DaHuam4Kids: „Nichts wird sich ändern, wenn wir uns nicht einsetzen“
Interview der Woche
Der Verein DaHuam4Kids hat sich im Sommer 2021 gegründet. Mehrere Eltern von Kindern mit Behinderungen haben sich damals zusammengeschlossen, um ihre Vision eines zweiten DaHuams für ihre Kinder gemeinsam weiter zu verfolgen. Für diesen besonderen Einsatz erhielt der Verein den BVZ-Martinipreis in der Kategorie Engagement.
Claus und Sonja Pinter, Simone Ohr, Tanja Pipal-Kainz und Christoph Koller setzen sich ein für ein zweites „DaHuam“ für Kinder und Jugendliche aus dem Mittelburgenland mit besonderen Bedürfnissen ein.
© Michaela Grabner
DaHuam4Kids. Der Name des Vereins ist quasi Programm: Können Sie mit eigenen Worten kurz das Ziel des Vereins beschreiben?
Christoph Koller: Unser großes Ziel ist es nach wie vor eine wohnortnahe Betreuungsalternative für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen zu schaffen, weil Betreuungsplätze ganz einfach rar sind. Wir wollen somit eine Möglichkeit bieten, um zwischen offenen Tagesstrukturplätzen wählen zu können und Krisenplätze für Kurzzeitpflege anzubieten. Darüber hinaus unterstützen wir als Verein regional betroffene Familien und setzen ein Zeichen für Inklusion, denn Inklusion beginnt bekanntlich DaHuam.
Menschen mit Behinderung mehr in die Mitte bringen
Tanja Pipal-Kainz:Wir unterstützen als Verein regional betroffene Familien auch bei der Anschaffung von Hilfsmitteln und wir möchten Kindern mit Behinderung mit unseren organisierten Aktivitäten Freude schenken. Ziel ist es aber auch, Menschen mit Behinderung durch unsere Veranstaltungen und durch unser Tun mehr in die Mitte zu bringen. Ein Bewusstsein für Inklusion zu schaffen.
Warum ist Ihnen das persönlich so ein großes Anliegen?
Christoph Koller:Unsere Kinder können nicht sagen, sie wollen das oder das nicht. Unsere Kinder haben nicht die sozialen Kontakte wie ein gleichaltriges Mädchen oder ein gleichaltriger Junge. Unsere Kinder haben sehr oft nur uns und was passiert, wenn wir nicht mehr da sind? Wer kümmert sich um sie? Als Eltern möchten wir ganz einfach nur das Beste für unsere Kinder und da ist es egal, ob mit oder ohne Behinderung. Denn wenn es den Kindern gut geht und wir wissen, dass sie gut aufgehoben sind, so geht es auch uns Eltern gut, denn „Nicht alles, wofür wir uns einsetzen, können wir ändern. Aber nichts wird sich ändern, wenn wir uns dafür nicht einsetzen (James Baldwin).“

© Michaela Grabner
Tanja Pipal-Kainz:Uns ist es wichtig, aufzuzeigen, dass ein Änderungsbedarf besteht. Dass man Tagesstrukturen neu denken sollte – und es nach wie vor keine Krisenplätze gibt. Dass pflegende Angehörige Entlastung brauchen. Wir erleben den Alltag und die Herausforderungen von Menschen mit Behinderungen hautnah. Und gerade deshalb möchten wir Sprachrohr sein. Für die, die allzu oft übersehen werden.
Schwebt Ihnen ein konkreter Platz vor, wo dieses DaHuam entstehen soll? Gibt es vielleicht schon konkrete Pläne oder Konzepte, wie ein solches Dahuam aussehen kann bzw. soll?
Christoph Koller:Wir haben ein Ziel und dieses Ziel ist nicht von einem bestimmten Platz abhängig. Es soll eine offene Tagesstruktur bieten, die flexible und selbstbestimmte Aktivitäten ermöglicht. Einmal pro Woche soll ein offenes Frühstück stattfinden, das als Ort der Gemeinschaft und Begegnung dient und Freunde und Verwandte einlädt. Regionale Künstler und Künstlerinnen, Musiker und Musikerinnen und Coaches sollen eingeladen werden und kreative und musikalische Angebote für neue Erfahrungen bieten. Schulisch erlernte Kompetenzen wie unterstützte Kommunikation, gemeinsames Kochen, lebenspraktische Fähigkeiten und kreatives Arbeiten sollen weitergeführt bzw. ausgebaut werden. Wir setzen ein Zeichen für Inklusion.
Tanja Pipal-Kainz:Wir haben viele Ideen – wissen grundsätzlich genau, was unsere Kinder brauchen würden. Gerade sind wir dabei ein Konzept zu erstellen. Uns fehlt hier allerdings schlichtweg die notwendige Erfahrung – deshalb versuchen wir uns aktuell mit vielen Vereinen, Organisationen und Personen zu vernetzen, die uns weiterbringen können.
Wieviel näher sind Sie Ihrem Ziel seit der Vereinsgründung im Sommer 2021 gekommen? Was würde es am notwendigsten brauchen, um dieses Ziel zu erreichen?
Tanja Pipal-Kainz: Uns war es anfangs wichtig, gebündelt – als Verein - den dringenden Bedarf an Tagestrukturplätzen aufzuzeigen und nach Lösungskonzepten in Heimunterbringung und Kurzzeitpflege zu fragen. Das wurde in vielen Gesprächen mit den zuständigen Stellen auch gemacht. Dennoch fehlen uns nach wie vor gute Zukunftsaussichten für unsere Kids. Deshalb bleiben wir dran. Was wir brauchen? Eine Politik, die uns zuhört und mit Betroffenen zusammenarbeitet. Und Unterstützer – mit Know-How.
