„Kompass“ für Angehörige: Verbunden bleiben bei Demenz

Einen Kompass für Angehörige und Pflegende von demenzerkrankten Menschen bieten Ulrike Zika und Hildegard Nachum in ihrem vor kurzem erschienenen Buch „Verbunden bleiben bei Demenz“.

Ulrike Zika und Hildegard Nachum verfassten gemeinsam bereits das zweite Buch. Karl Wappel

Ulrike Zika und Hildegard Nachum verfassten gemeinsam bereits das zweite Buch. Karl Wappel

© Karl Wappel

„Demenz verändert vieles: Vertraute Rollen, Gespräche, Beziehung und Alltag. Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, bewegt sich oft zwischen Nähe und Abgrenzung, zwischen Fürsorge und Erschöpfung. Im Buch „Verbunden bleiben bei Demenz. Beziehung gestalten, ohne sich selbst zu verlieren“, zeigen die Validationsmasterin Hildegard Nachum und die Trainerin und Entwicklungsbegleiterin Ulrike Zika auf, wie Begegnung auch unter schwierigen Bedingungen möglich bleibt und warum gute Selbstfürsorge dafür keine Nebensache ist.

Ein Vater im Pflegeheim zieht jeden Abend Mantel und Hut an, weil er „nach Hause“ will. Eine Mutter erkennt ihre Tochter nicht mehr. Eine Bewohnerin beschuldigt die Pflegerin, ihren Schmuck gestohlen zu haben. Solche Situationen kennen viele Familien, und sie bringen Angehörige ebenso wie Pflegende an ihre Grenzen. Gutes Zureden und Korrigieren helfen dabei meist nicht weiter.

Drei Haltungen

In ihrem Buch setzen die Autorinnen auf drei Haltungen, die sich im Alltag gegenseitig stärken. Die Validation nach Naomi Feil korrigiert und bewertet nicht, sondern versteht Verhalten als Ausdruck innerer Bedürfnisse. Achtsamkeit hilft, in angespannten Momenten einen Schritt zurückzutreten und bewusst zu entscheiden, wie man reagiert. Mitgefühl und Selbstmitgefühl schützen davor, im Leid des anderen unterzugehen. Gerade diese Unterscheidung ist für pflegende Angehörige wichtig. Empathie, also das Mitfühlen mit dem Schmerz des anderen schafft Nähe, kann auf Dauer aber erschöpfen. Mitgefühl dagegen ist eine fürsorgliche Haltung, die es möglich macht, für andere da zu sein und dabei stabil zu bleiben.

Die Neurowissenschaft zeigt, dass es sich dabei um zwei unterschiedliche Vorgänge im Gehirn handelt: Empathie aktiviert Schmerz- und Stressareale, Mitgefühl dagegen Belohnungs- und Fürsorgenetzwerke, die Wärme, Zugehörigkeit und Verbundenheit ermöglichen. Während Empathie auslaugen und bis ins Burnout führen kann, kann Mitgefühl stressmindernd und stärkend wirken.

Zwei Perspektiven

„Der Mensch ist unabhängig von seinen kognitiven Fähigkeiten immer mehr als seine Diagnose“, sagt Hildegard Nachum. „Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, darf auch müde sein und eigene Grenzen haben. Mitgefühl beginnt bei einem selbst“, ergänzt Ulrike Zika und fügt hinzu: „Im Buch ‚Verbunden bleiben bei Demenz. Beziehungen gestalten, ohne sich selbst zu verlieren‘ haben wir zwei Perspektiven zusammengeführt. Hildegard Nachum ist Validation-Masterin und hat langjährige Erfahrung in der Pflege von Menschen mit Demenz. Mein Beitrag gilt den Begleitenden, also Angehörigen und Pflegenden - wie diese mit Achtsamkeit, Mitgefühl und Selbstfürsorge in Beziehung bleiben können, ohne sich dabei selbst zu verlieren.“

Ulrike Zika, geboren 1971 in Wien, ist Autorin, diplomierte Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin, Ernährungsberaterin und Trainerin für Achtsamkeit und Mitgefühl. zVg

Ulrike Zika, geboren 1971 in Wien, ist Autorin, diplomierte Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin, Ernährungsberaterin und Trainerin für Achtsamkeit und Mitgefühl. zVg

© zVg

Diese Frage beschäftigt Ulrike Zika auch weit über das Thema Demenz hinaus. „Als selbstständige Trainerin und ehemalige Sozialarbeiterin arbeite ich mit Menschen, die sich in einer Außnahmesituation befinden, die beruflich stark unter Druck stehen, vor allem in Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufen, aber auch mit Teams und Führungskräften. Es geht um mentale Gesundheit und Selbstführung, um Mitgefühl statt Erschöpfung und um gute Zusammenarbeit unter Belastung“, so die Loipersbacherin, die dadurch in ganz Österreich unterwegs ist.

