„Das Pannonische hat mich schon immer beeinflusst“
Interview mit Fennesz
International wird der Neusiedler Avantgardekünstler Christian Fennesz seit Jahren gefeiert, in seiner Heimat ist er nach wie vor eher unbekannt. Im Interview erzählt er, warum ihm das gar nicht so unrecht ist.
Christian Fennesz im Interview
© Carsten Nicolai
Der Neusiedler Christian Fennesz hat es in der elektronischen Szene international zu großer Bekanntheit gebracht. Seinen großen Durchbruch feierte er mit seinem dritten Album „Endless Summer“ im Jahr 2001. Kürzlich spielte der 62-Jährige auch auf dem 45. Jubiläum der Nickelsdorfer Konfrontationen. Wir haben in der Folge mit ihm über seine Karriere, seinen Bezug zum Burgenland und seine Zukunftspläne gesprochen.
BVZ: Wie würden Sie Ihre Musik für jemanden beschreiben, der sie noch nie gehört hat?
Christian Fennesz: Es ist eigentlich elektronische Musik basierend auf Gitarre. Also ich mache mit Gitarre, Computer, diversen Effekten etc. sozusagen Ambient-Musik. Was auch immer das ist, ich stehe auf alle Fälle grenzgängerisch zwischen den Welten, wie immer. Ich komme ja eigentlich aus der Rockmusik und später war ich ein bisschen in der Techno-Szene in Wien involviert, habe dann aber wieder zur Gitarre zurückgefunden. Meine Musik ist nicht unbedingt rhythmusbasiert, sondern fast ein bisschen symphonisch organisiert. Trotzdem versuche ich, niemals so ganz ein gewisses Instrumentalsongformat zu verlassen. Für einen kompletten Laien würde ich sagen, klingt es ein bisschen wie Filmmusik.
Sie haben erwähnt, dass Sie aus der Rockmusik kommen. Ihr erstes Album unter dem Namen „Fennesz“ haben Sie mit 35 Jahren veröffentlicht. Was haben Sie in der Zeit davor gemacht, musikalisch oder anderweitig?
Ich habe in den Achtzigern mit diversen Popbands in Wien gespielt und dann hatten wir eine Rockband, die im österreichischen Untergrund relativ bekannt geworden ist, die hieß „Maische“. Das war so eine typische Underground 3-Mann-Rockband. Die war wirklich sehr gut und die war auch erfolgreich in Österreich. Nur waren damals die Gegebenheiten sehr schwierig, man konnte nicht raus. Wir waren sozusagen im Land gefangen und sind international mehr oder weniger ignoriert worden. Und mit der elektronischen Musik, mit der ich dann später angefangen habe, haben sich durch das Selbst-Produzieren dann komplett andere Vertriebswege eröffnet. Und da ist man sofort ins Ausland gegangen.
Was haben Sie in der Zeit sonst noch gemacht?
Ich habe studiert, dann habe ich viel für Theater und Contemporary Dance komponiert, habe dabei viel auf Hochzeiten und Bällen gespielt, um mein Leben zu finanzieren, und habe dabei aber eben schon alles vorbereitet für die Solokarriere. Leider ist es so spät geworden, weil ich dann erst bekannt wurde. Ich habe ja schon immer Musik gemacht.
Sie sind international in der elektronischen Szene durchaus berühmt und anerkannt, in Österreich scheint dies weniger der Fall zu sein. Wäre es Ihnen lieber, wenn das anders wäre oder ist Ihnen die Anonymität nur recht?
Das ist mir eigentlich nur recht. Ich lebe sehr gerne hier und brauche da kein Theater drumherum. An den wichtigen Plätzen habe ich gespielt. Ich war im Konzerthaus, ich war bei den Festwochen, ich habe in den ganzen guten Clubs gespielt, das genügt eigentlich. Und es gibt ja nicht mehr. Man kann ja nicht existieren, wenn man nur hier bleibt, also ich zumindest nicht mit dieser Nischenmusik. Aber diese Nische gibt es halt überall, so summiert sich das und dann geht das.
