Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

50 Jahre Cselley Mühle

Vor genau 50 Jahren wurde die Cselley Mühle in Oslip von Robert Schneider und Sepp Laubner als Aktionszentrum gegründet. Die ganz Großen waren schon damals hier und kamen immer wieder; bis heute sind es all die Menschen, die hier aus- und eingehen und die Mühle zu einem besonderen Ort machen.

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer

Es war eines dieser Jahre, die nicht nur im Rückspiegel zeigen: Da lag was in der Luft! 1976 wird die Arena in Wien besetzt, mit der Reichsbrücke stürzt ein symbolischer Rest der Donaumonarchie in den Strom, und im Burgenland wird der gesellschaftliche wie kulturelle Frühling beim ersten Jazzfest in Wiesen gefeiert. Knapp 30 Kilometer weiter nördlich wird die Cselley Mühle zum Schauplatz des Aufbruchs.

Alles, was es dazu gebraucht hat, war ein bunter Haufen junger Künstlerinnen und Künstler, die Raum für ihre Experimente zwischen Malerei und Keramik, zwischen Musik und aktionistischem Happening suchten und die historische Osliper Mühle eroberten. Den Umbau zum Kultur- und Aktionszentrum bewerkstelligten die Gründer Robert Schneider und Sepp Laubner mit vielen freiwilligen Helfern, damals im Studium, heute Rechtsanwälte, Ärztinnen und Ärzte, Künstlerinnen und Künstler.

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer, unknown

Die Parallelwelt der Mühle (man könnte es auch ein „sozial-kulturelles Projekt“ nennen) eröffnete einen neuen Raum und öffnete sich für alle. Der riesige historische Gebäudekomplex wurde im Lauf der Jahre und Jahrzehnte laufend weiterentwickelt, angepasst (mit Respekt vor der Bausubstanz), es wurde viel ausprobiert, und vieles davon blieb. Ein multifunktionales Lebenswerk wie dieses war eine (finanzielle) Herausforderung. Auch davon konnten Schneider, Laubner, Eveline Lehner und Hans Bögl - die Köpfe hinter der „alten Mühle“ - ein Lied singen.

„Geld war keines da, jetzt ist uns nix anderes übrig geglieben, als es selber zu machen“, sagte Robert Schneider einst, wie immer auf den Punkt. Später gab es Preise für die Gestaltung als besonders prägendes Kulturbauwerk. Und dann die vielen Besucherinnen und Besucher, die Stammgäste, die begeisterten aus aller Welt, die immer wiederkamen. Generationen junger Künstlerinnen und Künstler legten hier wichtige Bausteine ihrer Karriere.

Leben, tanzen und feiern ... auf Du und Du

All das ganz nach der Vision der Gründer: ein nach allen Richtungen offener, kreativer Ort des Austausches und der „Ermöglichung“, ein Ort vieler Leben, Brennglas für gesellschaftliche Themen, Platz für Jugendkultur und Raum für Experimente zwischen Malerei, Keramik, Musik und aktionistischer Kunst.

Die Cselley Mühle als „Spielplatz der Generationen“, wie eines der Bücher zu den bewegten Jahren (noch erhältlich im Verlag „edition lex liszt 12“) so treffend betitelt wurde. Kurz und gut: Beseelt von den Menschen, die hier ein- und ausgegangen sind. Die „Mü“ als Institution, Anker und Sinnbild, das bis heute Bestand hat

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer

Die großen Events im Rückblick

1977 wurde das erste „Pop-Festival“ veranstaltet, 48 Stunden Open Air! Wolfgang Ambros spielte auf, zehn regionale Bands und Hot Chocolate als Headliner (die britischen Soul-Legenden waren damals zuhause Nummer eins der Hitparade).

In den 1970er-Jahren gab es im Burgenland schon eine vielfältige Kulturlandschaft, die auch als solche anerkannt und weitereintwickelt wurde. Die ersten Bemühungen, ein flächendeckendes Kulturangebot zu schaffen, wurden intensiviert, wobei die Initiative vor allem von Einzelpersonen ausging.

In den 1980er-Jahren zeigten die politisch Veranwortlichen Verständnis für kleine und große Problemfelder, und zu dieser Zeit hat die Mühle für das Burgenland schon „viel getan“, als Teil der Identität Interesse quer durch alle gesellschaftliche Schichten geweckt. Die Region wird wahrgenommen.

