Klee-Perücken: ein Stück zurückgewonnener Würde
Land und Leute
Ein Haar in der Bürste kann plötzlich deutlich machen, dass nichts mehr so ist wie zuvor.
Christoph Klee kümmert sich mit viel Empathie und Liebe um die Frisur seiner Kundinnen.
© Jagoschuetz Laura
Für Menschen, die durch eine Krebserkrankung ihre Haare verlieren, vermag eine Perücke ein kleines Stück Normalität, Selbstbestimmung und Sicherheit zurückzugeben. Christoph und Sascha Klee wissen aus persönlicher Erfahrung, was die Diagnose Krebs für einen Menschen und seine Angehörigen bedeutet. In ihrem Perückenstudio in Eisenstadt schenken sie ihren Kundinnen und Kunden deshalb vor allem eines: Zeit und Vertrauen.
Manchmal verändert eine Diagnose das ganze Leben. Und manchmal beginnt die Veränderung mit einem Haar, das plötzlich in der Bürste liegt. Für Menschen, die durch eine Krebserkrankung ihre Haare verlieren, ist der Blick in den Spiegel plötzlich ein anderer. Eine Perücke bedeutet dann viel mehr als das nüchterne Wort Haarersatz. Sie vermag es, ein Stück Normalität, Selbstbestimmung und Sicherheit zurückzugeben.
Christoph und Sascha Klee wissen nur zu gut darüber Bescheid. In ihrem Perückenstudio in Eisenstadt geht es deshalb nicht nur um Farbe, Länge und Frisur. Es geht vor allem um Vertrauen, Diskretion und Fingerspitzengefühl.
Eisenstädter Friseurdynastie
Christoph Klee entstammt einer Eisenstädter Friseurfamilie. Seine Mutter eröffnete bereits 1960 ihr erstes Friseurgeschäft in Eisenstadt. Alle drei Söhne wurden Friseure, insgesamt entstanden im Laufe der Jahre sechs Geschäfte. Christoph selbst schlug zunächst einen anderen Weg ein: Er lernte Bürokaufmann, danach absolvierte er die Friseurlehre. Mit Perücken hatte er schon immer zu tun, allerdings eher nebenbei. Rund drei Damen im Monat betreute er damals.
Seine Mutter erkannte jedoch eine ganz besondere Begabung ihres Sohnes: Er konnte feinfühlig mit Menschen umgehen. Und so gab sie ihm einen Wunsch mit auf den Weg: Was immer er beruflich machen würde – die Perücken solle er weiterführen. Dieser Wunsch sollte später zu seinem beruflichen Mittelpunkt werden.
Zwei unterschiedliche Charaktere
2020 lernte Christoph seinen heutigen Mann Sascha kennen. Die beiden sind charakterlich unterschiedlich, sagen sie, aber gerade deshalb eine gute Ergänzung.
Sascha studierte nach Abschluss der HAK Unternehmensberatung und war anschließend 17 Jahre im Bankbereich im Management tätig. Mit Haaren und Perücken hatte sein bisheriger Berufsweg nichts zu tun. Dann kam Corona. Die Situation am Arbeitsmarkt wurde schwieriger, Christoph entschloss sich, sein Friseurgeschäft zu schließen und sich künftig ganz der Versorgung mit Perücken zu widmen. Und Sascha? Der rutschte Schritt für Schritt in das Geschäft hinein, schließlich sogar voll und ganz.
Aus zwei unterschiedlichen beruflichen Welten wurde ein gemeinsamer Weg. Heute betreiben Christoph und Sascha Klee ihre Perückengeschäfte in Eisenstadt und Wien. Was sie verbindet, ist dabei nicht nur die gemeinsame Arbeit. Beide Männer haben ihre Mütter durch Krebs verloren.
Eine persönliche Verbindung
Sie wissen daher aus eigener Erfahrung, was eine Krebserkrankung für einen Menschen und seine Angehörigen bedeutet. Und zwar nicht nur medizinisch, sondern auch emotional. Angst, Unsicherheit, viele Veränderungen, und eben auch der Moment, in dem die Haare ausfallen. Diese persönliche schmerzliche Erfahrung hilft ihnen, sich in ihre Kundinnen und Kunden hineinzuversetzen.
Rund 70 Prozent ihrer Kundschaft kommt aufgrund einer Krebserkrankung zu ihnen. Die übrigen benötigen Haarersatz wegen anderer Formen von teilweise oder vollständig ausgeprägtem Haarausfall. Rund 90 Prozent der Kundinnen und Kunden sind Frauen, zehn Prozent Männer. Bei den Männern handelt es sich meist um Personen, die in der Öffentlichkeit stehen oder eine leitende Position innehaben.
