Österreichische Erdbeerkönigin: „Die Tradition muss erhalten bleiben“

Ines Gebhardt

Wenn in Wiesen die ersten Erdbeeren reif werden, beginnt nicht nur eine besondere Zeit für die Landwirtschaft, sondern für die gesamte Gemeinde. Der Duft der süßen Früchte liegt in der Luft, und entlang der Straßen öffnen die Verkaufsstände wieder ihre Fenster. Wiesen gilt als die älteste Erdbeergemeinde Österreichs und hat rund um die rote Frucht über Generationen hinweg eine eigene Identität entwickelt – sichtbar etwa in der alljährlichen Wahl der Österreichischen Erdbeerkönigin. Bürgermeister Matthias Weghofer, die erste österreichische Erdbeerkönigin Bettina Dorfer-Pauschenwein und die amtierende Königin Ines Gebhardt sprechen über diese Tradition.

Bei der Krönung am Wiesener Erdbeerfest am 31. Mai: Die allererste Österreichische Erdbeerkönigin Bettina Dorfer-Pauschenwein, Tourismus-Obfrau Anita Treitl, Andreas Wirth (Präsident der Wirtschaftskammer Burgenland), die Erdbeerprinzessin Lara, die Erdbeerkönigin Ines I., ÖVP-Nationalrat Christian Zarits, Bürgermeister Matthias Weghofer (ÖVP) und Vizebürgermeister Christoph Ramhofer (ÖVP).

Bei der Krönung am Wiesener Erdbeerfest am 31. Mai: Die allererste Österreichische Erdbeerkönigin Bettina Dorfer-Pauschenwein, Tourismus-Obfrau Anita Treitl, Andreas Wirth (Präsident der Wirtschaftskammer Burgenland), die Erdbeerprinzessin Lara, die Erdbeerkönigin Ines I., ÖVP-Nationalrat Christian Zarits, Bürgermeister Matthias Weghofer (ÖVP) und Vizebürgermeister Christoph Ramhofer (ÖVP).

© zVg

Kein anderes Erzeugnis ist so eng mit der Gemeinde Wiesen verbunden wie die Ananas-Erdbeere. Seit mehr als 150 Jahren wird hier angebaut, gepflegt, geerntet und vermarktet. Die Erdbeere ist längst mehr als eine landwirtschaftliche Kulturpflanze – sie ist ein Stück Geschichte, prägt das Ortsbild und bringt die Menschen in der Gemeinde zusammen.

Ein besonders sichtbares Symbol dieser Tradition ist die Erdbeerkönigin. Seit vielen Jahren wird sie in Wiesen als Botschafterin der Gemeinde gekrönt und repräsentiert ein Jahr lang die Region als – offiziell einzige – Österreichische Erdbeerkönigin. Untrennbar verbunden mit diesem Titel ist das Produkt, das ihn erst möglich macht: die weit über die Region hinaus bekannte Wiesener Ananas-Erdbeere.

Die Wurzeln des Erdbeeranbaus in Wiesen reichen weit zurück. Um das Jahr 1870 wurden die ersten Ananas-Erdbeeren über Deutschland von den Wiesener Bürgern Hans Wolf und Hans Eckhardt in die Gemeinde gebracht, erklärt Bürgermeister Matthias Weghofer: „Schuld war damals die Reblaus. Wiesen hatte viele Weingärten, und dieser Schädling stellte eine große Gefahr für den Weinbau dar.“ Dank der guten Böden und des günstigen Klimas entwickelte sich der Anbau rasch. Zwischen 1912 und 1922 bestand in Wiesen sogar eine staatliche Erdbeerversuchsanstalt mit mehr als einem Hektar Versuchsfläche, auf der Sorten und Anbaumethoden getestet wurden, berichtet der Bürgermeister. „Das waren damals schon sehr findige Burschen“, meint Weghofer.

Früher hatte nahezu jede Familie – mit Ausnahme von Pfarrer und Arzt – ein kleines Erdbeerfeld zur Eigenversorgung. Der Erdbeeranbau ist inzwischen allerdings auf wenige professionelle Betriebe konzentriert; aktuell gibt es in der Gemeinde rund zehn Erdbeerbauern.

