Frieden für die Welt, made in Burgenland

Talk mit Tobias Lang

Das Austrian Centre for Peace (ACP) in Stadtschlaining ist in kriegerischen Zeiten wie heute gefragter denn je. Seit Ende Feber leitet der Neufelder Tobias Lang das Friedenszentrum. Mit der BVZ sprach er über globale Konflikte, vergessene Kriegsgebiete und wie das Burgenland an einer friedlichen Zukunft mitarbeiten kann.

Der Neufelder Tobias Lang ist Direktor des Austrian Centre for Peace auf Burg Schlaining.

Der Neufelder Tobias Lang ist Direktor des Austrian Centre for Peace auf Burg Schlaining.

© Andi Bruckner, ANDI BRUCKNER

Herr Direktor Lang, für alle, die das Friedenszentrum auf Burg Schlaining nicht im Detail kennen: Was ist das AustrianCentre for Peace?

Tobias Lang: Das Austrian Centre for Peace gibt es seit über 40 Jahren, gegründet inmitten des Kalten Kriegs. Heute arbeiten wir in drei Säulen: Kapazitätsentwicklung und Trainings, Forschung sowie direkte Konfliktbearbeitung. Es geht darum, Menschen Werkzeuge für die Bearbeitung von Konflikten in die Hand zu geben. Wir bilden etwa zivile Experten, Polizei- oder Militärangehörige aus, die weltweit in Friedensmissionen eingesetzt werden. Unsere Teilnehmenden kommen nicht nur aus Österreich – unser Netzwerk reicht von Westafrika bis Südasien. Und im Rahmen der Friedenspädagogik kommen auch jedes Jahr Schüler aus dem Burgenland zu uns.

Frieden für die Welt, made in Burgenland

© ACP/Stefan Wiesinger, Stefan Wiesinger

Sie erwähnen auch internationale Konfliktarbeit – wie sieht das konkret aus?

Lang:Ein Beispiel: Im Sudan begleiten wir politische Dialogprozesse zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren, inmitten eines sehr gefährlichen Bürgerkriegskontexts. Oder im Burgenland selbst – gemeinsam mit der OSG führen wir ein Projekt zur Nachbarschaftsmediation durch. Da geht es um alltägliche Konflikte: Streit um Grundstücke, kulturelle Spannungen im Wohnumfeld.

Das Spannende ist, dass sich unsere Arbeit wirklich von der Weltpolitik bis zur Blumenbeet-Grenze spannt – immer mit dem Ziel, konstruktive Lösungen zu ermöglichen. Tobias Lang, Leiter des Austrian Centre for Peace.

Diese Woche läuft das Austrian Forum for Peace – was ist das Besondere daran?

Lang:Das Forum ist unser Leuchtturmprojekt, eine internationale Konferenz, die wir jedes Jahr veranstalten. Dabei geht es nicht nur um öffentliche Podiumsdiskussionen, sondern um tiefgehenden Austausch: Diplomatie trifft auf Wissenschaft, trifft auf NGOs und Menschen, die vor Ort Friedensarbeit leisten. Es gibt zahlreiche Workshops, etwa zu Westafrika oder zum israelisch-palästinensischen Konflikt – teilweise auch bewusst im kleinen Rahmen und hinter verschlossenen Türen. Vertrauen ist für so einen Austausch entscheidend.

Das klingt nach viel Expertise auf engem Raum. Wie groß ist Ihr Team?

Lang:Fix sind wir derzeit zu sechzehnt. Bei größeren Projekten wie dem Forum oder der Friedenspädagogik arbeiten wir natürlich auch mit freien Trainern und Projektpartnern. Was mich besonders freut: Wir schaffen es, eine internationale Wirkung zu entfalten – und gleichzeitig in der Region verwurzelt zu bleiben. Außerdem machen wir auch ganz gezielt Angebote für die Bevölkerung im Burgenland – etwa eine deutschsprachige Filmvorführung mit anschließender Diskussion oder ein offenes Burgfest.

Sie erwähnten auch „Friedenspädagogik“ – was versteht man darunter und warum ist das gerade im Burgenland relevant?

Lang:Friedenspädagogik ist ein zentraler Baustein unserer Arbeit, gerade hier in der Region. Wir arbeiten mit Schulklassen – entweder kommen sie zu uns nach Schlaining oder wir besuchen sie direkt. Es geht dabei um Themen wie Gewaltprävention, Teambuilding oder Diversität. Wie gehe ich mit Mitschüler um, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben? Wie reagiere ich auf Mobbing? Allein im letzten Schuljahr waren über 22.000 Schüler bei uns. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist – und wie greifbar unsere Arbeit im Alltag sein kann.

Das Austrian Centre for Peace soll kein Elfenbeinturm sein, sondern ein Ort, der auch in der Region verankert ist. Tobias Lang, Leiter des Friedenszentrums auf Burg Schlaining.

Das Friedenszentrum gibt es seit über 40 Jahren. Wie ist es ursprünglich entstanden?

Lang:Die Wurzeln reichen zurück in die frühen 1980er-Jahre, in einer heißen Phase des Kalten Kriegs und einer internationalen Aufrüstungsphase. Der ehemalige Landesrat Gerhard Mader hat die Burg Schlaining wie man sie heute kennt aufgebaut F– mit dem Ziel, dort eine Friedensburg zu etablieren. Unterstützt wurde er dabei auch von Bundeskanzler Bruno Kreisky. Von Anfang an war klar: Es soll nicht nur ein symbolischer Ort sein, sondern ein Zentrum, in dem sowohl geforscht als auch aktiv Konflikte bearbeitet werden. Ich habe kürzlich ein Protokoll eines Workshops von 1984 in Jerusalem gefunden – das zeigt, wie früh das Zentrum schon international tätig war.

