Vom Fernfahrer zum Winzer: die bewegende Geschichte von Ioan Birtoc
Portrait
Es gibt Lebensgeschichten, die klingen, als hätte sie jemand für einen Roman erfunden. Geschichten voller Zufälle, Mut und Entscheidungen, die alles verändern. Geschichten von Menschen, die nicht aufgeben, obwohl das Leben ihnen nicht immer den einfachsten Weg in die Wiege gelegt hat. Die Geschichte von Ioan Birtoc ist so eine Geschichte. Eine Geschichte über Heimat und Aufbruch, über harte Arbeit, Familie und über die Liebe zum Wein.
Die Podersdorfer Winzer Rodica und Ioan Birtoc im Schloss Esterházy bei einer Weinprämierung, bei der sie sich über den Preis „Landessieger“ freuen durften.
© zVg
Geboren wurde Ioan Birtoc in einer ländlichen Region Rumäniens. Dort, wo die Menschen früh lernen, was Arbeit bedeutet. Wo man mit der Erde lebt, mit den Jahreszeiten, mit den Händen. Schon als Bub wusste Ioan, dass einem nichts geschenkt wird. Vielleicht war genau das später seine größte Stärke.
Viele Jahre arbeitete er als Fernfahrer. Europa wurde zu seinem zweiten Zuhause. Millionen Kilometer legte er zurück, durch Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien, Belgien und die Niederlande. Er sah Städte, endlose Autobahnen, fremde Landschaften. Doch egal, wohin ihn die Straßen führten, irgendwo tief in seinem Herzen trug er immer den Wunsch nach etwas Eigenem. Nach einem Leben, das er selbst gestalten konnte.
Im Jahr 2002 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. In Rumänien wollte er ein kleines Taxiunternehmen aufbauen. Eine mutige Idee, geboren aus Hoffnung und Unternehmergeist. Doch das Leben hatte andere Pläne. Das Geschäft entwickelte sich nicht so, wie er es sich erträumt hatte. Viele hätten damals aufgegeben oder lange gehadert. Ioan nicht.
Er entschied sich kurzerhand für einen Neuanfang. Eines der Autos verkaufte er. Mit dem anderen fuhr er einfach los. Ziel: Podersdorf am Neusiedler See, wo sein Schwager bereits auf einem Weingut arbeitete und Ioan von einer freien Stelle beim Weingut „Fuhrmann“ berichtete.
Kurzerhand stellte dieser sich den Winzern vor und bewies, dass er „anpacken“ konnte. Ohne Jammern. Ohne große Worte. Er arbeitete mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckte. Die Arbeit in der Natur war ihm nicht fremd, schließlich kam er selbst vom Land. Er wusste, was es bedeutet, früh aufzustehen, bei Hitze zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen. Aber vor allem: Er tat alles mit Herz.
Tobias und Marianne Fuhrmann erkannten rasch, welch besonderer Mensch da plötzlich in ihr Leben getreten ist. Mit seinem offenen Wesen, seinem Humor und seiner unermüdlichen Arbeitsmoral eroberte Ioan die Herzen der Familie im Sturm. Es war, wie man so schön sagt, Liebe auf den ersten Blick. Menschlich wie beruflich.
Seit 2003 arbeitet Ioan Birtoc am Weingut. Jahr für Jahr wuchs nicht nur seine Erfahrung, sondern auch seine Verbindung zu diesem besonderen Fleckchen Erde am Neusiedler See. Aus einem Arbeiter wurde ein unverzichtbarer Teil des Betriebs. Und schließlich geschah etwas, womit wohl niemand gerechnet hätte.
2012 übernahm Ioan Birtoc das Weingut.
Für ihn ging damit ein Traum in Erfüllung. Der rumänische Fernfahrer, der einst mit einem einzigen Mercedes nach Österreich gekommen war, wurde plötzlich Weinbauer und Unternehmer in Podersdorf. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann.