In den 1970er/1980er Jahren erreichte die Anbaufläche in Wiesen ihren Höhepunkt: Rund 800 Hektar wurden bewirtschaftet, und die Früchte wurden in ganz Österreich verkauft. „Zu dieser Zeit gab es sogar zeitweise Einfuhrsperren, sobald die Wiesener Erdbeeren auf den Markt kamen, etwa gegenüber Importen aus Italien oder Spanien“, erinnert sich Weghofer. „Es gab sogar Staumeldungen in Wiesen auf Ö3. Das muss man sich mal vorstellen. Die Strecke Richtung Bad Sauerbrunn dauert normalerweise fünf Minuten, aber an solchen Tagen brauchte man eine halbe Stunde, weil so viel Verkehr war.“

Mit dem EU-Beitritt änderten sich die Rahmenbedingungen jedoch grundlegend, und frühere Schutzmechanismen entfielen. Die Bedeutung der Erdbeere zeigt sich dennoch bis heute – seit 1981 ist sie im Gemeindewappen verewigt.

Die ausgezeichnete Qualität der Früchte spricht zwar bis heute für sich. Gleichzeitig erkannte man schon früh, dass geschicktes Marketing nicht schadet. So wurde seit den 1950er Jahren – mit Unterbrechungen – eine „Ananaskönigin“ gekrönt, die für die Vermarktung zuständig war. Da der Begriff „Ananas“ für Erdbeeren jedoch vor allem im Osten Österreichs gebräuchlich ist und darüber hinaus oftmals mit der Tropenfrucht verwechselt wird, entschied man sich 2011 erstmals für die Wahl einer Österreichischen Erdbeerkönigin.

„In Wiesen weiß man einfach, dass es diese Tradition gibt“, antwortet Bettina Dorfer-Pauschenwein auf die etwas naive Frage, wie es dazu kam, dass sie sich als Erdbeerkönigin beworben und wie sie überhaupt davon erfahren hat, dass es diese Wahl gibt. „Es war einfach das Interesse da, es zu machen.“ Bettina Dorfer-Pauschenwein setzte sich schließlich gegen ihre damalige Mitbewerberin Daniela durch und wurde so zu „Bettina I“. Bis kurz vor der Krönung beim Erdbeerfest wissen die Bewerberinnen nicht, wer am Ende das Rennen machen wird. Wahlberechtigt sind alle Haushalte in Wiesen. Drei Wochen lang können Stimmen im Gemeindeamt oder per Post abgegeben werden. Mit der Wahlbeteiligung sei man durchaus zufrieden, sagt Bürgermeister Weghofer. Die Zahl der Bewerberinnen schwankt immer wieder: manchmal gibt es nur eine, in starken Jahren bis zu vier.

Bestimmte Voraussetzungen für eine Bewerbung gibt es keine, wie Bettina Dorfer-Pauschenwein erklärt: „Man sollte natürlich aus Wiesen sein und Erdbeeren mögen. Sonst würde man sich aber wahrscheinlich auch nicht für das Amt bewerben.“ Damit verbunden ist durchaus auch eine Verantwortung. Mehrere öffentliche Auftritte, nicht nur in Wiesen auf diversen Festen, sondern auch darüber hinaus stehen im Terminkalender. Ein besonderes Highlight ist jedes Jahr der Besuch beim Bundespräsidenten. „Dort war ich schon etwas nervös, muss ich sagen“, erinnert sich Bettina zurück. „Das beginnt schon bei der Hinfahrt mit den Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinde. Danach wartet man gespannt, bis die Tapetentür aufgeht, die man bis dahin in Wahrheit nur aus dem Fernsehen kannte.“ Bettina Dorfer-Pauschenwein und die gesamte Entourage der Gemeinde wurde damals von Bundespräsident Heinz Fischer und seiner Frau begrüßt. „Wir haben in seinem Büro Kaffee getrunken und mit ihm über die Erdbeeren gesprochen.“

