„Eigentlich ein Wunder, dass nicht noch mehr erschossen wurden“
Burgenland 1921
Sieglinde Senningers Onkel Ferdinand Schmidt wurde bei der versuchten Landnahme des Burgenlandes 1921 von Freischärlern erschossen, ihr Vater fast totgeprügelt. Mit der BVZ besucht sie den Tatort und erzählt von weiteren, nicht minder tragischen Kapiteln der Familiengeschichte.
"Ein Zeitdokument!" - Sieglinde Senninger hat den Grabstein, der an ihren Großvater sowie ihren 1921 ermordeten Onkel erinnnert, nach Auflassung des Grabes in ihrem Garten in Stegersbach aufgestellt.
© Fotos: BVZ/Kaiser
In der Vorwoche hatten wir in dieser Serie zwei „Märtyrer für das Burgenland“: den Güssinger Bürgermeister Simon Schalk und seinen Schwiegersohn Josef Illés, die - obwohl letzterer Ungar war - für ihre pro-österreichischen und wohl auch republikanischen Ansichten ermordet wurden. Der Mordfall in dieser Woche ist nicht minder tragisch, ihm etwas Heldenhaftes zu verleihen, wäre aber wohl etwas viel des Guten. „Sie waren halt neugierige Burschen“, erinnert sich Sieglinde Senninger die Geschichten, die in ihrer Familien über den berüchtigten 28. August 1921 erzählt wurden.
Die Offiziers-Ehre kennt keine Inflation
Aber die Tragik in Senningers Familiengeschichte begann bereits zwei Jahre zuvor. Senningers Großvater, Josef Schmidt, war eigentlich ein verdienter Offizier der k.u.k.-Armee, kam aber, wie Senninger betont, unverschuldet zu einem Berg an Schulden. „Er war einfach zu gutgläubig“, seufzt die Stegersbacherin. Dann war der Krieg vorbei, das Habsburger-Reich zerbrach ebenso wie seine Armee. Schmidt konnte die Schulden nicht mehr bedienen, was er als eines Offiziers unwürdig empfand - und sich am 13. Juli 1919 das Leben nahm.
Eine bittere Ironie, erzählt seine Enkelin: „Nur einige Jahre später war die Inflation so hoch, dass seine Familie die Schulden mit einem Monatslohn begleichen konnte.“
Schmidts Familie hatte eine Gastwirtschaft in Neudauberg, in der auch die Söhne Ferdinand und Hugo Johann - Senningers Onkel und Vater - mitarbeiteten. Ferdinand war 21 Jahre alt im Jahr 1921, Hugo 16. Hugo hatte seiner Tochter oft über den 28. August erzählt. Der Tag, der eigentlich ein Freudentag hätte werden sollen: Wie von den Alliierten im Vertrag von Trianon ausgehandelt, hätte die österreichische Gendarmerie nach Westungarn einrücken und damit die Landnahme des Burgenlandes besiegeln sollen.

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Es hätte eigentlich ein Freudentag werden sollen
Die Lafnitz trennt das steirische Neudau vom burgenländischen Neudauberg. Von steirischer Seite kamen an diesem 28. August 1921 viele Menschen zur Grenze, es soll ein sonniger Tag gewesen sein. Auch östlich der Lafnitz machte sich ganz Neudauberg auf: „Alle Vereine des Dorf hatten dazu aufgerufen, sich an der Grenze zu treffen“, habe ihr Vater immer erzählt. Mit Musik und Wein - wie es anscheinend im Burgenland schon so war, bevor wir „Burgenland“ geheißen haben - machte sich das ganze Dorf westwärts auf. Auch Ferdinand und Hugo wollten das nicht verpassen. Neugierige Burschen eben...
Die ungarische Gendarmerie war großteils abgezogen worden, zurück blieben Freischärler-Verbände. Diese waren ein wild zusammengewürfelter Haufen, er bestand teilweise aus pro-ungarisch gesinnten burgenländischen Bauernburschen, großteils aber aus regulären ungarischen Militäreinheiten, die getarnt auftraten. Der Teil der Freischärler, der für die meisten der hier vorgestellten Morde verantwortlich war, bestand aus Räuber- und Faschistenbanden, die im rechtsfreien Raum in Westungarn 1921 ihr Unwesen treiben konnte. Ausgerechnet letztere waren im Raum Neudauberg aktiv.
Die österreichischen Gendarmen sollten sich aufgrund des Widerstands der Freischärler bald wieder hinter Leitha und Lafnitz zurückziehen, noch waren die Freischärler aber nicht großflächig in Erscheinung getreten. Bis an diesen 28. August.

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Nicht verbittert, aber auch nicht mehr Ungarisch
Als die Brüder am Weg hinunter ins Tal in Richtung Lafnitz waren, hatten die Freischärler bereits beschlossen, diesen steirisch-burgenländischen Verbündungsakt zu beenden. Wie die ungarische Regierung in Budapest hatten auch sie nicht mit der Anschluss-Euphorie in Westungarn gerechnet, sie beschlossen den Aufmarsch der Neudauberger nicht an ihrer Barrikade vor der steirischen Grenze vorbeizulassen - und sei es mit Waffengewalt.
Sie eröffneten das Feuer auf die vom Berg kommenden Neudauberger, trafen den armen Ferdinand ins Herz, er verstarb an Ort und Stelle. „Wenn man sich die Geschichten von damals so anhört, war es eigentlich ein Wunder, dass nicht noch mehr erschossen wurden“, seufzt Senninger. Ihr Vater wurde von den Banden so übel verprügelt, dass er noch ein Jahr lang Blut im Urin hatte. „Er war drei Tage lang bewusstlos und verdankte sein Leben wohl den Erste Hilfe-Kenntnissen der Großmutter, eine gelernte Hebamme. Als er aufwachte, war der Bruder bereits beerdigt“, erzählt Senninger.

