Wasser im Seewinkel: Wie die Region um jeden Tropfen ringt

Projekt FOSTER

Wasser wird im Seewinkel und im Hanság/Waasen zunehmend zur Schlüsselfrage. Sinkende Grundwasserstände, austrocknende Lacken, Extremjahre zwischen Nässe und Trockenheit sowie konkurrierende Nutzungsinteressen setzen Landwirtschaft, Naturschutz und Gemeinden unter Druck. Bei der Abschlussveranstaltung des EU-Projekts FOSTER in Neusiedl am See diskutierten Fachleute und regionale Akteurinnen und Akteure über Wege zu einem widerstandsfähigen Wassermanagement.

Der Einser-Kanal, einst zur Entwässerung des Hanságs und zur Regulierung des Neusiedler Sees angelegt, ist MItte Mai gut gefüllt. Das Wasser fließt hier fast vom ganzen Bezirk zusammen, landet schließlich in Ungarn und ist für den heimische Grundwasserkörper verloren.

Der Einser-Kanal, einst zur Entwässerung des Hanságs und zur Regulierung des Neusiedler Sees angelegt, ist MItte Mai gut gefüllt. Das Wasser fließt hier fast vom ganzen Bezirk zusammen, landet schließlich in Ungarn und ist für den heimische Grundwasserkörper verloren.

© Birgit Böhm-Ritter

Klimawandel verändert die Spielregeln

Fast zwei Jahre lang beschäftigte sich das Projekt FOSTER („Future Oriented Solutions Toward Environmental Resilience“, auf Deutsch etwa: zukunftsorientierte Lösungen für ökologische Widerstandsfähigkeit) mit den Folgen des Klimawandels rund um den Neusiedler See. Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft, Tourismus, Gemeinden, Verwaltung, Wissenschaft sowie Natur- und Kulturschutz diskutierten gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern über Interessen, Konflikte und mögliche Lösungen.

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Zum Abschluss des regionalen Prozesses lud die Foster Europe Foundation ins Weinwerk Neusiedl am See. Projektleiter Stefan August Lütgenau machte gleich zu Beginn deutlich, worum es geht: Veränderungen seien unausweichlich. „Wir wissen alle, wie es um Verdunstung aussieht. Das wird ja nicht in den nächsten 2, 3, 4, 5 Jahren verbessert“, sagte er.

Lütgenau betonte, dass Wassermanagement nicht allein Behörden oder Landwirtschaft betreffe. Vielmehr handle es sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es gehe darum, Fakten offen zu diskutieren, unterschiedliche Interessen anzuhören und politische Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. „Es geht darum, gehört zu werden“, sagte Lütgenau. Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger blieben verantwortlich, doch ein offener Dialog müsse Anliegen ernst nehmen und Konflikte sichtbar machen.

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Die Region rund um den Neusiedler See sei zudem grenzüberschreitend geprägt. Wasser, Tourismus, Arbeitsplätze und Ökosysteme endeten nicht an Staatsgrenzen. Veränderungen müssten deshalb gemeinsam gedacht werden.

Zwischen Salzlacken, Vogelzug und Ackerflächen

Johannes Ehrenfeldner, Direktor des Nationalparks Neusiedler See–Seewinkel, stellte Wasser als verbindendes Element einer ganzen Landschaft dar. Der Nationalpark sei kein isolierter Schutzraum, sondern eng mit Landwirtschaft und Gemeinden verwoben. Rund 1.200 Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer seien eingebunden – eine Besonderheit in Österreich.

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Ehrenfeldner widersprach dabei einem klassischen Naturverständnis: „Ich bin kein Naturschützer“, sagte er. Natur lasse sich nicht beherrschen oder bewahren wie ein statisches Objekt. „Wir schützen quasi uns selber. Wir sind Teil, wir sind integrierter Teil der Natur.“

Der Nationalpark liege im westlichsten Ausläufer der ungarischen Tiefebene und gehöre geographisch zum Karpatenbecken. Die Region bilde einen Teil der eurasischen Steppe, die sich bis in die Mongolei ziehe. Besonders sichtbar würden die Folgen des Klimawandels an den Salzlacken des Seewinkels.

