Fall Fritzl: 24 Jahre im Keller eingesperrt

Jahrhundertverbrechen

Am Sonntag, 27. April 2008, erlangte Amstetten weltweit traurige Berühmtheit. Grund dafür war ein schreckliches Verbrechen. Josef Fritzl (damals 73) hatte seine Tochter Elisabeth (damals 42) 24 Jahre lang in einem Verlies im Keller seines Haues eingesperrt, sie missbraucht und sieben Kinder mit ihr gezeugt (wobei eines kurz nach der Geburt starb). Von 1984 bis 2008 dauerte das Martyrium.

Das Fritzl-Haus in der Ybbsstraße im Jahr 2008.

Das Fritzl-Haus in der Ybbsstraße im Jahr 2008.

© NÖN

Drei Kinder lebten bei der Mutter im Keller, die anderen wuchsen bei Großmutter und Großvater auf, weil Elisabeth sie ihnen angeblich vor die Tür gelegt hatte. Bei allen fand sich ein Schreiben, in denen sie ihre Eltern bat, sich um die Kleinen zu kümmern. Niemand ahnte damals, dass Josef Fritzl seine Tochter gezwungen hatte, diese Briefe zu verfassen.

Ihre Befreiung aus dem Kellerverlies verdankte Elisabeth letztlich einer schweren Erkrankung der damals 19-jährigen Tochter. Elisabeth überzeugte ihren Vater, dass diese ärztliche Hilfe brauche. Also gab er am 19. April 2008 an, er habe die junge Frau in seinem Haus gefunden, wieder mit einem Begleitbrief von Elisabeth. Die 19-Jährige litt an einer mysteriösen Krankheit, die die Ärzte im Amstettner Spital ohne Krankengeschichte nicht behandeln konnten.

Daher wurde Elisabeth im Fernsehen aufgerufen, sich zu melden – was sie auch sah, denn ein TV-Gerät gab es im Verlies. Es gelang ihr, ihren Vater zu überreden, mit ihr ins Krankenhaus zu gehen. Das war am Samstag, 26. April. Da warteten bereits Kriminalisten auf Josef Fritzl. Sie hatten einen anonymen Hinweis auf seine Verbrechen erhalten. Auf der Polizeiinspektion erzählte Elisabeth dann ihre schier unglaubliche Geschichte.

Söhne hatten noch nie das Tageslicht gesehen

Noch am selben Abend tauchten im Haus in der Ybbsstraße die beiden Söhne (5 und 18) auf, die ihr bisheriges Leben im Kerker verbracht und noch nie Tageslicht gesehen hatten.

Um 15 Uhr gab die Polizei am Sonntag, 27. April, eine erste Pressekonferenz im Hotel Exel. Noch am selben Abend brach die Welt über Amstetten herein. Unzählige Zeitungen und Fernsehsender schickten Teams nach Amstetten.

„Es war gewaltig, was sich da abgespielt hat, und der Medienrummel enorm. Der Bürgermeister und auch ich waren sozusagen im Belagerungszustand“, erinnert sich Hofrat Hans-Heinz Lenze, damals Bezirkshauptmann, der ein Jahr vor seiner Pensionierung die wohl größte berufliche Herausforderung zu bewältigen hatte. „Einige Medien wollten mir dann ja sogar eine Mitschuld hinaufdrücken, dass wir früher Verdacht hätten schöpfen müssen, aber wir haben immer korrekt gehandelt.“

Lenze berichtet, dass er auch jetzt noch Anfragen von Medien bekomme, die mit ihm über den Fall sprechen wollen – jüngst zum Beispiel aus England. „Aber ich halte mich da sehr zurück. Ich bin sehr froh, dass Elisabeth und die Kinder abgeschieden in Ruhe leben können und nicht von Medien gestört werden. Vor Elisabeth habe ich große Hochachtung, denn sie hat 24 Jahre da im Keller gelebt und ihre Kinder trotzdem schulisch etwas gelehrt und sie hat es mit ihrer Familie verstanden, ein neues Leben zu beginnen.“