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„Wir wollten uns das ja nur anschauen“, habe ihr Vater immer betont. Politischen Hintergrund habe seine Anwesenheit also keine gehabt. „Mein Vater hat nie im Zorn über Ungarn geredet. Es war trotzdem das letzte Mal, dass er Ungarisch gesprochen hat. Dabei beherrschte er es in Wort und Schrift“, betont Senninger mit Hochachtung.
Das „Ungarisch in Wort und Schrift“ war damals auch der einzige Weg zu einer guten Ausbildung, die Lehrer hätten ja ausschließlich ungarisch gesprochen, gibt Senninger die Erinnerungen ihres Vaters wieder.
Die Ausbildung sollte ihm später zu einer erfolgreichen wirtschaftlichen Karriere verhelfen. Zuvor musste er aber noch einen Schicksalsschlag wegstecken: Sein Bruder, der „Pepperl“, war so unglücklich in eine verheiratete Dame verliebt, dass er wie schon sein namensgebender Vater den Tod wählte.
Und dennoch, erinnert sich Senninger mit Tränen in den Augen: „Mein Vater hat seinen Humor nie verloren, immer für alles eine Lösung gehabt.“
Nachfahren der Opfer gesucht!
Hier ist nun jeder einzelne Leser und jede einzelne Leserin gefragt. Neben zwei zivilen Opfern aus Wien und zwei aus NÖ, die zur falschen Zeit am falschen burgenländischen Ort waren, wurden 13 Burgenländer ermordet. Sie haben es nicht verdient, vergessen zu werden. Bitte helfen Sie mit, fragen Sie Eltern und Großeltern, ob jemand Informationen über die Opfer hat und melden Sie sich bei mir:0664/88645524oderm.kaiser@bvz.at.Ich stelle gerne den Kontakt zu den Militärhistorikern her. Hier sind die bekannten biografischen Daten der Opfer:
Am 2. September wurde der Bauer Franz Grenauer (* 12. 08. 1896, Aschau, B) aus Aschau/Oberschützen am Weg Bretter zu kaufen in Offenegg in NÖ, also auf österreichischem Boden von Freischärlern vom Rad geschossen. In Gendarmerieakten wird er auch „Grünbauer“ genannt.
Josef Schlögl (* 20. 01. 1894) aus Steinbach wurde am 5. September, beim Kühehüten im Raum Pilgersdorf von Freischärlern durch einen „zufälligen Maschinengewehrschuss“ tödlich verwundet.
Am 7. September wurde der beinamputierte Kriegsheimkehrer Johann Baumgartner jun. (* 13. 11. 1891) aus Salmannsdorf von Freischärlern aus seinem Haus entführt und wegen pro-österreichischer Spionage etwa 150 Meter vom Gasthaus Hollenthonner (heute Kirchschlager Straße 6) in Pilgersdorf an einem Apfelbaum (heute Bereich Ägydiplatz) aufgehängt. 1925 wurde Gustav Lederer in Oberpullendorf verhaftet und der Mittäterschaft am Mord an Baumgartner beschuldigt.

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Stephan (István) Baranyai (* 1875), der in der Romasiedlung (heute Gelände des ESV Dobersdorf) lebte, wurde am 14. September 1921 vor Dobersdorf am heutigen Lafnitzweg von Freischärlern mit mehreren Schüssen ermordet. Ein Motiv für das Verbrechen konnte nicht ermittelt werden. Er hinterließ acht unversorgte Kinder.
Am 26. September 1921 wurde Johann Brunner (* 20. 04. 1900) in der Nähe seines Elternhauses in Henndorf Nr. 113 gegen Mitternacht von einem ungarischen Banditen ohne Grund niedergeschossen.
Franz (Ferenc) Pataki (ursprünglich Schnellbach, *30. Juni 1872 in Márkó) war seit 1917 Pfarrer von Pernau (Pornóapáti), zuvor von 1905 bis 1917 Pfarrer in Gerersdorf bei Güssing. Am 16. Oktober wurde die Entführung und Ermordung des als österreichfreundlichen ungarischen Pfarrers bekannt.
Hugo Schindler (* 1903, Gattendorf, B) wurde am 5. Oktober 1921 von Freischärlern aus der Lederfabrik des Leopold Spitzer in Eisenstadt, Unterbergstraße Nr. 16, wo er auch wohnte, entführt. Die Leiche wurde am 1. Dezember im Gemeindegebiet von Schützen etwa in der Mitte der westlichen Tiergartenmauer gefunden.
Am 3. oder 7. Oktober geriet Maria Horvath (geb. Mahal, * 05. 03. 1856, Polzice/CZ) aus Bruckneudorf in einer Schießerei auf dem Gelände des Brucker Lagers zwischen die Fronten, wurde durch einen Bauchschuss schwer verletzt und starb einige Tage später an ihren Verletzungen.
Bei einem Überfall auf den Meierhof Apetlon wurde am 4. März 1922 gegen 02:30 Uhr der 63-jährige Apetloner Nachtwächter Christian Horvath (* 25. 03. 1859) von einer ungarischen Bande, die vom Meierhof „Mexiko“ gekommen war, erschlagen. Horvath hinterließ seine Ehefrau Katharina und sechs Kindern. Das Nachtwächter-Marterl in Apetlon erinnert heute noch an ihn.