Kompass, nicht Regelwerk

Nach „Die Weisheit der Demenz. Wegweiser zum würdevollen Umgang mit desorientierten Menschen“ ist es das zweite gemeinsame Buch der beiden Autorinnen. Während hier die Validation und das Verstehen der Menschen mit Demenz im Mittelpunkt standen, rücken in ihrem neuen Buch auch die Begleitenden selbst in den Blickpunkt.

Themen wie Nähe und Distanz

Daher versteht sich das Buch „Verbunden bleiben bei Demenz“ als Kompass und nicht als Regelwerk. Anhand vieler Geschichten aus der Praxis geht es um Themen wie Nähe und Distanz im Krankheitsverlauf, Vertrauen zwischen Angehörigen und Pflegepersonal, Grenzen setzen, den Rollenwechsel in der Familie, die Kraft von Musik und Ritualen sowie die Begleitung in der letzten Lebensphase bis hin zu Abschied und Trauer. Übungen und kurze Zusammenfassungen machen die Inhalte im Alltag anwendbar.

Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, darf auch müde sein und eigene Grenzen haben. Mitgefühl beginnt bei einem selbst

Ulrike Zika wurde 1971 in Wien geboren. Vor zehn Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Loipersbach. „Hier lebe ich in unserem alten Streckhof ein glückliches Leben als Burgenländerin und genieße die Art und Weise wie man hier lebt sehr“, schildert sie. „In unserem Garten stehen Obstbäume und wir ziehen Kräuter und Gemüse für den Eigenbedarf. Da wir beide gerne kochen und essen verwenden wir dafür am liebsten Zutaten aus dem eigenen Garten“, so die Autorin.

In Loipersbach gelangte Ulrike Zika in den Arbeitskreis „Gesundes Dorf“, aus dem die Initiative „Verbundenheit leben“ entstand. „Hier habe ich bei der Entstehung federführend mitgewirkt, denn ich weiß, dass gute soziale Beziehungen und Verbundenheit mit anderen Menschen enorm wichtig für unser seelischesch und körperliches Wohlbefinden und unsere Gesundheit sind. Wenn wir gut mit uns selbst verbunden sind, dann kann man auch gut mit anderen umgehen“, sagt die unerschütterliche Optimistin, wie sie sich selbst bezeichnet, die in ihrer Freizeit als Ausgleich zu ihrer österreichweiten Trainertätigkeit gerne zeichnet und malt.

Zahlreiche Kochbücher

Die Liebe fürs Kochen und gesundes Essen sowie ihre Passion für das Verfassen von Texten hat sie auf das Schreiben von Bücher gebracht. Daher ist es kein Wunder, dass die ausgebildete Ernährungsberaterin nach Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) zahlreiche Kochbücher über gesundes Essen wie etwa „Meine Wohlfühlküche mit Herz“, „Das Green Protein-Kochbuch“, „Nie mehr Zucker-Junkie!“, „Reizmagen“, „Kraftsuppen & „Eintöpfe“, „Hausmannskost aus dem Dampfgarer“ oder „Bei Hitze cool bleiben“ - um nur einige zu nennen - verfasste.

Die TCM ist eine Jahrtausende alte Erfahrungsmedizin, deren ganzheitliches Verständnis von Gesundheit darauf beruht, dass wir diese vorrangig über unsere Lebensführung beeinflussen können. Eine zentrale Rolle spielt dabei unsere Ernährung. In meinen Beratungen vereine ich meine Expertise der TCM mit jener der Achtsamkeit und des Selbstmitgefühls.

„Jetzt bin ich mit den Kochbüchern durch“, schmunzelt sie und hat sich nun der Thematik Demenz, Gesundheit, Mitgefühl und Achtsamkeit zugewandt, worüber sie nun mit ihrer Co-Autorin Hildegard Nachum bereits das zweite Buch verfasst hat.

Ein weiteres Projekt der beiden Autorinnen ist schon in der Warteschlange: „Wir planen ein Online-Format zur Unterstützung von Angehörigen demenzerkrankter Menschen zu entwickeln“, so Ulrike Zika.