Kälte, die unter die Haut geht

Zum Nachdenken

Österreich ist ein wunderschönes Land. Ich bin dankbar, hier leben zu dürfen. Tief im Herzen bin ich meinem Burgenland verbunden und ich denke, wir dürfen uns glücklich schätzen, in diesem Land geboren worden zu sein – in einem Land, das über Jahrzehnte hinweg für Stabilität, sozialen Ausgleich und Solidarität gestanden ist. Und dennoch: Die Zeiten werden härter. Spürbar härter.

Wenn Kälte um sich greift.

Wenn Kälte um sich greift.

© Nina Mayer

Lebensmittelpreise steigen in einem Ausmaß, das für viele Menschen längst unerschwinglich geworden ist. Heizkosten entwickeln sich zu einer existenziellen Bedrohung. Armut ist kein abstrakter Begriff mehr, keine statistische Größe, sondern bittere Realität – auch in Österreich.

Der Anstoß für diesen Artikel waren zwei Ereignisse. Nach einem BVZ-Interview mit Boris Bukowski saß ich mit einer Freundin noch beim Abendessen in der Wiener Innenstadt. Es war klirrend kalt. Die Dunkelheit hatte sich bereits über die Stadt gelegt. Und während wir in der Wärme einer Pizzeria saßen, war das Schicksal obdachloser Menschen allgegenwärtig – bedrückend, fast erdrückend. Es nahm einem buchstäblich die Luft zum Atmen.

Zwei Stunden lang saßen wir dort, sprachen über ernste Themen. Vor allem über die Frage, wie sehr der Einzelne in der Pflicht steht, etwas zu tun. Ja, wir haben in Österreich ein dichtes Netz an karitativen Einrichtungen. Gott sei Dank. Unzählige – oft ehrenamtliche – Helferinnen und Helfer leisten Unglaubliches, um Schlimmes zu verhindern.

Und dennoch: Die Notschlafstellen in Wien sind überfüllt. Trotzdem sind in dieser Woche zwei obdachlose Menschen in Wien erfroren. Auch im Burgenland ereignete sich kürzlich eine Tragödie mit tödlichem Ausgang – möglicherweise ebenfalls als Folge von Armut.

Das darf nicht sein. Nicht in einem Land wie Österreich. Es darf nicht sein, dass Menschen sich Nahrung oder Heizkosten nicht mehr leisten können. Und es darf erst recht nicht sein, dass sich eine Gesellschaft entwickelt, der all das gleichgültig ist.

Sollte man sich als Mensch nicht in der Pflicht seines Herzens sehen, dem Nächsten zu helfen? Und doch gehen wir weiter, passieren, vergessen – falls wir überhaupt einen Moment innehalten und das traurige Geschehen in unser Denken oder Fühlen lassen.

Warum ist das so?

Wir diskutierten lange darüber. Auch Gäste vom Nachbartisch mischten sich ein. Ein Herr meinte, vieles resultiere daraus, dass sich manche Menschen für etwas Besseres halten und bewusst keinen Kontakt zu Menschen in Notsituationen haben wollen. So unglaublich und traurig das auch klingt. Seine Gattin wiederum meinte, es sei eine Folge des Reichtums. Aber müsste nicht gerade dann das Teilen einfacher fallen? Gerade in Zeiten, in denen nicht alle von Hunger und Not betroffen sind?

Stattdessen hat sich in vielen Bereichen eine ignorante Bespaßungsgesellschaft entwickelt.

Natürlich soll das Leben gefeiert und gelebt werden. Aber doch nicht um den Preis der Gleichgültigkeit gegenüber Leidenden. Stattdessen sitzen Menschen nebeneinander, versunken in ihre Handys, konsumieren Kurzvideos mit einem Inhalt, den man nur als banal oder stumpfsinnig bezeichnen kann und stolpern dabei, bildlich gesprochen, über die Beine eines Menschen, der auf der Straße liegt. Egal. Hauptsache TikTok, Hauptsache Ablenkung. Dort scheint für viele das Leben stattzufinden.

Doch eine Gesellschaft definiert sich nicht über ihren Wohlstand, sondern über ihren Umgang mit den Schwächsten. Armut ist kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftliches Versäumnis. Wegzusehen mag bequem sein, entbindet aber niemanden von Verantwortung.

Vielleicht beginnt Veränderung nicht bei großen politischen Konzepten, sondern bei der inneren Haltung. Beim Hinschauen. Beim Nicht-Weitergehen. Beim Anerkennen, dass wir einander brauchen. Und dass Menschlichkeit kein Luxus ist, sondern eine Verpflichtung. Gerade dann, wenn es schwieriger wird.