Neue ÖTV-Spitze und Burgenlands Akademie: Es geht um die Statusfrage
Tennis
In Oberpullendorf wurde die neue Spitze des Österreichischen Tennisverbands bestellt. Für das Burgenland ist das insofern besonders spannend, als die Frage nach einer Aufwertung der Thiem Academy Burgenland zum Leistungszentrum ein echtes Thema werden könnte. Der neue ÖTV-Präsident Richard Grasl zeigt sich aufgeschlossen.
Gratulation dem neuen ÖTV-Boss: Burgenlands Tennisverbands-Präsident Günter Kurz (r.) am Centre Court der Akademie in Oberpullendorf.
© Bernhard Fenz
Bei der Generalversammlung des Österreichischen Tennisverbands in Oberpullendorf wurde Richard Grasl einstimmig zum neuen Präsidenten gewählt. Der Medien-Mann folgt auf Martin Ohneberg, der zum Ehrenpräsidenten ernannt wurde. Zum neuen Präsidium zählen zudem Stephanie Bonner, Klemens Eiter, Andreas Pilsl und Axel Melchior als Vizepräsident:innen.
„Tennis ist für mich weit mehr als ein Sport – es ist Leidenschaft und ein bedeutender gesellschaftlicher Faktor. Gemeinsam wollen wir neue Impulse setzen und mehr Kinder und Jugendliche für unseren Sport begeistern“, erklärte Grasl. Zahlreiche Säulen stellte der 53-Jährige vor, die in der neuen Funktionsperiode auf der bereits gut vorhandenen Basis errichtet werden sollen.
Spitzensport und Nachwuchs sind hier ein Punkt. Da kommt jener Standort ins Spiel, der Schauplatz der Generalversammlung war. Das Sport-Hotel-Kurz in Oberpullendorf ist Heimstätte des Burgenländischen Tennisverbands (BTV). Hausherr und BTV-Präsident Günter Kurz hat mit Unterstützung des Landes Burgenland auf der finanziellen Ebene und Wolfgang Thiem als Sportlichem Leiter auf der operativen Ebene 2022 die Tennisakademie Burgenland ins Leben gerufen.
Seit dem Vorjahr heißt die Talenteschmiede im Mittelburgenland offiziell „Thiem Academy Burgenland“, neben Wolfgang Thiem ist Dominic Thiem ebenfalls an Bord. Der US Open-Sieger 2020 fungiert als Mentor und Markenbotschafter. Immer wieder ist er auch selbst vor Ort und aktiv, wenn er etwa mit Thilo Behrmann - Österreichs aktuell größter Nachwuchshoffnung - trainiert. Die Talenteschmiede ist Teil der burgenländischen Sportstrategie und ein ausgewiesenes Leuchtturmprojekt des Landes.
„Es gibt derzeit in Österreich nichts Besseres“
Längst hat es die Strahlkraft dieser Einrichtung über die Landesgrenzen geschafft. Für Richard Grasl hat die Thiem Academy Burgenland deshalb auch eine Vorbildwirkung im Bereich der Ausbildung im Spitzensport. „Es ist ein Role Model, das man sich in Österreich nur wünschen kann. Es gibt hier 21 Topspieler, Trainer, Physios, Spa, die gesamten Trainingsmöglichkeiten - das alles ist sensationell. Es ist entstanden durch Günter Kurz, der hier schon zu einem großen Teil Infrastruktur geschaffen und mit dem Land Burgenland die nötige finanzielle Unterstützung für die Akademie erhalten hat. Dazu decken Wolfgang und Dominic Thiem den sportlichen Bereich ab. Es gibt derzeit in Österreich nichts Besseres.“
Auf Basis dieser Akademie könne auch eine Ausrollung funktionieren. Grasl: „Dann kann meiner Meinung nach ein dezentrales Konzept durchaus erfolgreich sein.“
Dezentralisierung auf Basis des Spitzensports bedeutet nichts anderes, als dass es künftig nicht nur ein ÖTV-Leistungszentrum geben könnte. Derzeit gibt es eben eines, das befindet sich in der Südstadt in Maria Enzersdorf südlich von Wien. Hier zeigt sich Grasl aufgeschlossen, dass Oberpullendorf einen neuen Status erhält. „Es gibt verschiedene Varianten, aber ja, es geht darum, dass es in sportlicher und in finanzieller Hinsicht dafür eine Unterstützung gibt. Da geht es dann auch gar nicht nur um Oberpullendorf, sondern vielleicht auch noch um ein, zwei andere Standorte.“
Der große Vorteil der Thiem Academy Burgenland ist allerdings, dass hier ein bereits funktionierender Betrieb läuft und ein entsprechender Status definitiv nicht an etwaigen Auflagen scheitern würde. Sandplätze im Freien, Hardcourt-Plätze in der Halle, dazu ein neuer Centre Court neben den Unterbringungsmöglichkeiten für die Talente, das Regenerations- und Fitnessangebot ist vorhanden, es gibt eine Schulkooperation, kurzum: Die Infrastruktur steht.
