„Frontlinien“-Präsentation von Wehrschütz: „Kein ÖAMTC in der Ukraine“
Pinkafeld
Was ist mit den Kollegen? Hat der Fahrer überlebt? Kommt noch eine Drohne? Wo kann ich mich verstecken? Welche Schäden gibt es? Wie kommen wir weiter? Das waren die Fragen, die ORF-Auslandskorrespondent Christian Wehrschütz am 8. November 2025 zuerst in den Sinn kamen, nachdem eine Drohne sein Fahrzeug in der Ukraine getroffen hatte. Auf Einladung der Buchhandlung Desch-Drexler stellte er sein Buch „Frontlinien“ in Pinkafeld vor.
Journalist Christian Wehrschütz (Mitte) mit Gattin Elisabeth und Buchhändler Gunter Drexler.
© Eva Maria Leeb
Der 64-Jährige Christian Wehrschütz war mit Mitarbeitern der ukrainischen Hilfsorganisation Proliska und einer spanischen Journalistin in der Ostukraine in der Region Donezk unterwegs. Das Team wollte in der Stadt Konstantinowka, nahe der Front, Evakuierungen filmen, die dort stattfinden. „Bis dorthin haben wir es leider nicht geschafft. Man kann in diesem Gebiet nicht einfach den ÖAMTC anrufen“, kann Wehrschütz heute über die lebensbedrohliche Situation schmunzeln. Ein zufällig vorbeikommender Pastor nahm die Truppe mit „und da habe ich schon im Auto mit der Berichterstattung begonnen“, sagt der Mann, der uns in den letzten Jahrzehnten den Balkan erklärt und seit 2022 den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hautnah verfolgt.
Gratwanderung zwischen Gefahr und Reporterleben
Seine Arbeit hat er bereits in mehreren Büchern dokumentiert, aktuell ist er mit seinem neuen Buch „Frontlinien“ im Land unterwegs und machte auf Einladung der Buchhandlung Desch-Drexler nun auch in Pinkafeld Halt. Bevor Wehrschütz im komplett ausverkauften Rathaussaal aus dem neuen Buch las, hatte Buchhändler Gunter Drexler zu einem Pressegespräch mit dem Journalisten gebeten. Dort gab Christian Wehrschütz Einblicke in seine oftmals sehr gefährliche Arbeit, mit der aber im September Schluss ist, die Pension steht bevor. Dieser Umstand freut vor allem seine Frau Elisabeth, die immer wieder um ihren Gatten bangen musste.
„Nach dem Drohnenangriff musste ich daheim beruhigen. Meine Töchter haben dann zwei Nächte bei meiner Frau verbracht“, so der Journalist. Daher ist es auch Gattin Elisabeth, die auf die Frage, ob der absehbare Abschluss der Auslandseinsätze froh macht, mit einem lauten „Ja“. Der Militäroffizier – Dienstgrad Oberstleutnant des höheren militärfachlichen Dienstes – spricht acht Sprachen, was ihm die Arbeit erleichtert. „Ich führe die meisten Interviews in der jeweiligen Landessprache. Vor allem von der Bevölkerung kommt da viel Wertschätzung“, sagt Wehrschütz, der seit Beginn des Ukrainekriegs im Februar 2022 mehr als 300.000 Kilometer mit dem Auto in der Ukraine unterwegs war. „Man kann zur Ukraine nur hinfliegen. Meist fliege ich nach Krakau, Cisinau oder Kosice. Von dort geht es dann mit dem PKW weiter. Der Zug ist keine Alternative, da ich ja oft schnell reagieren und an einen bestimmten Ort fahren muss“, so der Auslandskorrespondent.
Aussichten auf Kriegsende und Herausforderungen Europas
Auf die Frage, ob ein Ende des Krieges absehbar ist, sagt Wehrschütz: „Wenn ich wetten müsste, dass der Krieg heuer beendet wird, würde ich auf Nein tippen.“ Europa müsse stärker und geeinter werden, zudem seien Friedensgespräche ohne Einbindung Russlands nicht möglich. Zudem habe die EU innerhalb der Organisation Probleme, einzelnen Mitgliedern zu erklären, warum sie Milliarden Euro für die Ukraine ausgeben sollen und niemand weiß, wie es eigentlich weitergehen soll. „Derzeit sehe ich aber keine konkrete Annäherung der beiden Kriegsparteien, die Forderungen der einen Seite kann und will die jeweils andere Seite nicht erfüllen“, so Wehrschütz. Trotzdem verliert der langgediente Journalist nicht seinen Optimismus, betont gemeinsam mit seiner Frau, wie schön es ist, in Österreich daheim zu sein und macht sich dann auf den Weg in den Rathaussaal, wo bereits viele gespannte Zuhörer auf ihn warten.
Übrigens, wer dieses Mal keinen Platz bekommen hat, die Familie Drexler überlegt bereits, Christian Wehrschütz im Herbst noch einmal nach Pinkafeld einzuladen.