Gewalt-Opfer: „Habe geglaubt, ich bin das einzige Opfer auf der Welt“

Burgenland

Mehr als zehn Jahre litt eine Burgenländerin unter den Gewalttätigkeiten ihres Mannes. 2022 zeigte sie ihn bei der Polizei an und schaffte den Ausstieg aus einer leidvollen Beziehung. Sie möchte andere Opfer ermuntern, dies ebenfalls zu tun.

Viele Frauen sind von häuslicher Gewalt betroffen. Die Dunkelziffer liegt laut Studien um ein Zehnfaches über den bekannten Zahlen.

Viele Frauen sind von häuslicher Gewalt betroffen. Die Dunkelziffer liegt laut Studien um ein Zehnfaches über den bekannten Zahlen.

© Foto: Ground Picture, Shutterstock, Ground Picture

Irgendwann in den 2000er-Jahren, gleich nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, hatte sie sich frisch verliebt. „Er war ein zärtlicher, sensibler, einfühlsamer Mann“, erzählt die Burgenländerin über ihren neuen Partner. Einige Jahre später heiratete das Paar.

Hatte ihr Mann allerdings Alkohol getrunken, eskalierte die Situation. „Es gab Beschimpfungen und Gewalttätigkeiten. Stoßen, Schubsen, Schlagen.“ Und das kam oft vor und wurde immer schlimmer.

Die körperlichen Schmerzen seien schlimm gewesen, die seelischen noch viel mehr.

Die blauen Flecken sollte niemand sehen

Jahrelang verheimlichte die Frau ihr Leid. „Aus Scham und weil ich ihn beschützen und nicht verlieren wollte“, sagte sie. „Ich habe geglaubt, ich bin das einzige Opfer auf der Welt.“

Sie suchte die Schuld bei sich und überlegte, warum sie ihren Mann nicht glücklich machen konnte. Das sei, sagt sie mehr als ein halbes Jahr nach der Trennung, ein typisches Muster bei Opfern.

Immer wieder trug sie die Spuren der Attacken ihres Mannes im Gesicht und am ganzen Körper. Sie schämte sich wegen der blauen Flecken, ging in Krankenstand, versteckte sich, wenn jemand an der Tür anläutete. „Wenn meine Mutter kam, tat ich, als sei ich nicht zuhause. Ich saß im Keller und weinte“, erzählt die Burgenländerin.

Beim Einkaufen hielt sie den Kopf gesenkt und hoffte, dass es niemand sieht.

„Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich mir anders nicht mehr zu helfen wusste“

Voriges Jahr hatte sie endlich die Kraft, einen Schlussstrich zu ziehen. „Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich mir anders nicht mehr zu helfen wusste.“

Gegen ihren Mann wurde sofort ein Betretungs- und Annäherungsverbot verhängt. Er musste den Haustürschlüssel abgeben und durfte nicht mehr in ihre Nähe.

„Ich kam heim und hatte ein schlechtes Gewissen“, sagt die Frau. „Ich war im Zweifel, ob ich das Richtige getan habe.“

Drei Tage nach der Anzeige kam ein Anruf: „Ob ich Zeit hätte, ins Gewaltschutzzentrum zu kommen. Ich musste nicht um Hilfe bitten, die Hand wurde mir gereicht.“

Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben ohne Gewalt

„Die Damen dort, ich muss sie so loben!“, sagt sie. Sie erfuhr, dass sie ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt hat. „Kein Mensch darf geschlagen werden!“

Eine Mitarbeiterin erklärte ihr, dass sie sich nicht genieren solle dafür, was ihr passiert war. „Es gibt so viel häusliche Gewalt, von der sie im Gewaltschutzzentrum wissen, und noch mehr, wovon man nichts weiß.“

Die Expertinnen klärten sie über die nächsten Schritte auf und was zu tun sei, um sich scheiden zu lassen. „Sie gaben mir eine Liste mit, die ich Punkt für Punkt abarbeiten konnte. Das gab mir Kraft und ein Gefühl der Freiheit.“

Eigentlich sei sie ein „sturer Mensch“, eine Frau, die sich nichts sagen lässt. Sie sei auch nicht mehr „böse“ auf ihren Ex-Mann. „Wir waren beide schuld, wir passten nicht zusammen. Es ist mir passiert, und ich bin nicht schuld“, kann sie heute sagen.

Scheidung und Gerichtsprozess

Im Herbst 2022 war die Scheidung, kürzlich auch ein Gerichtsprozess. Der Mann kam glimpflich davon. Das Verfahren endete mit einem Tatausgleich, weil sich der Angeklagte schuldig bekannte und die Verantwortung für seine Taten übernahm. Die Richterin ermahnte ihn, er dürfe mit seiner Ex-Frau keinen Kontakt mehr aufnehmen.

Dass der Mann keine Strafe bekam, lag daran, dass seine Ex-Frau nur einen Vorfall angezeigt hatte. „Ich wollte einen Schlussstrich ziehen und keine Schmutzwäsche waschen“, sagt sie. „Ich wollte, dass es schnell geht.“

Gewalt-Opfer: „Habe geglaubt, ich bin das einzige Opfer auf der Welt“

© Foto: BVZ/Kirchmeir, BVZ/Kirchmeir

Allen Leidensgenossinnen und den Männern, die von Gewalt betroffen sind, rät sie: „Habt den Mut, macht den ersten Schritt.“

Dem Team des Gewaltschutzzentrums möchte sie ausdrücklich Danke sagen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Hilfe bekomme!“ Noch heute könne sie jederzeit anrufen, wenn es ihr schlecht gehe.

Auch Familie, Freunde, Arbeitskollegen, ja selbst die Nachbarn, die schockiert waren, als sie hörten, was sich in unmmittelbarer Nähe ereignet hatte, stehen ihr unterstützend zur Seite.

Wichtig sei die Psychotherapie, die sie bezahlt bekomme. „Allein hätte ich mir das nicht leisten können“, sagt sie.

Eines liegt ihr am Herzen: Andere Betroffene zu bestärken, sich aus der Gewaltbeziehung zu lösen. „Wenn mich nach dem Bericht eine Frau anrut, dann lade ich sie ein: Reden wir darüber“, sagt die Burgenländerin.