„Wir kämpfen um jede Stunde Vorwarnzeit, die wir herausholen können“
Thomas Krennert im Talk
Seine familiären Wurzeln liegen in einer der gewitterreichsten Zonen Österreichs, dem mittleren Burgenland, wo er vor allem als Jugendlicher und Student viel Zeit verbracht hat. Vielleicht mit ein Grund, warum ihn Wetterphänomene schon in jungen Jahren fasziniert haben. Mittlerweile ist Thomas Krennert seit mehr als zwanzig Jahren in der Gewitterforschung sowie in der operationellen Wettervorhersage beim österreichischen Wetterdienst Geosphere (vormals Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) tätig. Mit der BVZ sprach er über Klimawandel, Extrem-Wetterereignisse und Wetterwarnungen.
Der Mess-Garten auf der Hohen Warte in Wien mit seinen Messintrumenten und Sensoren ist ein wichtiger Ort für Thomas Krennerts tägliche Arbeit. Er selbst hat vor Jahren die Wetterstation in Neudorf bei Landsee initiiert. "Wir sind froh, dass wir die Station dort haben, weil das Klima im Burgenland, man möchte es nicht glauben, genauso wie überall anders in Österreich sehr, sehr kleinräumig und sehr sehr unterschiedlich ist. Es macht wahnsinnig viel Unterschied, ob ich eine Messung in Neudorf mache oder in Lutzmannsburg. Das Überdrüber wäre, wenn wir in Oberpullendorf auch noch eine Station hätten", so Krennert. Derzeit gibt es rund 280 Stationen in Österreich.
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Wollten Sie schon immer Meteorologe werden und welche Ausbildung haben Sie durchlaufen?
Thomas Krennert:Ich habe schon vor der Matura gewusst, dass mich das interessiert. Alle haben die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, aber ich habe es durchgezogen. Damals - und auch aktuell - konnte man Meteorologie in Innsbruck und in Wien studieren. Als Meteorologe ist man Atmosphärenphysiker - das heißt viel Physik und viel Mathematik. Atmosphärenphysik ist eigentlich ein Hochtechnologiebereich. Das ist zu vergleichen mit der IT, wir sind sehr eng mit der Informationstechnologie verknüpft, weil bei uns alles über Computer läuft. Daher haben wir auch alle paar Monate neue Entwicklungen, mit denen wir zu Rande kommen müssen. Das heißt ständiges Weiterlernen ist gefragt.
Wieviele Meteorologen gibt es in Österreich?
Thomas Krennert:Es gibt sicher ein paar hundert Meteorologen in Österreich, Die Absolventen, die uns zur Verfügung stehen, arbeiten bei Wetterdiensten, beim Flugwetterdienst, bei industriellen, privaten oder kommerziellen Anbietern aber auch Gemeinden oder Länder suchen Klimaexpertinnen und -experten. Wir können durchaus mit Selbstbewusstsein sagen, österreichweite Expertinnen und Experten zu sein, weil es ist jeder spezialisiert. Unser Arbeitsumfeld ist nicht mehr national sondern ausschließlich international. Jemand der das Studium abschließt, kann programmieren, rechnen und Fremdsprachen - ohne Englisch geht gar nichts, weil man wissenschaftliche Publikationen auch auf Englisch verfassen können und sich mit Leuten unterhalten können muss. Dieses Studium produziert internationale Top-Experten.
„Das mittlere Burgenland und die Bucklige Welt haben eine extreme Dichte an hauptberuflichen Meteorologen hervorgebracht - die Gegend ist einfach gewitterprädestiniert und viele Leute aus dieser Gegend sind Meteorologen geworden.“ Thomas Krennert
Wie funktioniert moderne Wettervorhersage?
