Vier Eisenstädter auf dem Hippie Trail

Reisereportage

Lange Haare, Schlaghosen, Gitarren und Freiheit im Kopf. Die Beatles und die Rolling Stones lieferten den Soundtrack einer Generation, die Welt schien plötzlich größer zu werden, Reisen war noch längst keine Selbstverständlichkeit. Kein Smartphone, kein Internet, kein Google Maps, dafür ein Rucksack, ein Schlafsack, ein paar Schillinge und jede Menge Abenteuerlust.

Nina Mayer ließ sich von Gerhard Mayer und Martin Nehrer von der abenteuerlichen Reise nach Indien vor 50 Jahren erzählen.

Nina Mayer ließ sich von Gerhard Mayer und Martin Nehrer von der abenteuerlichen Reise nach Indien vor 50 Jahren erzählen.

© Nina Mayer

Es war die Zeit des Hippie Trails. Junge Traveller machten sich von Europa aus auf den Weg Richtung Osten, über Istanbul, Teheran, Afghanistan und Pakistan bis nach Indien und Nepal. In London starteten manche mit dem legendären „Magic Bus“ - ausrangierten Bussen, die ihre Passagiere bis nach Delhi bringen sollten.

Vier fesche Eisenstädter Burschen waren allerdings noch cooler: Gerhard Mayer, Martin Nehrer, Reinhard Horvath und Erich Lunzer organisierten ihre Reise selbst. Drei Monate, von Eisenstadt bis nach Indien und zurück. Ihr Budget war überschaubar. Mit 4000 bis 5000 Schilling starteten sie ihr Abenteuer.

Die vier waren bereits mit 16 Jahren zum ersten Mal alleine unterwegs gewesen. Damals, als Interrail gerade erst aufkam. Nach der Matura 1973 führte die erste größere Reise für einen Monat in die Türkei. Doch der eigentliche Traum hieß Indien. 1976 war es so weit. Gestartet wurde in Wien. Rein in den Zug und los!

Coole Eisenstädter Jungs in den 70ern: Martin Nehrer, Reinhard Horvath, Gerhard Mayer und Erich Lunzer.

Coole Eisenstädter Jungs in den 70ern: Martin Nehrer, Reinhard Horvath, Gerhard Mayer und Erich Lunzer.

© Martin Nehrer

Erste Station: Istanbul

Die Fahrt vom Wiener Südbahnhof nach Istanbul verbrachte man zu acht in einem Abteil: Die vier Eisenstädter teilten es mit vier türkischen Gastarbeitern. Besonders bemerkenswert deren Reisegarderobe: Nadelstreifanzug, darunter der Jogginganzug für die Nacht.

In Istanbul wurde geschlafen, wo es gerade möglich war – vorzugsweise günstig. Immer wieder stellte sich dieselbe Frage: Wie kommen wir jetzt weiter? Heute wäre das mit wenigen Klicks beantwortet. Damals musste man fragen, suchen, improvisieren. So fanden die vier einen öffentlichen Bus, der für drei Tage zu ihrer Herberge wurde und sie Richtung Teheran brachte.

Um zwei Uhr in der Früh kamen die Burschen in der Millionenstadt an. Mangels Quartier mussten die Eisenstädter im Schlafsack auf der Straße schlafen. Der Weckdienst: ein unsanfter Tritt eines Wachorgans.

Erich Lunzer und Gerhard Mayer.

Erich Lunzer und Gerhard Mayer.

© Martin Nehrer

Die Heldentaten der Jugend

Die Fahrt durch Ostanatolien war nicht ungefährlich. Immer wieder kam es zuvor zu Übergriffen auf Busse. Der Fahrer wusste sich zu helfen: Seine Pistole lag griffbereit und er ließ die Fenster vergittern. Die vier Traveller blieben trotzdem erstaunlich gelassen. Angst? Nie! Süßer Vogel Jugend, wäre man versucht, mit Tennessee Williams zu sagen.

