiener Juden zum Rabbi nach Eisenstadt und sie fragen ihn: Wieso heißt das Eisenstadt, hier gibt es ja gar kein Eisen. Und der Rabbi sagt darauf: Es gibt hier ja auch keine Stadt.
(Lacht) Das ist ja schon wieder talmudischer Humor, der hat auch das Motiv: „Es gibt das nicht - ja, aber es gibt auch das nicht.“ Also quasi: Es geht immer auch schlimmer.
Spannendes Witz-Schema.
Eigentlich gibt es im traditionellen rabbinischen Humor kein Schema. Und keinen Witz. Also nicht in dem modernen Sinn einer Punchline oder Pointe. Das sind eher 20 Seiten lange Texte, in denen Humor immer wieder durchkommt.
Wie soll das Judentum wieder stärker in die Köpfe der Menschen kommen?
Indem man es in seiner Lebendigkeit darstellt. Auch wenn man es im Burgenland nicht merkt: Das Judentum ist kein totes Insekt, das die Wissenschaft unter einem Mikroskop seziert, sondern es sind lebendige Menschen mit lebendigen Bräuchen. Wieder lebendig würde es im Burgenland zum Beispiel werden, wenn mehr Menschen wüssten, dass die Eisenstädter Synagoge die älteste Österreichs in ihrer ursprünglichen Funktion als Gebetshaus erhaltene ist.
Was, älter als die Synagogen in Wien?
Älter in ihrer ursprünglichen Funktion: Die Eisenstädter Synagoge im Wertheimerhaus wurde nie entweiht oder gar zerstört. Sie ist also heute die einzige eingeweihte Synagoge des Burgenlandes in der überhaupt jüdisches Gebet stattfinden kann.
Lebendig werden könnte sie etwa dadurch, dass Jüdinnen und Juden aus der Umgebung hier in ihrer ältesten Synagoge heiraten oder Bar Mitzwas feiern. Das wäre auch ein Wirtschafts-Faktor.
Was sind Ihre längerfristigen Ziele für Eisenstadt?
Für die unmittelbare Umgebung, also den Jerusalemplatz, hätte ich schon das Ziel, dass wir zur Wiederbelebung beitragen können, etwa mit Straßenfesten, den Weinverkostungen und Filmfestivals.
Mein Ziel für das Museum ist, dass, wenn ich einmal in Pension gehe, das Haus eines der modernsten Museen Österreichs ist.
Was muss ein Museum können um modern zu sein?
In Bratislava wird das jüdische Viertel gerade digitalisiert und in 3D dargestellt. Das könnte doch auch in Eisenstadt passieren. Das wäre wie im Computerspiel Assassin's Creed, da könnte man durchs alte jüdische Viertel gehen und auch die Häuser und Synagogen betreten und historischen Figuren wie Samson Wertheimer begegnen und mit ihnen reden. Genau so stelle ich mir ein modernes jüdisches Museum vor.
Es gab auch schon einmal ein Geocaching, das würde ich gerne wiederbeleben. Pokémon Go hat doch auch funktioniert, warum nicht im jüdischen Museum?
Lastet die Vertreibung der burgenländischen Juden nicht noch wie eine zu schwere Schuld auf dem Museum, um aus ihm einen Ort zu machen, in dem sich Menschen gerne aufhalten, ein Glaserl Wein trinken und dazu moderne jüdische Musik hören?
Ich kann mich mit dieser Schuldfrage nicht identifizieren. Wenn diese Schuld heute noch verspürt wird, lade ich erst recht ins Museum ein, damit wir uns damit auseinandersetzen können. Wir wollen eine Wissensvermittlung für jüdische Themen sein, den Horizont erweitern und zeigen, dass es nicht nur Tod und Leid gibt, sondern auch Lebendiges.
Das Schuld-Thema kommt mir schon wie ein Burgenland-Spezifikum vor. In Wien sind die Probleme des Judentums wie bei allen anderen Wienern, dass der Wohnraum teuer geworden ist. Da hilft die Schuld nicht weiter, besser wäre es, jüdisches Leben wieder anzuziehen.
Ist das jüdische Museum ein politischer Ort?
Wir werden Statements abgeben, wenn sie nötig sind, aber werden nicht Partei ergreifen.