Thomas Krennert:Wettervorhersage besteht aus drei großen Säulen. Die erste große Säule ist die sogenannte Synopsis, der Überblick. Wir müssen wissen, was wo und wie passiert. Die zweite Säule ist die Erfahrung. Es rechnet sich immer noch für den nationalen Wetterdienst und andere Anbieter persönliche Routine und Erfahrung des Fachpersonals zu nutzen. Dabei hat man immer noch einen Mehrwert gegenüber rein computergesteuerten Produkten. Es macht Sinn jemand hinzusetzen, der das seit 20 Jahren macht und genau weiß, wenn der Wind vom Westen kommt, wie wirkt sich das auf Bernstein aus, oder auf Sieggraben? Bei uns auf der Homepage sind die Texte händisch gefertigt, da sind nicht nur die Wettermodelle drinnen, sondern auch wie der Meteorologe diese interpretiert, weil er genau weiß, wenn der Berg in der Strömung steht, dann macht er etwas mit dem Wetter. Das macht im Speziellen in Österreich - und auch das Burgenland ist teilweise noch Alpenvorland-Klima im mittleren und südlichen Burgenland - viel aus.
Die dritte Säule sind maschinengenerierten Daten - die Wettermodelle. Wir legen ein Netz um die ganze Erde mit Knotenpunkten zirka alle sechs Kilometer. Dort legen wir Gleichungen hinein, die Zustände und Bewegungen beschreiben wie Wind, Strahlung und Flüsse. Wir führen zu einem bestimmten Zeitpunkt Messungen durch und befüllen die Gleichungen, dann schrauben wie die Zeit eine Stunde vor und so machen wir das bis zehn Tage im Voraus, wobei wir nicht nur ein Netz um den Globus legen sondern 91 Schichten übereinander. Wir rechnen diese Wettermodelle mit den stärksten Computern, die es auf der Welt gibt. Es ist extrem kompliziert und man braucht wirklich Jahre, um das zu verstehen.
Wetterberichten wird oft nachgesagt, falsch zu liegen. Wie begegnet man als Meteorologe diesem Vorurteil?
Thomas Krennert: Wir haben wissenschaftlich untersucht, ob die Prognosen, die wir schreiben, überhaupt verstanden werden. Es ist herausgekommen nein, weil sich die Leute die Texte nicht durchlesen und wenn ja möglicherweise nicht verstehen. Das ist jetzt nicht böse gemeint. Das ist wie stille Post. Wir beschäftigen uns sehr wohl mit der Problematik, wie unsere Warnungen und Prognosen verstanden werden. Es gibt Leute, die wollen ganz genaue Prognosen und Leute, die wollen nur wissen ob es regnet oder wie warm es wird. Je nach Bedarf wird die Prognose möglicherweise anders gelesen und anders verstanden und das macht sehr viel aus.
Ein Beispiel: Heute ist es anfangs bewölkt, das löst sich dann auf und es scheint die Sonne. Es werden im Laufe des Nachmittags Gewitterwolken aufziehen und es gehen verbreitet Regenschauer und Gewitter nieder. Das Burgenland hat aber eigentlich eine sehr große Fläche im Vergleich zu einer Gewitterwolke, die ist ja nur zwei Quadratkilometer groß, und dann stimmt es ja nicht für ganzen Tag. Und man ist ja auch nicht ganzen Tag im Freien sondern im Büro und arbeitet und kriegt womöglich einen Regenschauer gar nicht mit und dann sagt man die Wetterprognose hat heute überhaupt nicht gestimmt, weil es hat nicht geregnet.
In Wahrheit ist es extrem kompliziert. Wir müssen versuchen einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, wo wir alles drinnen haben, möglichst breit, möglichst kurz formuliert und dann müssen wir ein Symbol für den ganzen Tag finden. Maximum-/Minimum-Temperatur ist einfach, aber die wird individuell unterschiedlich gefühlt, weil es kommt auch auf die Luftfeuchte an, wie die Hitzebelastung ist. 30 Grad bei sehr trockener Luft werden möglicherweise nicht so belastend empfunden wie 25 Grad bei sehr feuchter Luft. Das sind alles Faktoren, die können wir nicht aufzählen, sonst sind die Leute komplett überfordert und es ist viel zu viel Information.
