Jäggle: „Heute wählen leider zu viele die Anpassung“

Literarische Zukunftsgesp

Gelungener Auftakt und großes Publikumsinteresse für das neue Bildungsformat "Den Blick weiten. Literarische Zukunftsgespräche": Gemeinsam mit dem Forum Katholischer Erwachsenenbildung der Diözese Eisenstadt lud Dr. Lukas Pallitsch erstmals zu einem Literarischen Zukunftsgespräch ins Weinwerk in Neusiedl am See ein.

Lukas Pallitsch und Martin Jäggle beim gelungenen Auftakt für das neue Bildungsformat "Den Blick weiten. Literarische Zukunftsgespräche"

Lukas Pallitsch und Martin Jäggle beim gelungenen Auftakt für das neue Bildungsformat "Den Blick weiten. Literarische Zukunftsgespräche"

© David Pokorny

"Judas steht für Verräter. Man wird aber auch heute rasch zum Verräter, weil man etwas Abweichendes denkt und tut. Heute wählen leider zu viele die Anpassung." Mit diesen Worten brachte Prof. Martin Jäggle beim ersten literarischen Zukunftsgespräch im Weinwerk Neusiedl die Aktualität des Abends auf den Punkt. Mehr als 100 Besucherinnen und Besucher waren gekommen, um mit Gastgeber Dr. Lukas Pallitsch PhD über den Roman Judas von Amos Oz ins Gespräch zu kommen.

Zunächst führte Lukas Pallitsch, Literaturwissenschaftler und Theologe, inhaltlich in den Roman ein. Darauf folgte ein knappes Statement von Jäggle, Universitätsprofessor für Religionspädagogik und Katechetik sowie Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, ehe beide miteinander auf der Bühne ins Gespräch kamen. Im Zentrum stand die Frage, wie Judas in diesem Roman, aber auch heute zu lesen ist.

Hier waren sich die beiden Theologen einig: Judas sei auf Grundlage des Romans kein eindimensionaler Verräter, sondern als vielschichtige, tragische Figur – ja möglichweise der erste Christ, der tiefer an Jesus glaubte als alle anderen. Gleichwohl bezeichnete Amos Oz Judas als das "Tschernobyl des Antisemitismus" – eine eindringliche Metapher für die verhängnisvolle Wirkungsgeschichte einer Deutung, die über Jahrhunderte hinweg zur Stigmatisierung des Judentums beitrug – auch von christlicher Seite. Hier bestehe Bildungsbedarf.

Das Gespräch weitete den Blick auch auf Jesus aus jüdischer Perspektive sowie auf die politische Dimension des Romans. Anhand der Figur Schealtiel Abrabanel – Gegenspieler Ben Gurions und leidenschaftlicher Verfechter des Dialogs – wurde über den Staat Israel, über antisemitische Denkmuster und über die bleibende Herausforderung gegenseitiger Anerkennung diskutiert. Deutlich wurde: Wer heute Israels Existenzrecht infrage stellt, bedient – bewusst oder unbewusst – antisemitische Argumentationsmuster. Einfache Antworten biete aber auch der Roman nicht.

Die lebendige Diskussion und zahlreiche Publikumsfragen zeigten das große Interesse an differenzierter Auseinandersetzung. Pallitsch versteht das Format bewusst als Einladung zur intellektuellen Herausforderung: "Das Wort Provokation heißt ja Herausforderung. Mit dem Format möchten wir bewusst dazu einladen, heikle und herausfordernde Themen verständlich und klar, aber dennoch textnah aufzubereiten."

Die Reihe wird fortgesetzt – und bleibt anspruchsvoll: "Herausfordernd wird es übrigens auch das nächste Mal, wenn es um das Thema des Missbrauchs gehen wird." Die gelungene Auftaktveranstaltung machte deutlich: Literatur kann Horizonte öffnen – und Räume schaffen, in denen Dialog möglich bleibt.

Kommende Termine 2026 im Überblick

16. April 2026 | 19 Uhr | Weinwerk, Neusiedl am See
Mein Fall (Josef Haslinger) und Sehr gut (Wolfgang Treitler)
oder die Frage des Missbrauchs in der Kirche
Dr. Lukas Pallitsch PhD im Gespräch mit Univ.-Prof. Wolfgang Treitler

1. Oktober 2026 | 19 Uhr | Weinwerk, Neusiedl am See
Frei (Lea Ypi)
oder die Frage nach dem Sturm der Geschichte
Dr. Lukas Pallitsch PhD im Gespräch mit Univ.-Prof. Mag. Dr. Andrea Lehner-Hartmann (Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien)

3. Dezember 2026 | 19 Uhr | Weinwerk, Neusiedl am See
Das Weihnachtsevangelium (Lk 2,1–21)
oder die Frage der stillen Nacht
Dr. Lukas Pallitsch PhD im Gespräch mit Univ.-Prof. Martin Stowasser