Solche Erlebnisse prägen durchaus, sagt Dorfer-Pauschenwein: „Gerade wenn man noch relativ jung ist und dann mit solchen Persönlichkeiten ins Gespräch kommt, das ist in dem Alter schon etwas sehr Besonderes.“ Sie war damals 18 Jahre alt. Auch die Krönung selbst blieb ihr in Erinnerung – besonders der Moment, in dem sie vor mehreren Hundert Menschen ihre Antrittsrede hielt. „Das nimmt man schon mit auf seinen weiteren Weg, weil es Mut braucht, vor so vielen Menschen zu sprechen. Später kann man in ähnlichen Situationen daran denken und sich sagen: Das habe ich schon einmal geschafft.“

Heute ist sie Geschäftsführerin des Unternehmens Pauschenwein Creatives Wohnen und Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich und froh, dass auch 15 Jahre nach ihrer Krönung die Tradition weiterhin hoch gehalten wird. „Das ist schon etwas Besonderes und macht Wiesen aus. Man merkt es an der Anzahl der Gäste, die immer beim Festakt dabei sind. Auch die Kinder sind immer ganz begeistert von dem ganzen Trubel und von der Königin. Die Wiesener Ananas-Erdbeere nach außen zu repräsentieren, das ist schon etwas sehr Positives, finde ich.“

Genau so sieht es auch Ines Gebhardt, die aktuelle Erdbeerkönigin 2026 Sie wurde erst vor Kurzem, am 31. Mai, gekrönt. „Ich habe mich vor allem beworben, weil ich die Tradition schön finde und weil ich es für wichtig finde, dass sie erhalten bleibt“, sagt sie über ihre Motivation, sich zu bewerben. Einige große Auftritte hat sie bereits absolviert: „Wir waren schon beim Bundespräsidenten, beim Bürgermeister von Wien, beim Bischof und in der Wirtschaftskammer.“ Wie viele Termine in ihrer Amtszeit noch folgen, weiß sie noch nicht genau. „Als Erdbeerkönigin trete ich zum Beispiel auch bei verschiedensten Veranstaltungen in Wiesen auf. Spontan fällt mir das 50-jährige Jubiläum des Skiclubs Wiesen ein.“ Auch Freundinnen von ihr waren bereits Erdbeerkönigin. So weiß sie ungefähr, was auf sie zukommt. Die Krönung verlief reibungslos, und auch die Antrittsrede hat Ines I mit Bravour gemeistert. „Davor war ich schon nervös, aber dann ist alles gut verlaufen.“

Das Prozedere bei der Wahl zur Österreichischen Erdbeerkönigin hat sich seit 2011 im Wesentlichen nicht verändert. Die Krone stellt die Gemeinde zur Verfügung, und auch die Schärpe wird weitergereicht. Der Erdbeerkönigin steht stets auch eine Erdbeerprinzessin zur Seite – die Zweitplatzierte bei der jeweiligen Wahl. Das Amt darf ein Jahr lang ausgeübt werden. Zu einer Wiederwahl ist es bisher nur ein einziges Mal gekommen: während der Coronazeit, als die damals aktuelle Königin für eine zusätzliche Amtszeit prolongiert wurde. Auch wird die Erdbeerkönigin beim Erdbeerfest immer gewogen. Dies dient einem guten Zweck und wird mit einem Augenzwinkern durchgeführt, erklärt Bettina Dorfer-Pauschenwein. „Es geht nicht darum, das tatsächliche Gewicht der Erdbeerkönigin zu bestimmen – das wäre doch etwas unpassend. Hintergrund ist der, dass das Gewicht in Kilogramm Erdbeeren an eine wohltätige Organisation gespendet wird. Deswegen wird von den umstehenden Personen immer kräftig mit auf die Waage gestiegen, damit am Ende mehr zusammenkommt.“

Bleibt die Frage: Wird es irgendwann auch einen Erdbeerkönig geben? Die Meinungen gehen hier etwas auseinander. Bürgermeister Weghofer ist kein Befürworter: „Das hätte etwas von Faschingsprinzen. Es soll eine Königin bleiben.“ Bettina Dorfer-Pauschenwein fände es hingegen mal eine nette Idee. Und Ines Gebhardt würde den Gedanken grundsätzlich ebenfalls nicht ablehnen. „Es sollte aber kein Erdbeerkönig sein, sondern vielleicht nur ein Erdbeerprinz, weil die Erdbeerkönigin ist einfach der Brauch.“