Auch bei Wetterwarnungen geht es erstens darum, wie wir die Leute erreichen und zweitens wie wir die Warnungen formulieren müssen, dass die Menschen sich in Sicherheit bringen, wenn sie es müssen. Das ist ein großes Problem, das derzeit weltweit angegangen wird. Wenn ich zuviel warne, dann ignorieren Leute das und sagen „Schon wieder, es ist eh nix“ und wenn ich zu wenig warne, kommen eventuell Leute zu Schaden. Also wie mache ich es richtig, weil wir schaffen es, Extremwetterereignisse ein bis zwei Tage vorher zu sehen.
„Man macht Meteorologie nicht einfach nur nach dem Motto 'Na schau ma mal.' Jemand, der das nicht gerne mag, der tut sich das auch nicht an.“ Thomas Krennert
Welches Wetterphänomen betrachten Sie als Meteorologe aktuell mit dem größten wissenschaftlichen Interesse und welches mit der größten Sorge?
Thomas Krennert: Wir haben noch weiße Flecken in der Gewitterforschung. Da versuchen wir mit irren Aufwand wirklich jede Stunde rauszukratzen, die wir in der Vorlaufzeit für Gewitterwarnungen gewinnen können. Gewitter haben alle Schadensbilder dabei, Starkwindböen, Blitzschlag, Starkniederschlag, Hagel, Sturmschäden. Es können Überschwemmungen auftreten, Keller überflutet werden. Je früher wir warnen können, desto früher kann man sich schützen. Wir sprechen von Mitigation, also dem Vermeiden von Schäden, und Resilienz, also Widerstandskraft, die wir aufbauen können. Resilienz würde etwa bedeuten, unsere Bauordnung entsprechend verändern und Mitigation das Auto in die Garage stellen, weil ich weiß, dass ein Gewitter kommt.
Ich würde gerne zwei Tage vorher den Bezirk Oberpullendorf oder den Bezirk Güssing warnen können, dass beispielsweise in zwei Tagen am Nachmittag eine Gewitterzelle vorbeikommt, die drei Zentimeter Hagel und 80 km/h Fallböen mitbringt. Das können wir derzeit noch nicht, wir tasten uns heran. Zwei Tage oder einen Tag im Voraus können wir die Region festmachen, wo die Wahrscheinlichkeit für Gewitter sehr hoch ist, aber um welche Art von Gewitterzelle oder welches Schadensbild es sich genau handelt, das wissen wir erst ein paar Stunden vorher und den genauen Punkt und Zeitpunkt, wo wie wann auf den Kilometer genau, das wissen wir erst zirka eine Stunde vorher. Es geht um die Auswirkungen des Wetters und da darf ich den Bogen spannen zu Citizen Science. Helft uns, diese Auswirkungen genauer und besser abzuschätzen.
Was ist mit Citizen Science gemeint?
Thomas Krennert:Wir versuchen mit diesem Programm die Auswirkungen an verlässlichen Meldungen, handfesten Beobachtungen, festzumachen, dass wir auswirkungsbasierte Wetterwarnungen abgeben können. Wir warnen nicht vor 100 km/h Wind, sondern, dass in Wien nur größere Äste von den Bäumen fallen, weil die Bäume dort solche Windstärken gewohnt sind, aber in Graz, dass der Baum umfallen könnte. Mit „wettermelden.at“ kann ich in Sekunden dem Wetterdienst Daten mitteilen, die öffentlich zugänglich sind. Jeder kann in Echtzeit schauen, was gerade in seiner Umgebung abgeht und wir freuen uns über verlässliche Meldungen, weil wir damit Auswirkungen besser abschätzen können. Es gibt dafür eine Web App. Da muss man nix downloaden, nix installieren, sondern einfach Handy, Verortung und Internet einschalten, im Browser wettermelden.at aufrufen und anhand von vorgebenen Parametern auswählen, was am besten passt.
Sie sind auch der Gründer des Trusted Spotter Network Austria. Wie funktioniert dieses Netzwerk und wozu dient es?
Thomas Krennert:Die Trusted Spooter sind ausgebildete Melderinnen und Melder, die genau Bescheid wissen, was im Hintergrund abläuft. Dieses Netzwerk gilt sowohl in Europa als auch weltweit als Best Practice, wie man am besten mit Warnungen und mit Warnungsfeedback umgeht. Die Trusted Spotter sind Enthusiastinnen und Enthusiasten, die ihrer Begeisterung einen Mehrwert geben. Da sind viele Funker dabei, Feuerwehrleute, Gemeindearbeiter und Landwirte. Wir kooperieren auch mit Schulen. Die Landwirtschaftliche Fachschule Güssing etwa ist eine Wetterpartnerschule von uns. Wir bieten den Trusted Spottern mehrmals im Jahr Workshops an.