Auch eine Anrainerin in der Ybbsstraße erinnert sich noch gut an die Tage nach Bekanntwerden des Verbrechens. „Es war ein totales Chaos und wir wurden von Journalisten belagert. Ich musste sogar meinen Müllraum zusperren, weil sie dort ihre Notdurft verrichtet haben.“ Die Amstettnerin ist auch der Meinung, dass die Behörden früher hätten aufmerksam werden müssen. „Vor allem die Ähnlichkeit der Kinder mit dem Großvater hätte auffallen müssen.“ Auch, dass die Ehefrau des Täters nichts bemerkt haben wollte, erscheint ihr seltsam. „Aber Fritzl war ein Despot und hat sicher extremen Druck auf die Familie ausgeübt.“

Fall Fritzl: 24 Jahre im Keller eingesperrt

© NÖN

Inzwischen ist Ruhe eingekehrt in der Ybbsstraße, aber bevor das Haus umgebaut wurde, seien immer wieder mal Radfahrer gekommen und hätten ein Foto gemacht, erzählt die Anrainerin. Es hätten sogar Leute versucht, in den Keller einzudringen. Das ist inzwischen aber unmöglich, weil das Verlies im Jahr 2013 mit Beton verfüllt wurde.

Haus ist heute umgebaut und vermietet

Das Haus selbst hat der ehemalige Brauhofwirt Herbert Houska erworben und umgebaut. Jetzt leben dort neue Mieterinnen und Mieter, von denen längst nicht alle wissen, was sich im Keller ereignet hat. Das offizielle Amstetten wollte sich 15 Jahre nach der Aufdeckung des Verbrechens nicht dazu äußern. Man blicke nicht zurück, sondern nach vorne und wolle die Stadt entwickeln und voranbringen, heißt es aus dem Rathaus.

Für die Amstettnerinnen und Amstettner ist der Kriminalfall längst Geschichte, und sie wollen gar nicht so gerne daran erinnert werden. Aber manchmal, bei der Fahrt durch die Ybbsstraße, wenn der Blick unwillkürlich zum Fritzl-Haus gleitet, ist für ein paar Sekunden alles wieder gegenwärtig und genau so unfassbar wie damals.

Die Chronologie des Kriminalfalls

19. August 1984: Elisabeth Fritzl – damals 18 Jahre alt – wurde von ihrer Mutter Rosemarie als abgängig gemeldet.

In den Jahren 1993, 1995 und 1997wurden Kinder bei Josef und Rosemarie Fritzl abgegeben samt Briefen, in denen Elisabeth ihre Eltern bat, diese aufzunehmen.

19. April 2008:Die 19-jährige Kerstin Fritzl wurde in lebensbedrohlichem Zustand im Mehrparteienwohnhaus der „Großeltern“ in der Ybbsstraße abgelegt, wieder mit einem Brief der inzwischen 42-jährigen Elisabeth. Da die Ärzte dringend Auskunft über die Umstände des seltsamen Krankenbildes brauchten, wurde die Suche nach Elisabeth Fritzl in die Wege geleitet.

26. April 2008: Die Polizei erhielt in den Abendstunden einen Hinweis. Kurze Zeit darauf wurde Josef Fritzl in Begleitung seiner Tochter nahe des Landesklinikums aufgegriffen.

27. April 2008:Erst nach einem Hinweis von Josef Fritzl entdeckte die Polizei das Kellerverlies, in dem Elisabeth 24 Jahre lang gefangen war.

Im März 2009 wurde Josef Fritzl am Landesgericht St. Pölten zu lebenslanger Haft verurteilt.

Juni 2013:Das Kellerverlies wurde mit rund 120 Kubikmeter Spezialbeton verfüllt.

Weitere Hintergründe zum „Fall Fritzl“ findet ihr in unserem Sonderchannel.