Wie läuft alles ab? Man kommt mit einer Verordnung des behandelnden Arztes ins Geschäft. Ein langes, intensives, kostenloses Beratungsgespräch folgt. Welche Farbe gefällt? Welche Länge? Welche Struktur? Soll die Perücke möglichst dem bisherigen Aussehen entsprechen oder darf es etwas ganz Neues sein? Aussuchen darf man, was gefällt.
Echthaar oder Kunsthaar?
Grundsätzlich wird zwischen Kunsthaar- und Echthaarperücken unterschieden. Kunsthaar ist unkompliziert: Nach dem Waschen findet die Perücke in der Regel wieder in ihre ursprüngliche Form zurück. Echthaar wirkt und fühlt sich besonders natürlich an, benötigt aber mehr Pflege. Nach dem Waschen muss mit Kamm oder Bürste und meist auch mit dem Föhn nachgeholfen werden.
Auch bei der Verarbeitung gibt es Unterschiede. Perücken werden maschinen- oder handgeknüpft. Besonders gefragt sind heute zudem Lace-Perücken. Bei einer Lace-Front sorgt ein besonders feines Netz am vorderen Haaransatz für einen natürlichen Übergang zur Haut. Full-Lace-Perücken bieten diese feine Konstruktion über einen größeren Bereich und ermöglichen dadurch unterschiedliche Scheitel- und Stylingmöglichkeiten. Welche Variante passt, wird gemeinsam entschieden.
Für die Beratung gibt es eigene Räume. Niemand muss vor anderen Menschen über seine Erkrankung oder seinen Haarausfall sprechen. Auch nach außen achten Christoph und Sascha auf Diskretion. Die Einkaufstaschen tragen kein auffälliges Logo. Schließlich soll niemand beim Verlassen des Geschäfts das Gefühl haben, seine persönliche Situation nach außen tragen zu müssen. Diskretion ist oberste Priorität.
Auf Wunsch werden im Studio auch die Haare abrasiert. Anschließend erklären Christoph und Sascha genau, wie die Kopfhaut gepflegt werden sollte und welche Produkte dafür geeignet sind. Ihr Wissen haben sich die beiden Männer weitgehend selbst angeeignet. Eine eigene Ausbildung zum Perückenmacher gibt es nicht. Früher wurde das Thema im Rahmen der Friseurausbildung noch angeschnitten, heute kaum mehr.
Christoph Klee kümmert sich mit viel Empathie und Liebe um die Frisur seiner Kundinnen.
© Jagoschuetz Laura
Ein Stück Selbstbestimmung
Was Christoph und Sascha an ihrer Arbeit besonders erfüllt, ist der Moment, in dem ein Mensch wieder zufrieden in den Spiegel blickt. Das Leid können sie nicht wegnehmen. Die Krankheit können sie nicht verändern. Aber sie können versuchen, einen kleinen Teil der Belastung leichter zu machen. „Es ist unglaublich befriedigend, helfen zu können, Angst und Scham zu nehmen. Eine Perücke soll nichts sein, das man verstecken muss“, sagen die beiden.
Vor allem darf sie kein Tabuthema mehr sein, denn sie ist medizinisch notwendig, um Sicherheit zu vermitteln. Jede Kundin soll selbst entscheiden, wie sie aussehen möchte. Blond oder braun, kurz oder lang, glatt oder lockig. Vielleicht so wie früher, vielleicht ganz anders. Neue Wege, neue Herausforderungen, neuer Look.
Auch mit anderen Organisationen, die Menschen während einer Krebserkrankung begleiten, sind Christoph und Sascha gut vernetzt. Unter anderem arbeiten sie eng mit „feelagain“ zusammen. Die Botschaft dahinter ist bei allen Initiativen dieselbe: Der Mensch darf nicht auf seine Erkrankung reduziert werden.
Christoph Klee kümmert sich mit viel Empathie und Liebe um die Frisur seiner Kundinnen.
© Jagoschuetz Laura
Wenn man sich wieder selbst sieht
Christoph hat den Wunsch seiner Mutter erfüllt. Aus den wenigen Kundinnen, die er früher neben seiner Tätigkeit als Friseur betreute, ist eine Aufgabe geworden, die heute sein berufliches Leben bestimmt. Gemeinsam mit Sascha hat er einen Ort geschaffen, an dem Menschen in einer schwierigen Lebensphase nicht das Gefühl bekommen sollen, nur noch Patient zu sein.
Sie dürfen auswählen, ausprobieren, sich verändern, um ein kleines Stück Normalität und Würde zurückzugewinnen und das Gefühl zu haben: Ja, das bin wieder ich.
Christoph und Sascha Klee betreiben in Eisenstadt und Wien zwei Perückengeschäfte. Mit viel Engagement und Feingefühl helfen sie von Haarausfall betroffenen Menschen, Selbstvertrauen und Würde zurückzugewinnen.
© Laura Jagoschütz