Eine Nacht, die weit mehr ist als ein Ball

Die Roma und ihr Ball

Der Roma-Ball in Unterwart ist seit Jahrzehnten ein kultureller Fixpunkt. Er steht für Begegnung, Sichtbarkeit und für eine Volksgruppe, die ihren Platz in der Gesellschaft selbstbewusst einnimmt.

Romaball-König Kevin Horvath und Königin Leonie Neisser mit Verein HANGO Roma- Gründer Martin Horvath (v.l.).

Romaball-König Kevin Horvath und Königin Leonie Neisser mit Verein HANGO Roma- Gründer Martin Horvath (v.l.).

© Lexi, Jens Krauss

Wenn sich der Saal im Kulturhaus Unterwart füllt, wenn Musik erklingt und die ersten Paare die Tanzfläche betreten, dann beginnt ein Abend, der auf den ersten Blick wie ein herkömmlicher Ball wirkt. Doch der Roma-Ball ist mehr als das. Er ist ein Ort der Begegnung, ein Ausdruck von Identität und ein Zeichen dafür, dass eine Volksgruppe sichtbar ist. Aus eigener Kraft und mit eigener Stimme.

Der Roma-Ball zählt seit mehr als drei Jahrzehnten zu den prägenden kulturellen Veranstaltungen im Südburgenland. Er ist Ball, aber auch Bühne. Für Musik, für Sprache und für das, was die Roma im Burgenland ausmacht.

Roma und Nicht-Roma kommen hier zusammen, nicht um Unterschiede zu erklären, sondern um einander zu begegnen. Diese Selbstverständlichkeit ist gewachsen. Obwohl sie gar keine Selbstverständlichkeit ist.

Vom Rand ganz langsam hinein in die Mitte

Viele Roma lebten lange Zeit im Verborgenen. Ihre Sprache wurde nicht öffentlich gesprochen, ihre Kultur blieb oft im familiären Rahmen. Sichtbarkeit war ein Fremdwort in der Sprache der „Gatsche“, also der Nicht-Roma und erst mit den gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte begann sich das zu wandeln.

Denn da war das Attentat von Oberwart am 5. Februar 1995, bei dem vier Roma durch eine Rohrbombe ermordet wurden. Der Anschlag erschütterte nicht nur die Roma-Community, sondern das ganze Land, eigentlich ganz Europa. Er machte sichtbar, was lange verdrängt worden war: dass Ausgrenzung und Hass Realität waren. Gleichzeitig führte dieses Verbrechen zu einem stärkeren Bewusstsein für die Situation der Roma in Österreich. Bereits kurz zuvor waren sie als eigene Volksgruppe anerkannt worden, doch erst jetzt rückten ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Rechte stärker ins öffentliche Bewusstsein. Die Roma begannen, ihre Identität selbstbewusst zu zeigen – im Alltag, in Bildung, in Kultur und eben auch auf Veranstaltungen wie diesem Ball.

Musik verbindet über alle Grenzen hinweg

Der Roma-Ball ist ein Spiegel dieses Weges und Musik spielt dabei eine zentrale Rolle. Musik verbindet Generationen, sie bewahrt Traditionen und schafft gleichzeitig Raum für Neues. Romanes, die Sprache der Roma, ist dabei ebenso präsent wie moderne Klänge. „Der Roma-Ball stärkt die kulturelle Identität der Volksgruppe der Roma, indem er ihre Traditionen sichtbar macht und wertschätzt. Dadurch wird das Selbstbewusstsein der Roma gefördert und der interkulturelle Austausch zwischen Roma und Nicht-Roma unterstützt“, sagt Josef Schmidt vom Roma Service.

Eine Nacht, die weit mehr ist als ein Ball

© Lexi, Jens Krauss

Tradition und Gegenwart stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern nebeneinander. Und es ist kein Zufall, dass dieser Ball gerade im Südburgenland eine besondere Bedeutung. Hier lebt eine der ältesten Roma-Communities Europas seit Jahrhunderten. Ihre Geschichte ist geprägt von Ausgrenzung, aber auch von Zusammenhalt und kultureller Stärke. Noch heute ist das Bewusstsein dafür spürbar, dass Anerkennung und Gleichberechtigung nicht selbstverständlich sind, sondern erarbeitet wurden. Der Roma-Ball setzt dem etwas entgegen. Er zeigt eine Volksgruppe, die nicht über sich sprechen lässt, sondern selbst spricht. Die ihre Kultur nicht versteckt, sondern teilt. Die ihren Platz nicht einfordert, sondern längst einnimmt. Sichtbar, selbstbewusst und selbstverständlich.

Menschen begegnen einander auf Augenhöhe

Der Ball ist dabei kein politisches Statement im klassischen Sinn. Er funktioniert über Begegnung, über Gespräche und über gemeinsames Erleben. Wer hier ist, erlebt keine Abgrenzung, sondern Offenheit. Menschen begegnen einander auf Augenhöhe. Und genau darin liegt seine Kraft. Es sind Abende wie dieser, die zeigen, wie sich eine Gesellschaft verändert. Nicht durch große Worte, sondern durch gelebte Realität. Der Roma-Ball ist dafür ein Beispiel. Er steht für Kontinuität und für Wandel zugleich. Für eine Kultur, die lebt. Und für eine Volksgruppe, die längst angekommen ist – ohne ihre Wurzeln zu verlieren.

Ein Zeichen für Identität und Würde

Wenn in den frühen Morgenstunden die letzten Lieder gespielt werden und der Saal langsam leer wird, bleibt mehr zurück als die Erinnerung an eine gelungene Nacht.

Es bleibt das Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein. Etwas, das verbindet. Der Roma-Ball ist deshalb nicht nur ein Ball. Er ist ein Zeichen. Für Identität. Für Würde. Und für eine Zukunft, in der Vielfalt nicht erklärt werden muss, sondern gelebt wird.