Eine Begegnung auf der Reise sollte später noch eine besondere Rolle spielen: Sanjay, der Sohn einer wohlhabenden indischen Familie. Er lud die vier Österreicher zu sich nach Hause ein. Doch zunächst galt es, Persien zu entdecken.

Was für ein Kontrast zu Ostanatolien! Teheran, Täbris, Maschhad … Persien präsentierte sich den jungen Reisenden als wohlhabendes, sauberes und blühendes Land. Regiert wurde es damals vom letzten Schah, Mohammad Reza Pahlavi. Unvergessen auch seine hübsche Frau Farah Diba.

Ab in den Bus! Oder manchmal auch auf das Dach eines solchen Gefährts.

Ab in den Bus! Oder manchmal auch auf das Dach eines solchen Gefährts.

© Martin Nehrer

Handel mit Waren aller Art

Das eingeschränkte finanzielle Budget der Burschen forderte kreatives Handeln. Martin Nehrer etwa verkaufte seine Holz-Clogs, die in Persien erstaunlich begehrt waren, für sagenhafte 100 Dollar. Aber auch Grenzen wurden zu kleinen Geschäftsplätzen. In Madras kaufte jeder der vier einen besonders prächtigen Hochzeitssari. Nicht etwa, weil die eigene Hochzeit bevorstand.

Die kostbaren Stücke wurden in Ceylon für rund 300 Dollar weiterverkauft. Auf dem Rückweg verdiente man mit Gewürznelken. An einer anderen Grenze waren Jack Daniel‘s und Triple Five heiß begehrt – besonders bei Taxifahrern, die bei der Einreise schon auf die heiße Ware warteten.

Im Bus staunten die Eisenstädter nicht schlecht: Zwei ihrer Mitschülerinnen waren Models, und von beiden hingen in diesem fernen Land Poster der Burgenlandwerbung im Transportmittel. (Eine davon war übrigens meine Mama, die beim Gespräch ordentlich über die Geschichte staunte.)

In Herat angekommen, stand zunächst etwas ganz anderes auf dem Programm: Körperpflege. Seit fünf Tagen hatten die vier nicht geduscht. Das wurde nun gründlich nachgeholt. Jeder verbrauchte sein komplettes Stück Seife. Zum Glück waren keine Mädchen dabei, die das geruchstechnische Drama erleiden mussten.

Zur Abwechslung mit dem Schiff unterwegs.

Zur Abwechslung mit dem Schiff unterwegs.

© Martin Nehrer

Andere Länder, andere Sitten

Überhaupt war diese Reise eine Aneinanderreihung von Bildern, die sich ein Leben lang einprägen. Arabische Musik dröhnte aus kaputten Lautsprechern, mitten in der Einöde hielt der Bus plötzlich für Gebetsrituale. Fremde Bräuche und Sitten eröffneten eine völlig andere Welt. Und manche Eindrücke – etwa die Witwenverbrennungen in Varanasi am Ganges – wollten die jungen Österreicher lieber gar nicht so genau verstehen.

Gerhard und Erich hatten ihre Gitarren dabei. Musik wurde zum verbindenden Element, eine Sprache, die jeder verstand. In Kathmandu spielten die beiden auf den Stufen eines Tempels, ein unvergessliches privates Konzert.

Die Reise führte weiter: Kandahar, Kabul, über den legendären Chaiber-Pass nach Pakistan, weiter nach Peschawar, Lahore und schließlich Delhi. Am Chaiber-Pass konnten Waffen aller Art frei gekauft werden. Für junge Österreicher war das ein durchaus befremdlicher Anblick.

Eingesperrt im Taj Mahal

In Agra kam es zum Wiedersehen mit Sanjay. Nun staunten die vier nicht schlecht: Die Familie hatte einen eigenen Gästebungalow für ihre österreichischen Freunde. Drei Köche waren angestellt, darunter ein indischer und ein europäischer. Gastfreundschaft wird in Indien großgeschrieben. Nicht wie bei uns: Was auf den Teller kommt, wird gegessen.