Doch der Weg dorthin hatte auch seine schweren Momente. Denn während Ioan in Österreich arbeitete und sich Schritt für Schritt etwas aufbaute, blieb seine Familie zunächst in Rumänien zurück. Seine Frau Rodica sowie die Kinder Daria und Ionut lebten weiterhin in der alten Heimat. Alle zwei Wochen setzte sich Ioan ins Auto und fuhr die lange Strecke nach Hause, nur um seine Familie für kurze Zeit in die Arme schließen zu können.
Es waren Fahrten voller Sehnsucht.
Natürlich reichten ein paar Tage alle zwei Wochen nicht aus, um ein Familienleben wirklich zu leben. Und so stand irgendwann die große Entscheidung im Raum: Alles hinter sich lassen? Neu anfangen? In einem fremden Land?
Leicht fiel diese Entscheidung niemandem. Doch 2012, als Ioan das Weingut übernahm, wagte die Familie gemeinsam den Schritt nach Österreich. Eine Entscheidung, die sie niemals bereut hat. Podersdorf wurde zu ihrer neuen Heimat.
Tobias und Marianne Fuhrmann wurden für die Kinder fast so etwas wie Großeltern. Mit Herzlichkeit, Wärme und echter Menschlichkeit begleiteten sie die Familie durch die ersten Jahre in der neuen Heimat. Aus Kollegen wurden Freunde. Aus Freunden wurde Familie.
Heute sieht man, was entstehen kann, wenn Menschen an einander glauben: Tochter Daria steht kurz vor der Matura. Sohn Ionut studiert Architektur an der Technischen Universität Wien. Zwei junge Menschen, die ihren Weg gehen, getragen vom Fleiß ihrer Eltern.
Denn gearbeitet wird am Weingut Birtoc bis heute mehr als genug. Zehn Hektar Weingärten wollen bewirtschaftet werden. Die Vielfalt der Rebsorten zeigt die ganze Leidenschaft der Familie für den Weinbau. Im Weißweinbereich gedeihen Grüner Veltliner, Grauburgunder, Weißburgunder, Chardonnay, Welschriesling, Rheinriesling und Muskat Ottonel. Seit heuer ergänzt sogar ein Blütenmuskateller das Sortiment.
Auch die Rotweine tragen unverkennbar die Handschrift des Hauses: Zweigelt, Blaufränkisch, Cabernet Sauvignon, Merlot und Shiraz sorgen für kraftvolle Akzente.
Natürlich dürfen auch die Schaumweine nicht fehlen: Muskateller und Rosé prickeln elegant im Glas und erzählen von Lebensfreude und burgenländischer Leichtigkeit.
Dass Qualität am Weingut Birtoc kein Zufall ist, beweisen auch die zahlreichen Auszeichnungen. Bei der renommierten Weinprämierung im Schloss Esterházy holte man bereits zum dritten Mal den Landessieger, diesmal mit dem Grünen Veltliner. Dazu kamen gleich neun Goldmedaillen. Ein beeindruckender Erfolg für einen Mann, der einst mit nichts außer Mut und Hoffnung nach Österreich kam.
Und obwohl das Weingut inzwischen längst erfolgreich ist, bleibt Ioan Birtoc bodenständig. Rund 80 Prozent seiner Weine liefert der Chef persönlich aus. Für viele Kunden gehört das längst dazu: Wenn Ioan kommt, bringt er nicht nur Wein, sondern immer auch ein Lächeln, ein gutes Gespräch und ein Stück Herzlichkeit mit.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieser besonderen Geschichte. Es geht nicht nur um Wein. Nicht nur um Erfolg. Es geht um Menschen. Um Vertrauen. Um die Kraft, neu anzufangen. Um den Mut, Chancen zu ergreifen, auch wenn man nicht weiß, wohin der Weg führt.
Aus einem rumänischen Fernfahrer wurde ein burgenländischer Winzer. Aus einem Arbeiter wurde ein Weinbauer mit Leidenschaft. Und aus einer mutigen Entscheidung wurde eine neue Heimat.
Manchmal schreibt das Leben eben die schönsten Geschichten selbst.