Diese zeitweise austrocknenden Gewässer seien auf hohe Grundwasserstände angewiesen. Sinkt das Grundwasser zu stark ab, funktioniere der natürliche Salztransport nicht mehr. Die Lacken „süßen aus“ – sie verlieren ihre salzhaltigen Eigenschaften und verändern sich dauerhaft.

Auch aus Sicht des Welterbe-Managements gilt Wasser als Schlüsselfaktor für die Zukunft der Region. Lina Jires-Karner, Geschäftsführerin des Welterbevereins Fertő/Neusiedler See, verwies darauf, dass die Kulturlandschaft nicht allein wegen des Sees geschützt werde, sondern wegen ihres „außergewöhnlichen universellen Werts“ – einer Verbindung aus Naturraum, jahrhundertelanger Nutzung und kultureller Prägung.

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Der See sei zwar „Herzstück“ der Region, erklärte Jires-Karner, doch entscheidend sei das Zusammenspiel vieler Elemente: Salzlacken, Weideflächen, Landwirtschaft, Siedlungsstrukturen und traditionelle Nutzung. Besonders die Lacken gelten als prägende Bestandteile der Welterbestätte. „Irgendwann beginnt es zu bröckeln“, sagte Jires-Karner mit Blick auf sinkende Wasserstände und zunehmende Trockenheit. Wenn mehrere charakteristische Merkmale verschwänden, werde es schwieriger, die Einzigartigkeit der Kulturlandschaft langfristig nachvollziehbar zu machen.

Zugleich warnte sie vor einem verkürzten Blick auf den Wasserstand des Sees. Ob die Region ihren Welterbe-Status behalte, entscheide sich nicht an einer einzelnen Messgröße. „Es ist nicht nur der See, es ist nicht nur die Wasserthematik, sondern es sind ganz, ganz viele Komponenten, die miteinander zusammenhängen“, sagte Jires-Karner. Wesentlich sei, ob die Kulturlandschaft in ihrer Entwicklung und Nutzung weiterhin nachvollziehbar bleibe.

Ehrenfeldner erinnerte daran, dass frühere Generationen Wasser vor allem ableiten wollten. Entwässerungsmaßnahmen hätten historische Verbindungen zwischen Donau und Region unterbrochen. „Frühere Verbindung mit Donau schmerzt uns“, sagte er. Die Diskussion um Wasserzufuhr aus der Donau bezeichnete er deshalb als nicht grundsätzlich abwegig.

Zugleich warnte er vor einfachen Lösungen. Natürliche Systeme seien komplex. Eingriffe an einer Stelle hätten Folgen für das Gesamtsystem. Biodiversität erhöhe die Widerstandskraft einer Landschaft. „Ein ganz wichtiges Thema ist die Resilienz“, sagte Ehrenfeldner und verglich resiliente Systeme mit einem elastischen Baum: Ein starker Windstoß könne ihn biegen, aber nicht dauerhaft brechen.

Auch eine Debatte über Schilfmanagement zeigte Zielkonflikte auf. Diskutiert wurde, ob Teile des Schilfgürtels gezielt abgebrannt werden sollten, um Biodiversität zu fördern. Ehrenfeldner verwies auf Erfahrungen in Deutschland und sagte, regelmäßiges Abbrennen sei in Österreich rechtlich kaum möglich. Mehrere Teilnehmende verwiesen auf Spannungen zwischen Luftreinhaltegesetz, Naturschutzinteressen, Kosten und Gesundheitsfragen. Einigkeit bestand darin, dass belastbare wissenschaftliche Daten zur Wirkung des Schilfs auf Biodiversität und Wasserhaushalt noch fehlen.