Nach einem Bollywood-Kinoabend folgte ein Erlebnis, das wohl nur wenige Menschen auf der Welt erzählen können: Um Mitternacht besuchten Gerhard, Martin, Reinhard, Erich und Sanjay das Taj Mahal. Sie stiegen in die Grabkammern hinunter und wurden dort prompt versehentlich eingesperrt.

Jaipur und Kalkutta folgten, bevor es nach Nepal ging, genauer gesagt nach Kathmandu. Dort wartete an einem Zeitungsstand am Durbar Square, dem Hauptplatz Kathmandus, eine Überraschung der besonderen Art. Auf der ersten Seite der Nepalese Times waren zwei Fotos zu sehen: der Unfall von Niki Lauda und der Einsturz der Wiener Reichsbrücke.

Zurück in Indien zeigte das Land auch seine dunklen Seiten. Opium und Ganja (Haschisch) waren frei erhältlich, schockierend die Eindrücke von Menschen, die von den Drogen schwer gezeichnet waren.

Es gäbe noch so viele Geschichten: von Rikschas, die von Männern gezogen wurden, von Nächten auf der Straße, Begegnungen mit anderen Österreichern, Kühen, Fahrrädern und den allgegenwärtigen Schlaglöchern. Doch irgendwann muss auch die schönste Reise zu Ende gehen.

Hauptsache irgendein Schlafplatz.

Hauptsache irgendein Schlafplatz.

© Martin Nehrer

Weg mit der Wäsche!

Zurück wollte man mit dem Flugzeug. Der Flug von New Delhi nach München war gebucht. Als die vier allerdings sogar einen Tag früher zur Abreise eintrafen, war die Maschine bereits weg. Ein Umbuchen auf Pan Am Flight 001 war möglich, allerdings teuer. Also wurde verkauft, was noch Geld bringen konnte: Gürtel, Jeans, alles, was entbehrlich war. Der Flug führte schließlich nach Frankfurt. Das Gepäck ging nach London und kam irgendwann in Wien an. Also: Autostopp von Frankfurt nach München.

Und dann, nach drei Monaten in Indien, Afghanistan, Pakistan und unzähligen erlebten Abenteuern, noch ein unvergessliches Reiseerlebnis: das erste Bier nach monatelanger Alkoholabstinenz im Hofbräuhaus in München. Es schmeckte fabelhaft!

Auf Bus- und LKW-Bahnhöfen solcher Art galt es eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern.

Auf Bus- und LKW-Bahnhöfen solcher Art galt es eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern.

© Martin Nehrer

Keine Gastfreundschaft in München

Und auch die letzte Nacht hatte noch eine Geschichte parat. Gerhard traf einen Freund, der die vier in seinem Hotelzimmer schlafen ließ, weil sie nur mehr 12 D-Mark übrig hatten. Am nächsten Morgen wurde der Gastfreundschaft allerdings ein jähes Ende beschert. Der Hoteldirektor höchstpersönlich sorgte dafür, dass die vier Herren hochkant aus dem Zimmer flogen.

Ja, wer eine Reise tut, der kann etwas erzählen. Die vier Eisenstädter können sehr viel erzählen. Von fernen Ländern, fremden Kulturen, improvisierten Schlafplätzen, Freundschaften, Gefahren, Musik und Begegnungen. Vor allem aber von einer Zeit, in der man einfach losfuhr. Ohne Navi, ohne Handy, ohne Gewissheit, wo man am Abend schlafen würde.

Man hatte wenig Geld und Gepäck, aber viel Zeit und große Träume. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum diese Reise auch nach 50 Jahren so unvergessen geblieben ist: Sie ist nicht nur eine Erinnerung an den Hippie Trail, sondern eine Erinnerung an eine Jugend, in der die Welt noch ein großes Abenteuer war.

Martin Nehrer und Gerhard Mayer beim Vitaminetanken.

Martin Nehrer und Gerhard Mayer beim Vitaminetanken.

© Martin Nehrer