Welche Rolle nimmt der Wetterdienst im staatlichen Krisenschutzmanagement ein?
Wir haben uns während der letzten Jahre von der Wettervorhersage hin zu den Wetterwarnungen entwickelt und wir entwickeln uns jetzt von der Wetterwarnung, die wir an die Öffentlichkeit und im Hintergrund auch an ganz, ganz viele Zivilschutzbehörden, Landeswarnzentralen, etc. abgeben, hin zur Krisenkommunikation. Wir stehen dem staatlichen Krisen- und Katastrophenschutzmanagement, eben den Landeswarnzentralen, den Krisenstäben, den Feuerwehren, den Einsatzkräften, dem Zivilschutz, als Experten rund um die Uhr 24/7 verlässlich und kompetent zur Verfügung. Entsprechend richten wir unsere Schichtdienste und Strategien aus, entsprechend bilden wir die Personen aus, die damit zu tun haben. Ich war im September 2024 im Dienst bei diesen schrecklichen Überflutungen in Niederösterreich. Es ist nichts wichtiger für den Krisenstab, als dass diese einfach den Hörer heben und auf uns zugreifen können, was war vom Wetter her, was ist jetzt gerade und was kommt noch, womit müssen wir rechnen. In Zeiten der Klimakrise sind wir immer öfter damit konfrontiert. Wir sind mitten in der Gewittersaison und da gibt es quasi täglich in Österreich immer wieder Schäden, die behoben werden müssen oder vor denen man sich schützen muss.
Ob Hitze oder Hagel - das Wetter wird ja zumindest gefühlt immer extremer. Lässt sich das auch an Parametern festmachen, wenn ja an welchen und woran liegt das?
Thomas Krennert: Vor einem Monat hat mein Kollege Klaus Haslinger als Erstautor mit vielen anderen Expertinnen und Experten einen wissenschaftlichen Artikel publiziert und dort steht eindeutig drinnen, dass Niederschlagsereignisse immer extremer werden - wir haben das jetzt auch für Österreich und den Alpenraum schwarz auf weiß und amtlich. Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, es kommt später zur Wolkenbildung, aber wenn sich dann die Wolken bilden, ist mehr Wasser in der Atmosphäre drinnen. Es kommt seltener zum Regen, aber wenn es regnet, dann regnet es stärker. Je nach Gewittertyp gibt dann auch Hagel. Es ist zwar immer noch selten, aber es wird immer öfter beobachtet, dass größere Hagelsteine herunterkommen. Vor zwei Jahren wurde der Rekord gebrochen mit einem Hagelkorn mit einem maximalen Durchmesser von 19 Zentimetern in Norditalien. Es kann schon vorkommen, dass es Riesenhagelsteine gibt - etwa in den USA und Rumänien, wo es günstige Voraussetzungen gibt für solche extremen Sachen. Aber mittlerweile ist es schon weit verbreitet und das muss man ganz klar sagen ist in Zusammenhang mit der Erderhitzung und der beispiellosen Erhitzung der Erdatmosphäre zu bringen.
