Karin Gölly: „Gewalt im privaten Umfeld ist kein Naturgesetz“

Gewaltschutzzentrum

Karin Gölly, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums Burgenland, spricht im BVZ-Interview über einen deutlichen Anstieg bei der Zahl der von Gewalt betroffenen Personen im Vorjahr, über Maßnahmen für Gefährder und Täter, die zu 89% männlich sind, und über etwas ganz Wichtiges: Es gibt ein Ausstiegsszenario aus Gewaltbeziehungen.

Karin Gölly: „Gewalt im privaten Umfeld ist kein Naturgesetz“

© zVg; Shutterstock, Jirawatfoto

BVZ: Wie ist der Ablauf, nachdem Anzeige gegen eine gewalttätige Person im Familienverbund erstattet wurde?

Karin Gölly: Wenn die Anzeige mit einem Betretungs- und Annäherungsverbot verbunden ist oder Anzeige wegen Stalkings erstattet wurde, werden dem Gewaltschutzzentrum von der Polizei die Kontaktdaten der betroffenen Person übermittelt. Wir rufen dann proaktiv an und informieren über Unterstützungsangebote und rechtliche Möglichkeiten. Betroffene können sich selbstverständlich auch ohne polizeiliche Intervention an uns wenden. Das ist auch anonym möglich. Oft geschieht es, dass Betroffene von anderen Einrichtungen, Behörden oder Freunden an uns vermittelt werden. Wir rufen an und informieren über die nächsten Schritte.

BVZ: Wohin können sich von Gewalt betroffene Menschen im Burgenland wenden?

Karin Gölly: Für Fälle häuslicher Gewalt und Gewalt im sozialen Nahraum ist das Gewaltschutzzentrum Burgenland die zuständige, spezialisierte Anlaufstelle. Die Beratung des Gewaltschutzzentrums ist vertraulich und kostenlos und es ist – wie schon erwähnt – auch möglich, sich anonym beraten zu lassen. Oft nehmen Betroffene zunächst eine andere Beratung in Anspruch, z. B. in der Frauenberatung, und werden dann über unsere Angebote informiert. Das Gewaltschutzzentrum deckt im Burgenland das Thema Gewaltbetroffenheit ab und arbeitet eng mit anderen Einrichtungen zusammen, auch mit dem Frauenhaus. Die Hauptstelle des Gewaltschutzzentrums befindet sich in Oberwart. Wir haben auch in Eisenstadt ein Büro und verfügen in jeder Bezirkshauptstadt über Möglichkeiten, um Beratung anzubieten. Die Unterstützung durch das Gewaltschutzzentrum soll nicht daran scheitern, dass jemand den Weg zu uns nicht schafft – wir kommen Betroffenen im wahrsten Sinne des Wortes entgegen.

BVZ: Gibt es ausreichend Kapazitäten?

Karin Gölly: Die Gewaltschutzzentren in Österreich sind budgetär gut ausgestattet, es gibt ausreichend Ressourcen.

BVZ: Wie viele Frauenhäuser gibt es im Burgenland und sind ausreichend Wohnplätze für Frauen und ihre Kinder vorhanden?

Karin Gölly: Es gibt ein Frauenhaus im Nordburgenland, die Adresse ist geheim. In diesem Frauenhaus gibt es ausreichend Kapazitäten, es ist nie ganz voll. Für gefährdete Frauen im Südburgenland ist das Frauenhaus aus geografischen Gründen oft keine Option, weil sie ihren Job aufgeben müssten, um ins Frauenhaus zu übersiedeln. Für Betroffene im Südburgenland würden wir daher Schutz- und Übergangswohnungen benötigen. Dazu gibt es eine Initiative der Frauenministerin, worüber ich aber noch nichts Genaues weiß. Ein Frauenhaus im Süden bleibt ein Wunsch. Es ist eine finanzielle Frage, weil ein Frauenhaus mit Personal und hohen Schutzmaßnahmen sehr aufwändig ist.

Pandemie: Mehr Betretungsverbote ab 2021

BVZ:Haben während und nach der Pandemie mehr von Gewalt betroffene Menschen Unterstützung im Gewaltschutzzentrum gesucht?

Karin Gölly: Im ersten Jahr der Pandemie, vor allem während des ersten Lockdowns 2020, gingen die polizeilichen Betretungsverbote deutlich zurück. Warum, das weiß keiner so genau. Im Sommer 2020 pendelten sich die Zahlen wieder auf dem gewohnten Niveau ein. Die Zahl der „Selbstmelder*innen“, die auf Eigeninitiative zum Gewaltschutzzentrum kommen, ging übrigens nie zurück. Seit 2021 ist ein kontinuierlicher Anstieg der Betretungs- und Annäherungsverbote zu verzeichnen. Die Nachwirkungen der Pandemie mit ihren finanziellen und psychischen Belastungen kommen jetzt zutage.

