„Sie warfen Steine auf den Sarg meines Großvaters“

Burgenland 1921

Die Enkelin von Josef Illés rekonstruiert den Mord an ihren Großvater durch pro-ungarische Freischärler und seine Folgen für die eigene Familiengeschichte.

Irene Illes-Macho mit dem Bild ihres Großvaters, dem 1921 ermordeten Güssinger Kreisnotärs Josef Illés, und dem Briefverkehr mit Karl Renner, der die Familie sowohl Glück als auch Schwierigkeiten bringen sollte.

Irene Illes-Macho mit dem Bild ihres Großvaters, dem 1921 ermordeten Güssinger Kreisnotärs Josef Illés, und dem Briefverkehr mit Karl Renner, der die Familie sowohl Glück als auch Schwierigkeiten bringen sollte.

© Foto: BVZ/Kaiser

Der Antauer Streckhof von Irene Illes-Macho und ihrem Mann ist die bauliche Entsprechung des eigentlichen Themas dieser historischen Serie - unser Geschichtsbewusstsein und unser damit zusammenhängendes Selbstbild. Der Hof ist nämlich gar kein altes Gebäude, im Gegenteil, Illes-Macho ließ aber den Neubau im Stil eines zwar modernisierten, aber insgesamt typisch pannonischen Streckhofes bauen.

Auch drinnen lebt die Geschichte, Illes-Macho hat als Historikerin ihren Stammbaum natürlich übersichtlich ausrecherchiert und auf zwei A4-Seiten dargestellt. „Freunde haben mich auf die historischen Mordfälle in der Zeitung aufmerksam gemacht, deshalb habe ich meine Archivbestände ausgehoben und mich bei der BVZ gemeldet“, erzählt sie. In dem Stammbaum finden sich nämlich zwei Äste, die in dieser historischen Serie bereits behandelt wurden.

Oma Rosa verlor nach Vater und Mann auch noch Sohn

Einer war Illes-Machos Ur-Großvater, der Güssinger Stadtrichter, Bürgermeister und Erbauer des ersten Feuerwehr-Rüsthauses, Samuel Schalk. Der andere war sein Schwiegersohn, Illes-Machos Großvater, der Güssinger Kreisnotärs (heute: Amtmann) Josef Illés. Beiden warfen die pro-ungarischen Freischärler aufgrund einer Verwandtschaft mit dem späteren Bundeskanzler Karl Renner anti-ungarische Agitation vor. Schalk wurde (mutmaßlich - die Mörder wurden nie gefunden) vergiftet, Illés, der gebürtige Ungar, von Freischärlern per Genickschuss bei einer Ziegelei bei Kohfidisch ermordet. Er hinterließ seine Frau Rosa mit drei kleinen Kindern: Josef (Illes-Machos Vater), Irene und Nikolaus.

Irene Illes-Macho trägt den vollen Namen Irene Maria Rosa Stefanie und ist somit sowohl nach der Großmutter als auch der Tante benannt. Die Großmutter, folgert Illes-Macho aus Briefen aus dem Familien-Archiv, habe sich vom Doppelmord an ihrem Vater und ihrem Mann nicht verbittern lassen: „Sie ist eine liebevolle Frau gewesen, das erkennt man deutlich an ihren Briefen an ihren jüngsten Sohn Nikolaus.“ Nikolaus, also Illes-Machos Onkel, sollte wie so viele zur Wehrmacht zwangsverpflichtete Burgenländer nicht mehr vom Russland-Feldzug heimkehren.

„Onkel Renner“ verhalf zu später Entschädigung

Gerechtigkeit hat Rosa Illés in der Ersten Republik lange nicht erhalten. Illes-Macho hat alle Briefe mit ihren herzzerreißenden Gesuchen an die „Entschädigungskommission“ aufgehoben. Aber diese entschied in einem kalten Zweizeiler, dass ein erschossener Mann und vergifteter Vater nicht Schaden genug waren. Erst später wurde ihr eine existenzsichernde Trafik in Wien zugesprochen. Mitgeholfen dabei hatte „Onkel Renner“, wie die Familie Karl Renner liebe- wie respektvoll nannte.

Dennoch: Kein schlechtes Wort über Ungarn

1944 starb Großmutter, 1951 wurde Illes-Macho geboren. Sie habe mit ihrem Vater über den Mord an dessen Vater geredet, obwohl er erst sieben Jahre alt war, habe er sich an eines gut erinnern können: „Die Freischärler haben der Dorfbevölkerung verboten, aufs Begräbnis zu kommen. Heimlich musste er begraben werden. Danach warfen die Bandenmitglieder Steine auf das Grab“, habe ihr Vater ihr erzählt.

Als der Ur-Großvater vergiftet wurde und im Todeskampf darunter litt, wurde der Familie verboten, einen Arzt zu holen. „Danach wurde im Haus Illés Ungarisch - bis dahin die Umgangssprache - gesprochen wurde“, habe man Illes-Macho erzählt. Was sie noch genau weiß: „Mein Vater hatte aber nie auch nur ein einziges schlechtes Wort über Ungarn und seine Menschen verloren. Im Gegenteil: Er hat immer geschmunzelt, wenn die Antauer oder Güssinger Familie über Eisenstadt als Landeshauptstadt gesprochen hat. Die wirkliche Stadt, hat mein Vater dann immer mit achtungsvoll gesagt, das ist Ödenburg.“

„Sie warfen Steine auf den Sarg meines Großvaters“

© zVg Illes-Macho

Das Ungarische sollte Josef Illes jun. nicht ganz unironisch noch einmal begegnen: Er bekam Arbeit bei der Raaberbahn und musste dafür seine Ungarisch-Kenntnisse der Kindheit wieder auffrischen. „Das war sprachlich nicht leicht für meinen Vater“, seufzt die Tochter.

Hat die dramatische Familiengeschichte dazu beigetragen, dass Illes-Macho Geschichte studieren und ihren Familiennamen behalten sollte? Illes-Macho blickt von ihren Archivalien auf und schaut aus dem modernen, großen Fenster ihrer Streckhofes: „Wenn Sie mich so fragen: Ja.“