Martiniloben: Wo die Weinkeller öffnen
40 Jahre Tradition
Das Martiniloben verbindet kirchliches Brauchtum mit der Präsentation des neuen Weinjahrgangs. Rund um den 11. November öffnen Winzerinnen und Winzer im Nordburgenland ihre Keller und laden zur Verkostung. Was heute ein fixer Bestandteil des regionalen Veranstaltungskalenders ist, hat eine lange Geschichte.
© JULIAN FOEZOE
Vom bäuerlichen Brauch zum Weinfest
Der Ursprung des Martinilobens geht auf den heiligen Martin von Tours, den Landespatron des Burgenlands, zurück. Am 11. November endete früher das bäuerliche Jahr. Die Weinbauern zogen von Keller zu Keller, verkosteten den jungen Wein der neuen Ernte und gaben ihm seinen Namen. War er reif, wurde er gesegnet und offiziell zum Wein erklärt. Weinsegnung, Brauchtum und geselliges Beisammensein bilden bis heute die Grundlage des Festes.
Seine heutige Form erhielt das Martiniloben in den späten 1980er-Jahren. Damals stand der burgenländische Wein vor einer schwierigen Aufgabe: Nach dem Glykol-Skandal von 1985 war sein Ruf angeschlagen. Winzerinnen und Winzer sowie Gastronomen bemühten sich, das Vertrauen zurückzugewinnen und die Qualität des heimischen Weins stärker hervorzuheben.
Eine prägende Rolle spielte dabei der Frauenkirchener Gastronom Sepp Sailer. Er erkannte zugleich das touristische Potenzial des Novembers, in dem am Neusiedler See wenig los war. In einem BVZ-Interview vor zwei Jahren erinnerte er sich: „November war totales Ende am Neusiedler See, da war nichts. Ich habe gesagt, wir müssen den Martini feiern und den Wein loben!“
Eine Idee wird zur regionalen Tradition
Das Wort „Martiniloben“ hatte Sailer bereits im Kopf. Statt ein neues Fest zu erfinden, knüpfte er an einen bestehenden Brauch an und rückte ihn stärker ins öffentliche Bewusstsein: „Martini mit Weinverkostung hat es ja sowieso schon immer gegeben“, erklärt Sailer.

Sepp Sailer
© zVg/Sailer
Aus dieser Rückbesinnung entstand ein neues Veranstaltungskonzept. 1987 organisierte Sailer die erste Bezirksweintaufe in der Basilika Frauenkirchen. Das Fest sollte jährlich in einer anderen Weinbaugemeinde stattfinden und von offenen Kellertüren begleitet werden. Auf Frauenkirchen folgte Gols. Die Veranstaltung kam so gut an, dass die Golser Weinbauern im Jahr darauf erneut ihre Keller öffneten. Weitere Weinbauorte schlossen sich an.
Damit war der Grundstein für eine Tradition gelegt, die sich über die Jahre rund um den Neusiedler See etablierte und nun zu einem wichtigen wirtschaftlichen und touristischen Faktor geworden ist. Was mit der Präsentation des jungen Weins begann, wurde zunehmend auch zu einer Gelegenheit, die Menschen hinter den Weinen kennenzulernen und die Vielfalt der regionalen Weinbauorte zu entdecken.
Das Grundprinzip ist bis heute geblieben: Junge Weine verkosten, mit den Winzerinnen und Winzern ins Gespräch kommen und den neuen Jahrgang mit nach Hause nehmen. Ergänzt wird das Angebot vielerorts durch regionale Kulinarik und herbstliche Spezialitäten wie das Martinigansl. So verbindet das Martiniloben den alten Brauch mit einem zeitgemäßen Genusserlebnis.