Wenn vertraute Melodien Erinnerungen schaffen
Demenz(im)Zentrum
Im Demenz(im)Zentrum in Oberwart zeigte ein ganz besonderer Nachmittag, wie viel Kraft in vertrauten Melodien steckt. Musik wurde zum Schlüssel für Begegnung und für Momente, in denen Nähe wieder spürbar wurde.
BVZ Süd Leiter Bertie Unger ist Musiker, spielte zum Tanz auf und sang mit den Bewohner:innen. Mit bekannte Melodien wurden sofort Erinnerungen geweckt.
© Unger, Mario Unger
In der Waldmüllergasse in Oberwart, am ehemaligen Magnet-Areal, ist ein Ort entstanden, der im Burgenland eine Vorreiterrolle einnimmt. Demenz(im)Zentrum bietet Menschen mit demenziellen Erkrankungen ein Zuhause in einer Form, die auf Gemeinschaft statt Institution setzt. Errichtet wurde das Haus von der Diakonie Südburgenland in Zusammenarbeit mit der OSG sowie der Evangelischen Pfarrgemeinde Oberwart. Zwei Wohngemeinschaften für insgesamt 24 Mieter:innen im demenziellen Bereich sowie 15 betreubare Wohneinheiten im ersten Obergeschoß bilden das Herzstück.
Eine ganz normale Wohnumgebung
Demenz(im)Zentrum ist die erste derartige Seniorenwohngemeinschaft im Burgenland. Das Konzept orientiert sich am Hausgemeinschaftsmodell – also an einer normalen Wohnumgebung in einem Mehrpersonenhaushalt. Menschen leben hier in überschaubaren Gruppen, mit fixen Bezugspersonen und klaren Strukturen. Die Grund- und Behandlungspflege erfolgt durch ambulante Dienste. Ganztägig ist eine Betreuungskraft im Haus, in den Nachtstunden sorgt ein Nachtdienst für Sicherheit. Zusätzlich werden auf Wunsch vorhandene Ressourcen durch Logopäden, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und eine Psychologin gestärkt – mit dem Ziel, Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten.
Doch so sehr Strukturen wichtig sind – entscheidend ist die Atmosphäre. Hier wird nicht permanent korrigiert, sondern begleitet. Menschen werden in jener Wirklichkeit abgeholt, in der sie sich gerade befinden. Sie können sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten an alltäglichen Aufgaben beteiligen, beim Kochen helfen oder kleine Handgriffe übernehmen. Es geht um Geborgenheit, Sicherheit und um das Gefühl, dazuzugehören.
Mitd er unbändigen Kraft der Musik
Wie sehr das Konzept des Hauses trägt, wurde bei einem besonderen Nachmittag deutlich. BVZ-Süd-Leiter Bertie Unger, seit vielen Jahren Musiker, spielte zwei Stunden lang zum Tanz auf. Was zunächst nach einem Programmpunkt klang, entwickelte eine Wirkung, die spürbar war. Bereits bei den ersten vertrauten Klängen veränderte sich die Stimmung im Raum. Köpfe hoben sich, Blicke wurden wach, Hände begannen im Takt mitzuschwingen. Lieder wie „Heimweh“, „Seemann lass das träumen“ oder „Dich gibts nur einmal für mich“ wurden textsicher mitgesungen.. Melodien aus früheren Jahrzehnten waren präsent, auch wenn andere Erinnerungen längst verblasst sind. Manche Bewohner:innen begannen zu tanzen, andere lächelten, summten oder suchten Blickkontakt. Musik schuf eine Verbindung, die Worte nur mehr schwer schaffen können.
Musik schafft sofort Verbindungen
„Für mich war das ein magischer Nachmittag. Es war berührend zu sehen, wie schnell Musik eine Verbindung aufbaut“, sagt Bertie Unger. „Als Musiker spürt man, wie tief diese Lieder in den Herzen der Bewohner:innen verwurzelt sind. Das waren Gänsehautmomente“, sagt Bertie Unger.
Musik aus der Sicht der Medizin
„Musik sagt mehr als tausend Worte, das ist ein Spruch den wir alle kennen und der hat eine ganz besondere Bedeutung bei Menschen mit Demenz“, sagt Klaus Peter Schuh, Palliativmediziner, Presbyter und „Geburtshelfer“ der Seniorenwohngemeinschaft plus.

© Unger, Mario Unger
„Durch Musik werden Erinnerungen abgerufen und Emotionen geweckt. Musik ist in vielen Regionen des Gehirns gespeichert und das musikalische Gedächtnis ist eines, das am längsten bleibt. Durch Aktivierung, durch Singen, trommeln und klatschen kommt es zu einer verstärkten Erinnerungsmöglichkeit an eine Zeit zwischen 18 und 25, wo Musik am besten gespeichert wird und im Alter als eine Art Vertrautheit gesehen wird. Und das ist dann auch die Musik, die man immer wieder spielen sollte und muss, weil genau da sehr vertiefte Erinnerungen hochkommen“, sagt Klaus Peter Schuh.
Wohlbefidnen, selbst bei Unruhe
„Dopamin und Endorphine werden durch Musik ausgeschüttet und die bewirken ein Wohlbefinden, selbst bei Menschen die unruhig sind. Und zum anderen ist Musik etwas, vor allem in der Gruppe, wo man sein gegenüber sieht und dadurch Resonanz entsteht. Wenn sich mein gegenüber freut, freu ich mich auch. Bei Demenz ist ja mehr oder weniger auch die Sprache verloren gegangen und wenn durch Musik Erinnerungen geweckt werden, fördert das die Kommunikation“, betont der Mediziner.
Wenn die Würde des Menschen verloren geht
Und es geht immer auch darum, dass Demenz den betroffenen Menschen Würde nimmt. „Dadurch, dass man beginnt mit seinem Gegenüber zu kommunizieren, spürt man sich selber wieder und dann kehrt auch Würde zurück, weil man sich wertgeschätzt fühlt“, sagt Schuh. Und dass sich durch Musik Türen öffnen können, zeigte sich an diesem Nachmittag eindrucksvoll. Erinnerungen wurden nicht abgefragt – sie waren einfach da. Zwischen den Liedern blieb Raum für Gespräche, für Lachen, für spontane Gesten. Es waren Momente, die nicht spektakulär wirken, aber im Alltag von Menschen mit Demenz eine besondere Qualität haben.
Lebensfreude findet offenbar immer Wege
„Für mich war es ein Nachmittag, der klar zeigte, dass Lebensfreude nicht verschwindet, sondern andere Wege findet. Und dass es manchmal nur ein vertrautes Lied braucht, das Herzen öffnet und Menschen glücklich macht. “, sagt Bertie Unger.
Demenz-Café am 20. März
Am Freitag, den 20. März, findet von 15:30 bis 17:30 Uhr das Demenz-Café im VIVIO-Treff, Rechte Bachgasse 61 in Oberwart, statt. Im Mittelpunkt steht das Thema „Dement – na und?“.
Dabei wird erklärt, wie das menschliche Gehirn funktioniert und welche Veränderungen eine Alzheimerdemenz mit sich bringt. Es werden mögliche Folgen der Erkrankung sowie die Herausforderungen für Betroffene und Angehörige besprochen. Gleichzeitig wird aufgezeigt, wie Motivation und Lebensqualität trotz einer Demenzerkrankung gestärkt werden können.Das Demenz-Café bietet Raum für Information, Austausch und persönliche Gespräche in angenehmer Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen. Angehörige, Interessierte und Betroffene sind herzlich eingeladen.