Frieden für die Welt, made in Burgenland

© ACP/Florian Schauer

Sie bieten auch internationale Trainings an. Wer nimmt daran teil – und worum geht es konkret?

Lang:Unsere Trainings richten sich an Personen, die sich auf internationale Friedenseinsätze vorbereiten. Das sind zivile Fachkräfte aus NGOs, aber auch Polizei- oder Militärangehörige, etwa im Auftrag der UNO oder OSZE. Ein Beispiel ist der Kurs „Protection of Civilians“ in Kooperation mit dem Verteidigungsministerium – da geht es darum, wie man Zivilpersonen in Konfliktzonen schützt. Die Teilnehmer kommen aus aller Welt, genauso wie unsere Vortragenden. Einer unserer langjährigen Trainer ist etwa ein indischer General, der jedes Jahr nach Schlaining kommt.

Welche Rolle kann ein neutrales Land wie Österreich in aktuellen Konflikten eigentlich noch einnehmen?

Lang:Eine Vermittlungsrolle ist nur möglich, wenn beide Seiten das akzeptieren. Österreich wird nicht der entscheidende Mediator im Ukrainekrieg sein. Aber Österreich kann Gespräche ermöglichen, Menschen an einen Tisch bringen. Genau das ist auch unser Zugang im ACP: Wir schaffen Räume für Dialog – auf Augenhöhe, vertraulich, lösungsorientiert. Das hat schon in der Vergangenheit funktioniert, etwa bei Gesprächen zum iranischen Atomprogramm. Und es kann auch in Zukunft funktionieren – sofern der politische Wille da ist.

Frieden für die Welt, made in Burgenland

© Landesmedienservice, Wolfgang Sziderics

Sie sind seit wenigen Monaten im Amt. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Lang:Ich war zuvor neun Jahre in der Landespolitik tätig, aber meine akademische Laufbahn war immer von internationaler Politik geprägt – mit Fokus auf Nahost, Syrien und Friedensforschung. Die Stelle in Schlaining war für mich die Chance, in meine eigentliche Profession zurückzukehren.

Ich sehe das Friedenszentrum als einen Ort, an dem ich meine Interessen, Erfahrungen und Netzwerke sinnvoll zusammenbringen kann. Tobias Lang, Leiter des Austrian Centre for Peace in Stadtschlaining.

Gerade mit Blick auf Syrien – ein Thema, zu dem Sie viel publiziert haben: Wie sehen Sie den überraschenden Regimewechsel?

Lang:Dass das Assad-Regime gefallen ist, ist friedenspolitisch natürlich zu begrüßen. Die Menschenrechtslage unter Assad war verheerend. Gleichzeitig ist es wichtig, genau hinzuschauen, wer nun die Macht übernommen hat. Der neue Machthaber stammt aus einem radikalen Spektrum, das ursprünglich aus Al-Qaida hervorgegangen ist. Ob sich daraus eine echte demokratische Entwicklung ergibt, ist völlig offen. Klar ist: Wirtschaftliche Hilfe oder das Ende von Sanktionen müssen an konkrete Bedingungen erfüllt werden – etwa den Schutz religiöser Minderheiten.

Frieden für die Welt, made in Burgenland

© PPH

Diskutiert wird medial und politisch aber weniger über Menschenrechte und Minderheitenschutz, als über Flüchtlingsdeals.

Da beißt sich die Katze aber in den Schwanz: Rückführungsabkommen bringen nichts, wenn nichts für den Schutz von Minderheiten, die Einhaltung der Menschenrechte und eine positive wirtschaftliche Entwicklung unternommen wird, da sonst der Fluchtdruck aufrecht bleibt.

Warum wird über manche Konflikte medial kaum berichtet?

Lang:Das liegt meiner Einschätzung nach an der westlich zentrierten Medienlogik. Die Ukraine ist geografisch und historisch näher, der israelisch-palästinensische Konflikt seit Jahrzehnten ein Fixpunkt der Berichterstattung. Konflikte wie im Kongo, der Sahelzone oder eben im Sudan sind medial unterrepräsentiert, obwohl dort massive humanitäre Katastrophen stattfinden. Diese Sichtweise führt leider dazu, dass auch politische Aufmerksamkeit und Hilfe dort geringer ausfallen.

Frieden für die Welt, made in Burgenland

© KBB

Wo gibt es in der aktuell eskalierenden Weltpolitik am ehesten Grund für Hoffnung?

Lang:Man darf den Optimismus nie aufgeben. Entwicklungen wie der Friedensprozess zwischen der PKK und der Türkei oder erfolgreiche lokale Dialogprozesse in Afrika zeigen: Veränderungen sind möglich. Frieden entsteht oft im Verborgenen, langsam – aber wenn man den richtigen Moment nutzt, kann plötzlich Bewegung in jahrzehntealte Konflikte kommen. Es hängt viel davon ab, ob es auf beiden Seiten Akteure mit echtem Willen zum Dialog gibt.

Herr Lang, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Peter Wagentristl.