Nun heißt es abwarten, was die nächsten Schritte seitens des ÖTV sein werden. Gastgeber Günter Kurz sichert als BTV-Präsident Richard Grasl jedenfalls die volle Unterstützung zu: „Er ist auf der einen Seite in der Tennisszene komplett drinnen und kennt sich aus. Er war Funktionär beim Kremser Tennis Klub, er hat einen Sohn, der sämtliche sportliche Entwicklungsstadien durchlaufen ist, er verfügt generell über eine große Tennis-Leidenschaft, hat Führungsqualitäten in seinem Brotberuf als Manager, ist bestens vernetzt - das alles ist eine Mischung, die uns als Tennis-Österreich richtig weiterhelfen kann.“
Dass der Standort Oberpullendorf auch von ÖTV-Seite her als potenzielles Best Practice-Beispiel gesehen wird, freut Burgenlands obersten Tennis-Funktionär: „Es wurde erkannt, was wir schon an Vorleistung erbracht haben. Hier gibt es die Symbiose zwischen dem Sportland Burgenland als Förderer, dem Burgenländischen Tennisverband, mit dem wir uns natürlich einbringen, und der Expertise der Familie Thiem.“
„Es bedarf einer System- und Strukturänderung“
Allerdings stellt Kurz auch fest, was eine Aufwertung als ÖTV-Leistungszentrum mit sich bringen müsste. Derzeit fließen, wie der BTV-Boss klarstellt, keine Förderungen des Bundes und des ÖTV Richtung Oberpullendorf: „Dann bedarf es natürlich einer System- und einer Strukturänderung, denn es sollen ja nicht alle finanziellen Zuschüsse nur einem Leistungszentrum zugute kommen, sondern dann auf alle aufgeteilt werden, die liefern. Das wird der Schwerpunkt sein und an dem werden wir Burgenländer den neuen Präsidenten auch messen.“
Sportlandesrat Heinrich Dorner wiederum („Die alte ÖTV-Spitze mit Präsident Martin Ohneberg war uns immer wohlgesonnen.“) will das mögliche Förderpotenzial nicht bewerten. Die neue ÖTV-Spitze mit Neo-Präsident Richard Grasl werde aber, da ist sich der Politiker sicher, weitere Schritte für die Entwicklung im Spitzensport setzen. „Ich freue mich, dass ein sehr gut vernetzter Präsident einstimmig gewählt wurde. Er hat einiges vor, Stillstand ist nicht sein Thema. Nachwuchs und Leistungssport wurden im Zuge der Vorstellung des Programms mehrmals genannt und da wollen wir uns natürlich gut positionieren.“
„Wir brauchen uns in Oberpullendorf nicht kleinmachen“
Und auch die operative Leitung erwartet sich einiges, wie Wolfgang Thiem auf BVZ-Nachfrage sagt. Eine Aufwertung zu einem ÖTV-Leistungszentrum sei definitiv nötig: „Wir haben einen sehr hohen Anspruch und haben hier die besten Spieler. Für mich wäre es absolut unverständlich, wenn keine Schritte in dieser Richtung gesetzt werden würden.“ Notwendig für die künftige Verteilung der Fördermittel wäre laut Thiem auch „ein Kriterienkatalog, den es geben muss. Der Leistungssport muss hier eine nötige Plattform sein. Und wir brauchen uns in Oberpullendorf da nicht kleinmachen.“ Deshalb appelliert der Sportliche Leiter an die neue ÖTV-Spitze, dass sie im Bereich Nachwuchs-Spitzensport auch „sofort in die Gänge kommen muss“.