Die Friedenstaube von Müllendorf

Vernissage

Seit 30 Jahren bringt die „Werkstätte für Kunst im Leben“ Kunst, Begegnung und gesellschaftliche Fragen zusammen. Zur Jubiläumsvernissage wurde es am Samstag in Müllendorf poetisch: Vor dem Haus der Künstlerin Ilse Hirschmann stand eine große Taube aus Jute. Ohne Federn, aber bereit zum Fliegen. Mit der Ausstellungeröffnung von „Wo ist die Taube?“ widmeten sich sechs Künstlerinnen der vielleicht ältesten Sehnsucht der Menschheit: dem Frieden. Und der Frage, ob Kunst uns manchmal daran erinnern kann, wo er zu finden ist.

Fria Elfen, Ilse Hirschmann, Gudrun Kainz, Eef Zipper, Annelie Wagner und Nina Mayer (BVZ) verhalfen der Friedentaube zum Fliegen.

Fria Elfen, Ilse Hirschmann, Gudrun Kainz, Eef Zipper, Annelie Wagner und Nina Mayer (BVZ) verhalfen der Friedentaube zum Fliegen.

© Nina Mayer

Eine große Taube aus Jute steht vor dem romantischen Haus der Künstlerin Ilse Hirschmann in Müllendorf. Noch ist sie nackt, irgendwie scheint ihr etwas zu fehlen. Die Federn kommen erst nach und nach. Besucherinnen und Besucher dürfen sie anstecken und der Taube so wieder zum Fliegen verhelfen. Ein schönes, berührendes Bild für eine Ausstellung, die sich einem der größten Wünsche der Menschheit widmet: dem Frieden.

„Wo ist die Taube?“ lautet der Titel der Jubiläumsausstellung, mit der die „Werkstätte für Kunst im Leben“ ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Sechs Künstlerinnen bilden das Kollektiv: Ilse Hirschmann, Fria Elfen, Ilse Chlan, Gudrun Kainz, Annelie Wagner und Eef Zipper. Ihre Ausdrucksformen sind vielfältig: Malerei, Collagen, Keramik und Objekte. Ihre gemeinsame Botschaft ist klar: die Sehnsucht nach Frieden und die Frage, wo er in einer von Konflikten und Kriegen geprägten Welt geblieben ist.

Die Taube führt dabei direkt zur Bibel. Nach der Sintflut schickt Noah, der mit seiner Familie und den Tieren in der Arche Zuflucht gefunden hat, eine Taube aus. Zunächst kehrt sie ohne Zeichen zurück. Vom zweiten Flug kommt sie mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zurück. Das Wasser ist zurückgegangen, neues Leben möglich geworden.

Beim dritten Aussenden kehrt die Taube nicht mehr zurück und zeigte damit, dass die Erde wieder bewohnbar war. Seitdem gilt sie gemeinsam mit dem Olivenzweig als Symbol der Hoffnung und des Friedens.

Die Ausstellung bildet den dritten Teil einer Trilogie. 2024 hieß es „Wir sitzen in einem Boot“, 2025 fragten die Künstlerinnen „Wo ist Noah?“ und heuer folgt die vielleicht dringlichste Frage: „Wo ist die Taube?“

Die ausgestellten Arbeiten nähern sich dem Thema auf ganz unterschiedliche Weise. Sie erzählen, fragen, provozieren und lassen Raum für eigene Gedanken. Kunst wird dabei zum Medium, um eine Sehnsucht sichtbar zu machen, die wohl alle Menschen teilen, und diese vielleicht für einen kleinen Moment auch zu stillen.

Zum Jubiläum entstand außerdem ein Friedenskalender für das Jahr 2027. Fotografien der ausgestellten Werke begleiten durch das kommende Jahr; der Kalender kann direkt bei der Ausstellung erworben werden. Ein kleines Stück Kunst, das die Botschaft des Abends mit nach Hause nimmt.

Auch der Gedanke des Helfens gehört zur „Werkstätte für Kunst im Leben“. Schon jetzt darf man sich auf das Benefizlesefest am 8. September freuen. Dabei wird wieder für eine Schule in Sri Lanka gesammelt und zwar mit Literatur, Begegnung und der Überzeugung, dass Frieden im Kleinen beginnt.

Nach der Eröffnung wurde es im verwunschenen Garten von Ilse Hirschmann gemütlich. Burgenländische Grammelpogatschen und ein Gläschen Wein erfreuten die Besucher, die Abendsonne tauchte das Haus in goldenes Licht, Gespräche entstanden, Menschen blieben noch ein wenig sitzen.

Während draußen unsere Welt von Unruhen und Kriegen gebeutelt wird, lag an diesem Samstagabend über dem Haus in Müllendorf ein beinahe unwirklicher Frieden. Mag das die Antwort auf die Fragestellung der Ausstellung sein? Ist es gelungen, die Taube über dem kleinen burgenländischen Ort ein Stückchen fliegen zu lassen? Es wäre im Bereich des Denkbaren.