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer

Neben sämtlichen Größen des damaligen Austropop, wie Ambros, Opus, Ostbahn Kurti, Rainhard Fendrich, Stefanie Werger, Maria Bill, Hansi Lang oder Drahdiwaberl mit Frontman Stefan Weber bestritten bald immer mehr internationale Musikerinnen und Musiker die Konzertabende in Oslip. Der Stadl wurde zum großen Saal, vieles wurde möglich.

Eveline Lehner, die für diesen Beitrag intensiv in die Mühlen-Archive eingetaucht ist, erinnert sich an Highlights: Mother's Finest, Eric Burdon, Joe Cocker und viele andere wie Paco de Lucia, Chick Corea, Jestofunk, José Feliciano, Konstantin Wecker, Jimmy Cliff, John McLaughlin ...

Die österreichische Kabarettszene definierte sich in dieser Zeit ebenfalls neu: Lukas Resetarits, Roland Düringer, Andreas Vitásek, Alfred Dorfer, Thomas Maurer, Günther „Gunkl“ Paal, Josef Hader und Co. standen am Beginn ihrer Karriere im Kellertheater auf der Bühne, nun kamen sie zurück und füllten den Konzertsaal.

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer

Nach Lesungen von renommierten Literatinnen und Literaten wie Wolfgang Bauer, H.C. Artmann, Peter Turrini, Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm und Schauspielern wie Erwin Steinhauer oder Helmut Qualtinger kam auch bald Bewegung in die junge Literaturszene der Region.

In der Galerie der Mühle wurden Franz Ringel, Hermann Nitsch, Bruno Gironcoli, Tone Fink, Adolf Frohner, Alfred Hrdlicka, Manfred Deix, Gerhard Haderer, Gunther Damisch und viele andere ausgestellt. Pioniere wie Bert Gstettner und später Chris Haring etablierten auch den zeitgenössischen Tanz.

Der Verein „eu-art-network“ fand von 2001 bis 2021 einen fixen Platz für das jährlich stattfindende internationale Symposium, das die Bereiche zeitgenössischer Kunst, Performance, Musik und Literatur abdeckte und sich bis heute kritisch mit Themen der Zeit auseinandersetzt.

Die 90er: „zwischen Kommerz und Subkultur“

In den 1990er-Jahren fand dann ein Generationenwechsel statt, ein Sprung ins neue Jahrzehnt für Musik und Publikum. Internationale Acts wie die Melvins wurden in die Mühle geholt, als Support stand immer eine der zahlreichen lokalen Bands auf der Bühne. Durch das „Zulassen“ und „Ermöglichen“ machten viele ihre ersten (oder auch zweiten) Schritte in der Cselley Mühle: Cari Cari, Garish, Tanz Baby!, Voodoo Jürgens, Bilderbuch oder Ja, Panik ...

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer

Von 2015 bis 2021 versammelte das Festival „Cest la Mü“ die Szene: My Ugly Clementine, Attwenger, Ernst Molden, Felix Kramer, Pauls Jets, Monsterheart, Clemens Haipl, Sebastian Janata, Berni Wagner und viele mehr sorgten für einen Fixpunkt in der Jahresplanung.

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer

Robert Schneider war bis zu seinem Tod im Jahr 2019 Geschäftsführer; seine Frau Eveline Lehner übernahm nach ihm die Geschäftsführung. Sepp Laubner verstarb im Jahr 2020. In ihrem 45. Jahr wurde die Cselley Mühle an die Privatstiftung Mario Müller verkauft. Und mit Mario und Ulrike Müller begann 2021 wieder ein neuer Zeitabschnitt.

Die Csello Mühle wird mit neuem Team und vielen Veranstaltungen und Konzerten weiter belebt. Auch Eveline Lehner dankt dafür, „dass sie den Mut hatten, diesen besonderen Ort mit neuen Ideen weiterzuführen“. Lehner selbst sieht die Mühle so:

„Ein Wachsen und Weiterentwickeln.
Ein Kommen und Gehen.
Die Mühle hat sich in all den Jahren auch immer selbst gewandelt.
Ein Ort vieler Leben und verschiedener Sichtweisen.“

Die Mühle als Lebenseinstellung: Zurück in die 70er, der Zeit voraus

© Wolfgang Millendorfer