Landwirtschaft zwischen Überschuss und Trockenheit

Wie widersprüchlich der Umgang mit Wasser im Seewinkel sein kann, schilderte Landwirt Ernst Tschida aus Pamhagen. Der Biolandwirt ist Obmann der Wassergenossenschaft Pamhagen für Entwässerung und Bewässerung sowie Vorstandsmitglied des Wasserverbands Seewinkel.

Wasser im Seewinkel: Wie die Region um jeden Tropfen ringt

© Birgit Böhm-Ritter

Die Region kämpfe gleichzeitig mit Trockenheit und Wasserüberschuss. Im Winter und Frühjahr müsse Wasser teilweise abgeführt werden, damit Felder bearbeitet werden können. In trockenen Sommermonaten fehle es dagegen.

„Wir müssen auch entwässern, weil wir ein Feuchtgebiet sind, damit wir die Flächen bewirtschaften können“, sagte Tschida. Das Hanság/Waasen sei historisch stark von Entwässerungsgräben geprägt worden. Pamhagen sei einst ein Fischerdorf gewesen, heute liege der Ort trocken. Darauf verweise sogar der Dreizack im Gemeindewappen.

Tschida setzt auf regenerative biologische Landwirtschaft. Seit 2018 bearbeitet er seine Flächen pfluglos. Begrünte Böden sollen Verdunstung reduzieren, Wasser speichern und den Boden lockern. Pflanzenmischungen mit Gräsern, Leguminosen – also stickstoffbindenden Pflanzen wie Klee oder Erbsen – sowie tiefwurzelnden Arten sollen Wasser besser im Boden halten.

Zugleich widersprach Tschida dem Eindruck, Landwirtschaft sei allein für hohen Wasserverbrauch verantwortlich. Im Bezirk gebe es zahlreiche Bewässerungsrechte, ebenso wachse der Wasserbedarf durch Bevölkerung und Wirtschaft. „Wasser ist knapp das Gut in unserem Bezirk“, sagte er.

Besonders kritisch sieht Tschida den Verlust von Wasser über Entwässerungssysteme. Nach seinen Angaben fließen große Mengen Wasser über den Einser-Kanal Richtung Ungarn ab. Diskutiert wurde daher das Projekt „Pannonic Salt“, das langfristig Wasser in der Region halten und den Grundwasserstand anheben soll. Geplant sind unter anderem Wehranlagen, die Wasser in bestehenden Kanälen stufenweise zurückhalten.

Der Klimawandel verschärft dabei nicht nur den Druck auf Wasserressourcen, sondern verändert auch die Kulturlandschaft selbst. Höhere Temperaturen, Trockenheit und sinkende Wasserstände stellten das Welterbe vor neue Herausforderungen, erklärte Lina Jires-Karner. Gleichzeitig entstünden Zielkonflikte: Der Ausbau erneuerbarer Energien sei notwendig, verändere aber ebenfalls Landschaftsbilder und Sichtachsen. Windkraftanlagen, großflächige Photovoltaik oder Bodenversiegelung müssten deshalb sorgfältig mit Natur-, Kultur- und Ortsbildschutz abgewogen werden.

In der täglichen Praxis habe sich der Blick bereits verändert. Nicht nur einzelne Bauprojekte stünden im Fokus, sondern auch ihre Wirkung auf Freiräume, Versiegelung und Wasserhaushalt. „Es fußt dann alles auf das Thema Wasser“, sagte Jires-Karner.

Ob solche Maßnahmen Landwirtschaft, Naturschutz und Wasserhaushalt zugleich entlasten können, blieb offen. Klar wurde an diesem Vormittag jedoch eines: Einfache Antworten gibt es nicht. Der Seewinkel und der Hanság/Waasen stehen vor der Aufgabe, eine Landschaft zwischen Trockenheit und Wasserüberschuss neu auszubalancieren – gemeinsam und über Grenzen hinweg.