Lackenbach legte „Zeugnis der Menschlichkeit“ ab
Nachtgebet
Achtzig Jahre ist es mittlerweile her, dass das Konzentrationslager Buchenwald von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft befreit wurde. Aus diesem Anlass wurde am vergangenen Donnerstag, dem Vorabend des 80. Jahrestags, eine nächtliche Gedenkfeier für die deportierten und ermordeten Opfer in Lackenbach abgehalten. Mit Beiträgen von Harri Stojka und Siegmund Kleinl wurde die Nacht zu einem eindrucksvollen Bekenntnis des gesellschaftlichen Zusammenhaltes.
Verschiedenste Persönlichkeiten sowie Institutionen waren an der Gedenkfeier beteiligt.
© Nadine Wiedemann
Die Veranstaltung fungierte allerdings nicht nur als Andacht an vergangene Gräueltaten, sondern sie war auch Bekenntnis zur gegenwärtigen Verantwortung und der zukünftigen Erinnerungskultur. Ins Leben gerufen wurde die Feierlichkeit von Adele Grill, Mitarbeiterin der „Privaten Pädagogischen Hochschule (PPH) Burgenland“, die durch einen Zeitungsartikel über den Fund des Skizzen- und Gedichtebuches von Harri Stojkas Vater zu dieser Idee gekommen war.
Mit Förderungen durch das Land Burgenland, die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung sowie das Kroatische Kultur- und Dokumentationszentrum, in Zusammenarbeit mit der Bildungsdirektion Burgenland, verschiedenen Institutionen der Diözese Eisenstadt, der Gemeinde und Pfarrgemeinde Lackenbach sowie dem Verein „Roma-Service“, konnte die Initiative schließlich umgesetzt werden.
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Nach einer Eröffnungsrede durch die Organisatorin sowie Moderatorin Adele Grill in der Pfarrkirche setzten sich die Zeuginnen und Zeugen mit der Bedeutung von Zusammengehörigkeit, Toleranz, Friedfertigkeit, dem Mensch-Sein und Mensch-Bleiben auseinander. Hierzu trug der burgenländische Theologe, Autor und Germanist Siegmund Kleinl seine spirituellen, poetischen als auch gesellschaftskritischen Texte vor. In diesem Rahmen ergründete er den Wunsch eines freiheitlichen Lebens. Einer seiner Gedanken diesbezüglich lautete:
Wenn ihr in Freiheit leben wollt, müsst ihr euch halten an: Aus dem Wissen Haltung schlagen. Skulptur aus Stein zu Herz aus Fleisch, das sie lebendig macht, wandelt im Wandern, vom andern zum einen, aus Steinen in Körper. Verkörpern, was in Stein geschrieben. Vom Brüter zum Säuger. Was draußen ist, ins Innere ziehen. Exodus von außen nach innen, vom Objekt zum Subjekt. Kleinl Siegmund: frei gehen. eine Exodus Dichtung. 2023, S.60

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Ferner stellte Siegmund Kleinl eine Formel für Menschlichkeit auf: „Humanität = Freiheit x Verbindlichkeit“. Dieser Gleichung nach können die Menschen die beiden Variablen selbst bestimmen und beeinflussen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

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Zwischen den Sequenzen untermalte der international bekannte Musiker sowie Lovara-Roma Harri Stojka in Begleitung der Sängerin Tini Kainrath und des Gitarristen Claudius Jelinek das Programm mit schwungvollen Liedern im „Gipsysoul“. Mit ihren leidenschaftlichen Darbietungen riss das Trio alle Anwesenden mit.

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Im Dialog mit der Gastgeberin erzählt der Wiener Harri Stojka über sein Leben, das tragische Schicksal der Familie Stojka und seine Erfahrungen. So ist das Thema Holocaust in seiner Kindheit stets gemieden worden. Erst in seinen Dreißigern öffnete sich sein Vater, der Musiker, Autor und KZ-Überlebende Johann „Mongo“ Stojka, ihm gegenüber.
Angesichts der schrecklichen Diskriminierung gegenüber Minderheiten hatte der Sohn immer wieder versucht, die Denkweise der Täterinnen und Täter zu ändern. Indessen hatte er diese Tätigkeit bereits vor Jahren erfolglos aufgegeben, denn„bei manchen Menschen kann man die Mauern in ihren Köpfen einfach einreißen“. Nichtsdestotrotz sei es seiner Meinung nach unerlässlich Bewusstsein und Sensibilisierung zu schaffen. Darum ist er seit jeher bemüht, das Vermächtnis und die Botschaft seiner Vorfahren weiterzuverbreiten.

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Dieses Erbe gründet in den Liedern, Gedichten und Skizzen von Mongo Stojka. Im jungen Alter von nur 13 Jahren hielt er die knallharte Realität im Vernichtungslager Buchenwald fest. Woher der Junge Papier und Stift hatte, ist nicht bekannt, dennoch hatten ihm seine niedergeschriebenen Gedanken möglicherweise das Leben gerettet, zumal Johann seine Werke gegen Brot getauscht hatte. Von der ursprünglich rund 200-köpfigen Familie Stojka überlebte der Jugendliche als einer von nur sechs Mitgliedern die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie.
Heute zählen die Lieder, Gedichte und Skizzen als Relikte der dunkelsten Zeit in der modernen Menschheitsgeschichte. Nach seinem Tod im Jahr 1964 hatte George Hebbelnick, der damalige Käufer des Büchleins, die Schöpfung dem belgischen Archiv der Arbeiterbewegung überlassen. In weiterer Folge war das Erbe in den Besitz der belgischen Holocaust-Gedenkstätte übergegangen. Danach hatten die Werke achtzig Jahre lang sowohl vor der Öffentlichkeit als auch vor der Familie verborgen in diversen Archiven gelegen. Bis das Kulturerbe im Jänner 2024 an das „Imperial War Museum“ für eine Dauerausstellung über den Holocaust verliehen und somit erstmals öffentlich zugänglich gemacht worden war. Jene Organisation war es auch, die die Familie Stojka im Frühjahr 2023 kontaktiert, über die Existenz des Buches informiert und zur Ausstellung in London eingeladen hatte.
Des Weiteren hielten Bildungsdirektor Alfred Lehner und Rektorin der PPH Burgenland Sabine Weisz eine Ansprache des Lobs und der multikulturellen Anerkennung. Dabei betonten sie einerseits, wie wichtig derartige Veranstaltungen für Demokratie, Erinnerung und Prävention seien. Andererseits wurde angemerkt, dass in Zukunft noch intensiver an ethnischer Integration im bildungspolitischen Bereich gearbeitet werde. Gleichzeitig drückten die beiden ihre Wertschätzung für alle Mitwirkenden aus.
Zum Dank wurden die vier Kunstschaffenden mit jeweils einem Laib Brot und einem Strauß Sonnenblumen geehrt. Zum einen symbolisierte das Brot nämlich den Ertrag aus Mongos Taschgeschäft. Hingegen gilt die Sonnenblume als als Sinnbild der Roma, weil die Pflanze Freude, Freiheit, Hoffnung und die Lebenskraft ihrer Kultur verkörpert. Aus diem Grund war der Altar mit diesen beiden Gaben geschmückt.

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Daraufhin spazierte die Gesellschaft für ein letztes gemeinsames Gebet mit Kerzen und Sonnenblumen zuerst zum Mahnmal der Roma und Sinti. Nachfolgend ging es zum jüdischen Friedhof, wo Harri Stojka ein letztes Konzert unter dem freien Himmel gab. bis die Gäste für eine ausklingende Agape im Gemeindeamt zusammenfanden.