BVZ:Wie viele Ihrer Klient*innen sind Frauen, wie viele Männer?

Karin Gölly: Im Jahr 2022 waren 80% unserer Klient:innen weiblich. Das ist eine Steigerung: In früheren Jahren lag dieser Wert bei 75%. 20% waren im Vorjahr männliche Opfer. Auch bei dieser Gruppe sind die Gefährder meistens männlich. Da wird der Sohn gegenüber dem Vater gewalttätig, der Vater gegen den Sohn oder Brüder untereinander. Die Konstellation, dass eine Partnerin ihren Partner misshandelt, tritt eher selten auf.

BVZ:Wie ist das Verhältnis bei von Tätern zu Täterinnen?

Karin Gölly: 2022 waren 89% der Täter männlich. Diese Zahl ist über die Jahre hinweg unverändert geblieben, es sind immer um die 90%.

778 Personen wurden 2022 betreutt - um 100 mehr als 2021

BVZ:Wie viele Menschen wurden 2022 vom Gewaltschutzzentrum betreut und wie viele Jugendliche waren darunter?

Karin Gölly: 2022 hat das Gewaltschutzzentrum 778 Personen betreut, 116 von ihnen waren unter 18 Jahren. 2021 wurden insgesamt um hundert Personen weniger betreut. Daran ist erkennbar, dass es eine deutliche Zunahme bei den Fällen häuslicher Gewalt gab. Zum Glück konnten wir unser Personal aufstocken, wobei es immer schwieriger wird, im Südburgenland Sozialarbeiter:innen zu finden.

BVZ:Wie viele Betretungs- und Annäherungsverbote wurden 2022 ausgesprochen?

Karin Gölly: 2022 wurden im Burgenland 419 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen. Das ist ein neuer Rekord und eine Steigerung um mehr als 100 im Vergleich zum Jahr davor. Wird ein Betretungsverbot verhängt, so muss der Gefährder, der meist männlich ist, für 14 Tage die Wohnung oder das Haus verlassen. Zugleich wird ein Annäherungsverbot ausgesprochen, das bedeutet, der Gefährder darf nicht näher als 100 Meter an die betroffene Person herankommen. Das ist wie ein imaginärer Schutzkreis. Hält sich der Gefährder nicht daran, so werden empfindliche Geldstrafen verhängt. Beim ersten Mal sind es schon einige hundert Euro und die Strafhöhe kann bis zu 2.500 Euro und im Wiederholungsfall 5.000 Euro erreichen.

Gefährder müssen sich beraten lassen

BVZ:Ein Betretungs- und Annäherungsverbot stellt auch die Gefährder vor eine schwierige Situation. Erhält die Person in dieser Situation Unterstützung?

Karin Gölly: Seit September 2021 gibt es Beratungsstellen für Gewaltprävention. Innerhalb von fünf Tagen muss sich der Gefährder bei einer solchen Stelle melden. Im Burgenland ist Neustart für die Beratung zuständig. Die Gefährder müssen nachweislich sechs Beratungsstunden absolvieren. Dabei wird mit ihnen gearbeitet, um sie in der krisenhaften Situation aufzufangen. Auch wenn sie diese Situation selbst verschuldet haben, wird ihnen bei der Beratung die Chance geboten, Beruhigung hineinzubringen, Lösungen zu finden, wie sich Gewalttaten künftig vermeiden lassen, und zu klären, was der Übergriff für das Opfer bedeutet. So eine Beratungsmöglichkeit hat jahrzehntelang gefehlt. Aus meiner Sicht ist das ein deutlicher Beitrag zum Opferschutz. Viele Männer sind das erste Mal in einer Beratung, weil es nicht dem herkömmlichen Männerbild entspricht, psychosoziale Hilfe in Anspruch zu nehmen.

BVZ:Welche Maßnahmen zur Gewaltprävention sind im Burgenland besonders erfolgreich?

Karin Gölly: Seit 1. Jänner 2020 gibt es österreichweit die sicherheitspolizeilichen Fallkonferenzen. Alle involvierten Einrichtungen und Behörden setzen sich zusammen, sammeln Informationen und entscheiden, was zur Sicherheit des Opfers getan werden kann. Diese Fallkonferenzen basieren auf den Ergebnissen der Sonderkommission Brunnenmarkt, die gebildet wurde, nachdem 2016 am Brunnenmarkt in Wien ein psychisch kranker Mann eine unbeteiligte Passantin erschlagen hatte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Mann bei vielen Polizeiinspektionen in Wien bekannt war. Er war aufgefallen, weil er lästig war, Menschen anpöbelte und minderschwere Körperverletzungen verursachte. Aber die Informationen waren nicht gebündelt und die Polizeiinspektionen wussten nicht von den jeweils anderen Vorfällen. Im Burgenland wurden auf Initiative des Gewaltschutzzentrums bereits 2016 die Risikofallkonferenzen mit der Idee eingeführt, Informationen zu bündeln. Polizei und Staatsanwaltschaft und andere Einrichtungen waren daran beteiligt, deshalb war dies, als es zur Einführung der sicherheitspolizeilichen Fallkonferenzen kam, bereits ein geübtes Instrument. 2022 nahm das Gewaltschutzzentrum Burgenland an 15 Fallkonferenzen teil. Das sind relativ viele im Vergleich zu anderen Bundesländern, was daran liegt, dass dieses taugliche Instrument bei uns schon etabliert ist.