Österreich ist ja eher ein rarer Tourstopp für Sie, in den vergangenen Jahren war es meist nur ein Gig im Jahr. Zuletzt haben Sie auch auf den Konfrontationen in Nickelsdorf gespielt.
Ja, aber es sind halt immer sehr gute Gigs. Nickelsdorf ist da etwas Besonderes, für mich ist es fast familiär dorthin zu kommen. Das hat seit vielen, vielen Jahren Tradition.

© Karl Wendelin, KARL_WENDELIN
Kennen Sie Hans Falb, den Veranstalter der Konfrontationen, schon länger?
Ja, meine Güte, den kenne ich schon seit den Achtzigern.
Haben Sie vor heuer auch schon auf den Konfrontationen gespielt?
Sehr oft, ja. Mindestens [überlegt] sicher über zehnmal.
Da wir beim Thema Livemusik sind: Sie spielen elektronische Musik, die durchaus von Ihrer Gitarre geprägt ist. Wie sieht ein Livekonzert bei Ihnen aus bzw. wie unterscheidet sich das Konzert von der Arbeit im Studio?
Beim Aufnehmen ist das wirklich eine traditionelle Studiosituation. Ich spiele herum, improvisiere, komme auf Ideen, die werden aufgenommen, dann wird arrangiert, dann entstehen die Kompositionen und dann wird sukzessive fertig gemischt.
Live ist das anders. Das war sehr kompliziert für mich und das ist immer noch eine Herausforderung, dieses Netzwerk von Elektronik und Gitarre irgendwie aufrechtzuerhalten damit das auch funktioniert. Mittlerweile geht das. Seit vielen Jahren funktioniert das ganz gut, aber es ist immer ein bisschen mit einer leichten Nervosität verbunden. Man steht doch allein auf der Bühne und es ist natürlich auch schon passiert, dass Dinge ausfallen und dann muss man sich schnell etwas einfallen lassen [lacht].

© Carsten Nicolai
Wie gehen Sie mit der stetigen Weiterentwicklung der Musikproduktion, gerade im elektronischen Bereich, um? Bleiben Sie ständig auf dem Laufenden oder setzen Sie lieber auf Altbewährtes?
Ich denke, das ist Teil des Jobs. Ich bin immer informiert, immer neugierig und versuche auch immer das Neueste zu haben und auszuprobieren. Das ist mir schon sehr wichtig.
Sie haben Alben mit Titeln wie „Venice“ oder „Bécs“ veröffentlicht. Auch in Songtiteln referenzieren Sie des Öfteren Orte. Lassen Sie sich von visuellen Eindrücken oder Reisen inspirieren?
Immer wieder, aber das ist jetzt nicht so der Hauptfokus. Ich glaube eher, dass meine ganze Klangwelt schon sehr früh in der Kindheit und in der Jugend entstanden ist. Es ist wirklich so, dass mich das Pannonische, die Seelandschaft und der Wind schon immer beeinflusst haben, denke ich. Das war schon ein gewisser Grundstock, mit dem ich in die Musik reingegangen bin.
Abschließend: Ihr letztes Album „Mosaic“ ist erst im Dezember des vergangenen Jahres erschienen. Haben Sie in naher Zukunft vielleicht schon eine weitere Veröffentlichung geplant?
Ich habe letztens mit meiner Frau, die auch meine Managerin ist sowie mit meinem Label in London darüber gesprochen, denn eigentlich könnte ich nächstes Jahr wieder eines machen. Beide haben aber gemeint, ich solle mir lieber ein wenig Zeit lassen, denn 2026 ist wahnsinnig viel zu tun. Da stehen einige Riesenprojekte an, in die ich mich richtig reinknien muss. Unter anderem auch das 25-jährige Jubiläum von meinem Album „Endless Summer“. Dazu möchte das Bozar Institut in Brüssel, dass ich das ganze Album live aufführe. Also wenn noch alles gut ist, mache ich 2027 wieder ein neues Album.