30 Jahre EU-Beitritt: Die Dynamik hält bis heute an
Darüber spricht das Land
Thermen, Technologiezentren, Hochschulen: Der EU-Beitritt stieß vor 30 Jahren im Burgenland eine Aufwärtsentwicklung an. Heute geht es darum, die nächsten Schritte zu setzen.
Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, seine Stellvertreterin Anja Haider-Wallner und Wegbegleiter des Aufschwungs des Burgenlandes beim Symposion zum 30-jährigen EU-Beitritt auf Burg Schlaining.
© Landesmedienservice, Müllner-Frühwirth
Vor 30 Jahren trat Österreich der Europäischen Union bei und dieses Ereignis startete im Burgenland einen „Motor für Entwicklung und Aufschwung“, wie es Landeshauptmann Hans Peter Doskozil bei einem Symposion auf der Friedensburg Schlaining kürzlich formulierte. Vor 1995 war das östlichste Bundesland eine strukturschwache Grenzregion: Die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung lag mit 15.000 Euro bei nur 64 Prozent des EU-Mittels.
Regionen, die nicht mehr als 75 Prozent der durchschnittlichen Wirtschaftsleistung in der EU erreichten, erhielten den Status als Ziel-1-Gebiet. Diese Einstufung war mit milliardenschweren Förderungen verbunden. „Das Land Burgenland hat 1,86 Milliarden Euro EU-Förderung und 1,54 Milliarden Euro Landes- und Bundesförderungen erhalten, die Investitionen in der Höhe von 6,63 Milliarden Euro ausgelösten“, informiert die Wirtschaftsagentur Burgenland.
Die Zahl der Erwerbstätigen stieg von 107.000 im Jahr 1994 auf 124.000 heute. Vor allem die Frauen strebten ins Arbeitsleben: Waren 1994 nur 43.000 Burgenländerinnen erwerbstätig, so sind es jetzt 61.000. Somit sitzt heute auf fast jedem zweiten burgenländischen Arbeitsplatz eine Frau.
In der Forschung und Entwicklung waren 2002 im Burgenland nur 298 Personen beschäftigt, heute sind es 763. Die Forschungs- und Entwicklungsquote stieg von 0,55 auf 0,84 Prozent. Mit diesem Prozentsatz wird der prozentuale Anteil der Bruttoausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt des Landes beziffert.
© Hochschule Burgenland
Nach der Gründung der FH Burgenland 1994, dem Spatenstich für das Technologiezentrum Süd 1999 und der Eröffnung des neuen Studienzentrums in Eisenstadt steht der Start des neuen Campus am Standort Pinkafeld im kommenden Jahr bevor. Die Zahl der Studiengänge im Burgenland stieg von zwei im Jahr 1995 auf rund 70 aktuell. Zählte man 1995 erst 135 Studierende, so sind es heute 9.800.
Aus Sicht der Wirtschaft zogen sich die positiven Effekte des EU-Beitritts durch alle Branchen. „Der Zugang zum europäischen Binnenmarkt hat neue Absatzmöglichkeiten für burgenländische Produkte und Dienstleistungen geschaffen“, sagt Wirtschaftskammer-Präsident Andreas Wirth. „Parallel dazu ist aber auch die Konkurrenz aus dem Ausland gestiegen.“
Zum Symbol des Aufschwungs wurden die burgenländischen Thermen. In Lutzmannsburg entstand die erste Familientherme, in Stegersbach wurden moderne Hotels und ein Golfplatz gebaut, die speziell auf die zahlungskräftige Klientel ausgerichtet sind. „Damit holten das Mittel- und Südburgenland kräftig bei den Übernachtungen auf und das Burgenland verwandelte sich von einer klassischen Sommerdestination immer mehr in Richtung Ganzjahresdestination“, heißt es von Burgenland Tourismus.
Kleine und mittlere Betriebe – vom Familienhotel bis zum Weingut mit Gästezimmern – nutzten die Förderungen für Modernisierungen, energetische Verbesserungen oder Wellnessangebote. Investiert wurde in Vinotheken, Veranstaltungsstätten und Besucherzentren. „Die EU-Förderungen haben den Tourismus im Burgenland nachhaltig geprägt“, stellt Burgenland Tourismus-Geschäftsführer Didi Tunkel fest.
1994 verzeichnete das Burgenland 2.154.462 Nächtigungen, 2005 wurde mit über 2,5 Millionen erstmals eine neue Rekordmarke erreicht, 2016 konnte mit mehr als drei Millionen Nächtigungen ein weiterer historischer Meilenstein gefeiert werden.

© BVZ-Archiv
Zwar ist das Burgenland keine Ziel-1-Region mehr, EU-Förderungen können aber nach wie vor lukriert werden. So hat etwa die Gemeinde Oggau für die Umstellung ihrer Straßenbeleuchtung auf LED EU-Mittel beantragt. Das Projekt wurde Ende 2024 abgeschlossen, auf die Förderungen wartet die Gemeinde aber noch immer.
„Man braucht Geduld“, sagt der Oggauer Bürgermeister Thomas Schmid. „Alles muss zwei- bis dreimal bestätigt werden.“ Rund 32.000 Euro bei Gesamtkosten von 300.000 Euro erwartet er sich für seine Gemeinde. „Es ist immer schön, wenn man das Geld bekommt“, stellt der Ortschef fest. Bei früheren geförderten Projekten wie dem Hochwasserschutz, dem Leitbild für die Dorferneuerung oder die Umgestaltung des Dorfplatzes sei der Förderanteil noch höher gewesen.
„Schnellere Verfahren und weniger Berichtslasten“ wünscht sich die Wirtschaftskammer bei der Beantragung von EU-Beihilfen. Auf der Wunschliste stehen weiters Schritte in Richtung Kapitalmarktunion, der Netz-Ausbau für die erneuerbaren Energiequellen, Erleichterungen bei der Fachkräftemobilität und grenzüberschreitende Kooperationen bei Güterlogistik und Forschung. Das Burgenland hat sich vom Abstellgleis auf die Überholspur navigiert, jetzt gilt es, das Tempo zu halten und weiter Meter zu machen.
Das Burgenland und die Europäische Union
Einige Kennzahlen illustrieren die Impulse durch EU-Förderungen:
Für die Lenzing Fibers GmbH in Heiligenkreuz wurden bis 2014 Projekte mit einem Volumen von 195 Millionen Euro umgesetzt. Das Unternehmen erhielt 8,2 Millionen Euro von der EU sowie 52,4 Millionen Euro von Land und Bund.
Die Mareto Kunststoffverarbeitungs-GmbH in Parndorf investierte 261 Millionen Euro. Dafür erhielt das Unternehmen 21,4 Millionen Euro an EU Fördermitteln sowie 36,4 Millionen Euro von Bund und Land.
Im Tourismuswurden rund 120 Projekte umgesetzt. Dabei führten 59,4 Millionen Euro an EU-Fördermitteln sowie 105,2 Millionen an Landes- und Bundesförderungen zu Investitionen im Ausmaß von rund 555 Millionen Euro.
In die Technologiezentren flossen 92 Millionen Euro. 23 Millionen Euro kamen von der EU und 21,7 Millionen Euro von Bund und Land.