Die Wissenschaft ist in der Lage Fakten zu erkennen und formuliert das dann als wissenschaftlichen Artikel. Wenn man diesen einreicht, wird dies von einem anderen Experten durchgeschaut. Als Autor muss man alle Einwände, die vom Reviewer kommen, berücksichtigen. Erst dann wird der Artikel publiziert - das dauert bis zu mehreren Jahre. Angesichts dieser Prozesse verstehe ich die Meinungsmache nicht, wo sich Leute in der Öffentlichkeit oder in sozialen Medien hinstellen und sich nicht zu blöd sind, zu sagen, die wissenschaftlichen Publikationen sind alle ein Schmarrn. Da ist wahnsinnig viel Arbeit, Aufwand und Prüfung drinnen. Häuser sind irgendwann fertig nach der Bauordnung und genauso ist es mit wissenschaftlichen Arbeiten. Jeder, der einen wissenschaftlichen Artikel hinterfragt, darf auch nicht in einem Haus wohnen, weil er Angst haben muss, dass das Haus über ihm zusammenbricht. Wenn es jemand geschafft hat, etwas in einem wissenschaftlichen Artikel zu publizieren, dann ist das ein Fakt und die Wissenschaft kann diese Fakten kommunzieren und für Entscheidungsträger zusammenfassen. Aber was Wissenschaft ganz sicher nicht machen soll, ist gesellschaftlich Lösungen finden. Wir können Lösungsansätze anbieten, aber die Gesellschaft selber muss mit der Politik ausmachen, was dann passiert angesichts der kommunizierten Fakten.
Es gibt immer noch ein paar Ungläubige, die bestreiten, dass es einen Klimawandel gibt? Was würden Sie als Experte solchen Menschen sagen?
Wissenschaft hat standardisierte Methoden, um auf Realitäten hinzuweisen. Wir müssen das publizieren, das wird geprüft, das muss Hand und Fuß haben. Das hat nix mit Glauben zu tun. Heutzutage ist in der öffentlichen Kommunikation die Gleichberechtigung der Argumente verschoben ist.
Wir haben im Februar 2024 plus 7 Grad positive Abweichung vom Monatsmittel gehabt in Wien, das ist exorbitant. Wir haben im Oktober 2023 am Sonnblick auf 3.000 Meter keine Tagesmitteltemperatur unter 0 Grad gehabt, das ist exorbitant, beispiellos, erschreckend. Wir haben einen Verlust des arktischen Meereises, der ist so stark, dass man in fünf Jahren davon ausgehen muss, dass im September die Arktis eisfrei ist. Wir müssen davon ausgehen, dass die borealen Permafrostböden auftauen und soviel Methan freigesetzt wird, dass ein Tautropfen das ganze Methan entzünden kann, wenn die Sonne drauf scheint und hunderttausende Hektar einfach brennen wie jetzt der kanadische boreale Wald. Das sind alles Dinge, die hat es vor zehn Jahren so noch nicht gegeben. Und das beschleunigt sich, das sind die Fakten. Dann sind wir konfrontiert in Social Media oder den Medien. Da werden bei TV-Diskussionen Experten hingesetzt, die sich hauptberuflich damit beschäftigen und Leute, die sagen das stimmt nicht und das gibt eine super Diskussion. Sas ist eine Kontroverse und je größer und stärker die Kontroverse ist, umso mehr Leute schalten ein. „Die hauen sich in die Goschn“ sagt man im Wiener Slang. Da kommt einer und sagt „Ja du bist Wissenschafter aber ich glaub dir das nicht“ und der kriegt genausoviel Sendezeit wie der Wissenschafter. Man muss aufpassen als Medium, wieso Argumente von Leuten, die etwas glauben, gleichberechtigt sind mit Argumenten von Leuten, die etwas wissen. Vor 50 Jahren hat es solche Leute auch gegeben, nur die hatten keine Öffentlichkeit zugunsten der Kontroverse. Man erkennt Verschwörungstheoretiker daran, dass sie keine Lösung suchen, sondern nur in den Fragen stecken bleiben. Jeder darf und soll wissenschaftliche Fakten in Frage stellen nur dann muss ich auch Lösung suchen und nicht in Frage stecken bleiben.
Wir müssen zwangsläufig Wege und Mittel finden, mit diesem Stakkato an Katastrophenmeldungen, die täglich auf uns niedergehen, fertig zu werden. Ein Lösungsansatz, der sehr oft vorkommt, ist, ich lasse die Rollo runter. Ich beschäftige mich damit nicht, weil das macht mich fertig. Seit 60 Jahren hören wir CO² ist schlecht in der Atmosphäre, das macht alles kaputt. Viele reagieren mit „Ich kann's nicht mehr hören. I wü mei Ruh habn. Die wollen mir nur vorschreiben, was ich zu tun habe.“ Ich als Wissenschafter will niemand etwas vorschreiben, ich kann nur Lösungen anbieten und die heißt „Wir müssen aufhören auf unseren Transportwegen Dinge zu verbrennen.“
Was waren die schwersten Unwetter im Burgenland, an die Sie sich persönlich erinnern können?