2022 kein Femizid im Burgenland

BVZ:Vielleicht liegt es an dieser Präventionsmaßnahme, dass im Burgenland im vergangenen Jahr kein Femizid zu beklagen war?

Karin Gölly: Im Burgenland gibt es ohnehin wenige Mordfälle und im Vorjahr keinen Femizid. Ein Mann tötete seine pflegebedürftige Frau und dann sich selbst, das war aber meines Wissens kein klassischer Femizid sondern ein Mord aus Überforderung mit einer schwierigen Situation.

BVZ:Fällt es von Gewalt betroffenen Menschen am Land schwerer, Anzeige zu erstatten und/oder Hilfe in Gewaltschutzeinrichtungen zu suchen, als es in der Anonymität der Stadt der Fall ist?

Karin Gölly: Die Anzeigebereitschaft am Land ist deutlich niedriger als im urbanen Bereich, weil die Anonymität fehlt. Gewalt im privaten Umfeld ist sehr schambehaftet, es besteht ein hoher Geheimhaltungsdruck und die Hemmschwelle ist hoch, sich an die Polizei zu wenden. Wenn jemand Gewalt von einer bisher unbekannten Person erfährt, würde er oder sie nie zögern, sofort zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Bei Tätern im Beziehungsumfeld gibt es hingegen viele emotionale Hürden. Generell ist bei Tötungsdelikten in Österreich festzustellen, dass zuvor in den meisten Fällen nie Hilfe gesucht oder Anzeige erstattet wurde. Wichtig ist, dass der Bekanntheitsgrad der Gewaltschutzzentren steigt, damit Betroffene erfahren, dass es hier kostenlos und vertraulich Hilfe und unverbindliche Beratung gibt.

Dunkelziffer hoch: Schätzungen zufolge 7000 Betroffene im Burgenland

BVZ:Das Gewaltschutzzentrum Burgenland hat im vorigen Jahr 778 Menschen betreut. Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Karin Gölly: Viele Menschen sind von Gewalt betroffen, von vielen wissen wir es nicht. Studien im europäischen Raum mit Zahlen zu ähnlichen Regionen wie dem Burgenland deuten darauf hin, dass man mit der zehnfachen Anzahl Betroffener rechnen muss. Also rund 7000 von Gewalt Betroffenen pro Jahr im Burgenland. Je nach Gewaltdefinition ist jede dritte bis fünfte Frau von Gewalt betroffen.

BVZ:Was ist die wichtigste Botschaft an Menschen, die Gewalt im privaten Umfeld ausgesetzt sind?

Karin Gölly: Die wichtigste Botschaft lautet: „Das ist kein unveränderliches Schicksal, kein Naturgesetz!“ Es gibt einen Weg aus der Gewaltbeziehung. Es gibt Unterstützung und Begleitung. Die betroffene Person muss diesen nicht leichten Weg nicht alleine gehen. Wir begleiten sie, jahrelang, wenn es erforderlich ist. Wichtig ist auch zu wissen, dass leider viele Menschen von Gewalt betroffen sind. Man ist nicht alleine. Für das Umfeld ist es schwer auszuhalten, eine geliebte Person in einer so schlimmen Situation zu sehen, deshalb bieten wir auch Angehörigen von betroffenen Personen Beratung an. Wichtig ist, Gewaltopfer nicht unter Druck zu setzen. Es ist nicht so einfach, sich aus der Gewaltsituation zu lösen: Es gibt emotionale und finanzielle Abhängigkeiten. Freunde und Verwandte, die Gewaltsituationen bemerken, sollten informieren, begleiten, vielleicht einen Informationsflyer mitgeben, als Vertrauensperson zur Verfügung stehen. Dranbleiben und ansprechen, wenn man Hinweise auf Gewalt beobachtet. Man weiß aus Untersuchungen, dass Betroffene es sich wünschen würden, auf die Situation angesprochen zu werden. Ein Satz einer helfenden Person könnte lauten: „Du, ich habe das Gefühl, dir geht es nicht gut…“