Christoph Koller: Mehr Verständnis für unsere Sorgen und Ängste, mehr Zuhören, worum es uns wirklich geht und mehr Wille, etwas zu bewegen. Wir sind bereit, wir sind gewillt und wir wissen aus Erfahrung, was Kindern mit Behinderung brauchen und verstehen deren spezifische Bedürfnisse. Warum soll nicht auch jetzt eine Initiative Großes bewegen und ermöglichen, was andere Eltern durch ein gemeinsames Miteinander vor mehr als 40 Jahren geschafft haben.
Große Sorge um Zukunft des Kindes, wenn Eltern es nicht mehr begleiten können
Alle Eltern sorgen sich um ihre Kinder, aber plagen einem als Vater bzw. Mutter von einem Kind mit besonderen Bedürfnissen auch besondere Sorgen?
Tanja Pipal-Kainz:Ja, auf jeden Fall. Man macht sich meistens mehr Gedanken um die Gesundheit des Kindes. Man muss zum Beispiel medizinische Entscheidungen treffen, ohne das Kind aktiv einbinden zu können. Das kann schon sehr belastend sein. Und dann ist da auch die große Sorge um die Zukunft des Kindes, wenn wir Eltern es nicht mehr in vollem Ausmaß begleiten können. Nahezu alle betroffenen Jugendlichen unseres Vereins werden nie komplett selbstständig leben können. Was machen sie ohne uns? Wo können sie leben? Wer sorgt liebevoll für sie? Und natürlich schwingt hier auch immer die Sorge um die eigene physische und psychische Gesundheit mit.
Christoph Koller: Natürlich macht man sich Gedanken: Was bringt die Zukunft für unsere Kids? Was ist wenn wir nicht mehr sind? Dies ist oft sehr belastend. Deshalb setzen wir uns auch so ein für unsere Kinder, damit wir wissen, dass es ihnen auch in Zukunft gut geht.
Welche Unterstützung brauchen Kinder mit besonderen Bedürfnissen im Alltag und wie wirkt sich das auf das Familienleben aus?
Tanja Pipal-Kainz: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Weil jedes Kind andere Einschränkungen und Fähigkeiten hat. Die Auswirkungen auf das Familienleben sind aber immer enorm. Die meisten Kinder mit Behinderung brauchen in vielen Situationen des Alltags ständig Hilfestellung. Gerade weil man die Selbstständigkeit so gut wie möglich fördern möchte, braucht es oft „Hilfe“ von Anderen, um etwas „selbst“ machen zu können. Meistens können diese Kinder Gefahren nicht richtig einschätzen. Somit ist man als Angehöriger ständig auf der Hut. Der Fokus liegt deshalb stark auf dem betroffenen Kind. Hier eine gesunde Balance für die verschiedensten Bedürfnisse in der Familie zu finden, ist nicht immer einfach.
Christoph Koller: Wie Tanja schon geschildert hat, hat jedes Kind andere Einschränkungen bzw. Bedürfnisse und deshalb braucht jeder und jede eine andere Unterstützung. Aber durch unser Miteinander fällt es oft leichter, wenn man in der Gruppe über die oder die Dinge spricht, schon alleine das einfache Zuhören tut schon oft gut - man fühlt sich verstanden und nicht alleine!
Wieviele Familien sind zur Zeit im Verein?
Christoph Koller:17 Kinder und deren Familien. In Summe zählen wir derzeit 138 Mitglieder.
Was sind Ihre nächsten Pläne, Vorhaben und Veranstaltungen?
Tanja Pipal-Kainz:Wir möchten das Jahr mit einer kleinen Weihnachtsfeier für unsere Familien ausklingen lassen. Und es wollen uns in der Weihnachtszeit wieder einige mit einem Punschstand und ähnlichem unterstützen.
Christoph Koller:Wir planen bei der einen oder anderen Veranstaltung von anderen Organisationen vorbeizuschauen, um uns zu vernetzen bzw. um sich auszutauschen. Für nächstes Jahr haben wir eine Draisinentour mit unseren Kids geplant und der jährliche Wandertag, der für Inklusion steht, ist ja schon fast ein Fixpunkt in der Region. Außerdem wollen wir unser Konzept weiter vorantreiben, damit aus Träumen Wirklichkeit wird.
Wie kann man Ihr Ziel bzw. den Verein unterstützen?
Tanja Pipal-Kainz:Sprecht über DaHuam4Kids mit Anderen, werdet Mitglied in unserem Verein, kommt zu unseren Veranstaltungen oder meldet euch gerne bei uns, wenn ihr Ideen oder Anregungen habt.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Kinder?
Tanja Pipal-Kainz:Dass sie immer einen sicheren Ort haben, an dem sie leben können. Dass sie wertgeschätzt und ihre Bedürfnisse immer respektiert werden.
Christoph Koller: Wir wünschen uns für unsere Kinder, eine wohnortnahe, liebevolle Betreuung, die mehr als nur Versorgung bietet – ein zweites Zuhause, das Geborgenheit, Zusammenhalt und Lebensfreude für unsere Kinder schafft. Ein echtes Zuhause entsteht nicht nur durch Architektur, sondern entsteht durch Geborgenheit und vermittelt Sicherheit und Wärme – Für ein Gefühl von DaHuam.
Wenn Sie den Gewinn des BVZ-Martini-Preises mit drei Hashtags kommentieren würden, welche wären das?
Tanja Pipal-Kainz: #unglaublichdankbar #gemeinsamwasbewegen #wirstehenfuerinklusion