Thomas Krennert: Wenn ich als Schüler oder Student in der Ferien im mittleren Burgenland war, waren bei den Gewittern immer wieder beeindruckende Geschichten dabei. Anfang der 2000er-Jahre hat es verheerende Springfluten in Kobersdorf gegeben, da hat es mehrfach den ganzen Ortskern überschwemmt. Es hat auch immer wieder Hochwässer gegeben. Ich habe damals schon als Student begonnen zu beobachten, wie Bäche vier Meter angestiegen sind, wenn sie durch eine Enge durchgekommen sind. Das hat mich schon sehr beeindruckt diese Springfluten und Überflutungen im Zusammenhang mit Extremniederschlägen. Und wenn man den eigenen Keller einmal auspumpen muss, ist das ein sehr einschneidendes Erlebnis, wenn man bis 3 Uhr in der Früh steht und das händisch ausschöpft. Solche Dinge waren für mich prägend. Die interessantesten Wetterphänomene sind Gewitter, vor allem auch fachlich, weil es die meisten Schäden gibt bei Gewittern.
Was darf man sich aus Ihrer Sicht für den heurigen Sommer im Burgenland erwarten?
Die Wahrscheinlichkeit für Extremtemperaturen und Extremwettersituationen steigt mit jedem Jahr an. Wir haben derzeit mit Abstand die höchsten CO²-Konzentrationen der letzten ein Millionen Jahre auf der Welt. Klimawandel ist normal, aber das was wir jetzt in kurzer Zeit, also innerhalb der letzten 100 Jahre erlebt haben, sei es CO²-Konzentration, sei es Methankonzentration und sei es Erderhitzung, das hat es auf diese Weise in dieser Intensität noch nie zuvor gegeben. Und diese Tatsache - für mich als Wissenschaftler ist das eine Tatsache - sorgt dafür, dass speziell die mittleren Breiten, also der Alpenraum, am stärksten von den Veränderungen aufgrund dieser Klimakrise betroffen ist. Die Schäden kosten uns als Wirtschaftsraum immer mehr Geld und es ist noch nicht bei der Gesetzgebung angekommen, dass wir vielleicht an den Schrauben drehen können und nicht nur die Schäden bezahlen müssen. Vielleicht überlegt man sich was die Ursache dieser Schäden ist und nicht nur wie wir diese wieder aufräumen können. Das gilt für den Sommer, das gilt bis in den Herbst hinein, weil die Atmosphäre und auch die Meeresoberflächen sich extrem erhitzen, auch die Adria, der Atlantik, alles erhitzt sich. Wir hatten in Irland heuer schon keine irischen atlantischen Winterstürme mehr, sondern im Westatlantik Windstärken von 200 km/h, also Hurrikanstärke, und das ist nicht normal. Mir fallen jeden Tag, jedes Monat immer häufiger immer neue Indikatoren auf, die dafür sprechen, dass es nicht normal ist. Das macht mir Sorgen. Ich bin aber auch optimistisch - Stichwort saurer Regen, Stichwort Ozonloch - wir haben es geschafft und wir werden Wege finden. Aber wir müssen uns darauf konzentrieren, wie wir dieses Problem lösen. Es gibt Lösungen, wenn wir sie finden wollen, finden wir sie. Momentan passiert ganz viel Ablenkung. Wir sollten uns davon, wie wir diese Klimakrise lösen, nicht ablenken lassen.
Ein bisschen weiter gedacht: Glauben Sie noch daran, dass es im Burgenland irgendwann einmal wieder Weiße Weihnachten geben wird?
Ja ich bin überzeugt es wird Weiße Weihnachten im Burgenland geben, nur je weiter wir in die Zukunft gehen, umso seltener werden sie, also so zirka alle 25 Jahre.
Welches ist ihr persönliches Wohlfühl-Klima/Wohlfühl-Wetter?
Trocken und kühl. Und windig - ich mag Wind.