25 Jahre Welterbe: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Rückblick und Vorschau

Seit einem Vierteljahrhundert trägt die Region rund um den Neusiedler See den Titel UNESCO-Welterbe. Das Jubiläum bietet Anlass für eine Zwischenbilanz. Verantwortliche verweisen auf Erfolge, benennen Herausforderungen und skizzieren die nächsten Schritte.

Welterbeverein. Geschäftsführerin Lina Karner, Obmann Erwin Preiner und sein Stellvertreter Rudolf Strommer

Welterbeverein. Geschäftsführerin Lina Karner, Obmann Erwin Preiner und sein Stellvertreter Rudolf Strommer

© Birgit Böhm-Ritter

Ein Titel mit Geschichte

Der Blick zurück führt zu einem klaren Datum: Am 13. Dezember 2001 erklärte die UNESCO-Kommission in Paris die Kulturlandschaft Fertő-Neusiedler See zum Welterbe. Vorausgegangen waren Beschlüsse auf Bundes- und Landesebene, die den Antrag ermöglichten.

Heute zählt die Region zu einer kleinen internationalen Gruppe. „Insgesamt gibt es nur 1.200 Welterbe-Städte weltweit und knapp über 50, die grenzüberschreitend sind“, sagte Obmann Erwin Preiner bei einer Pressekonferenz des Welterbevereins am Donnerstag. Genau diese grenzüberschreitende Struktur prägt die Region bis heute.

Das Welterbegebiet umfasst 20 österreichische und zehn ungarische Gemeinden. Der Verein Welterbe Neusiedler See steuert als Managementorganisation die Entwicklung. „Selber sehen wir uns als Natur- und Kulturwelterbe“, erklärte Preiner und verwies damit auf die doppelte Bedeutung der Landschaft zwischen Schilfgürtel, Weingärten und Siedlungen.

Doch der Titel ist mehr als eine Auszeichnung. Geschäftsführerin Lina Karner ordnete ihn bewusst ein: „Welterbe ist kein Siegel für Tourismus.“ Vielmehr gehe es darum, „dass eine ‚Stätte, ein Kultur- und Naturdenkmal, so wichtig und so einzigartig und so wertvoll ist, dass ihr Erhalt für die gesamte Menschheit wichtig ist‘.“

25 Jahre Welterbe: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

© Birgit Böhm-Ritter

Zwischen Bauprojekten und Bildungsauftrag

Mit dieser Verpflichtung beginnt die tägliche Arbeit. Denn das Welterbe ist keine statische Kulisse, sondern eine lebendige Kulturlandschaft. Neue Gebäude entstehen, bestehende werden adaptiert, Infrastruktur wächst.

Gerade hier zeigt sich die Rolle des Vereins besonders deutlich. Ein eigener Welterbebeirat begleitet größere Bauvorhaben. „Experten des Landes und des Bundesdenkmalamtes sowie Architekten sind dabei mit den Bauwerbern im Kontakt“, erläuterte Preiner. Ziel ist es, Konflikte früh zu erkennen und Lösungen zu finden, bevor sie sichtbar werden.

Dass dieser Prozess größtenteils gut funktioniert, zeigen konkrete Projekte: die Sanierung und Erweiterung des Neusiedler Hallenbads, das Seerestaurant „Libelle“ in Breitenbrunn oder der Seehof in Donnerskirchen-Oggau. In all diesen Fällen entstand laut Verein ein „guter Kompromiss“ zwischen Nutzung und Schutz.

Rudolf Strommer, Obmann-Stellvertreter, sieht darin das Ergebnis langjähriger Arbeit. „Wir haben Bebauungsrichtlinien erarbeitet, die österreichweit beachtet werden.“ Gemeinden, Planerinnen und Architekten greifen heute frühzeitig auf diese Vorgaben zurück. Reibungsflächen lassen sich so oft schon im Vorfeld entschärfen.

Parallel dazu erfüllt der Verein einen zweiten Auftrag: Bewusstsein schaffen. Informationsangebote richten sich an Schülerinnen und Schüler ebenso wie an die Bevökerung und Touristinnen und Touristen. Ein sichtbares Beispiel ist der Welterberaum im Nationalpark-Informationszentrum in Illmitz.

Karner betonte dabei den Grundsatz, der alle Maßnahmen verbindet: „Stillstand wäre gegen das Wesen einer Kulturlandschaft an sich.“ Entwicklung sei notwendig, müsse jedoch mit Maß erfolgen.

Kooperation über Grenzen hinweg

Die besondere Lage des Welterbes bringt zusätzliche Herausforderungen. Die Zusammenarbeit zwischen Österreich und Ungarn gilt als zentraler Bestandteil – und als anspruchsvolle Aufgabe.

Strommer erinnerte an die historischen Wurzeln dieser Kooperation. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 entstand mit dem Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel eines der ersten gemeinsamen Projekte zwischen Ost und West. Das Welterbe folgte als nächster Schritt.

Doch die Zusammenarbeit verläuft nicht immer reibungslos. Während Entscheidungen in Österreich auf Landesebene getroffen werden, sind sie in Ungarn an die Regierung in Budapest gebunden. „Es gab Zeiten, da haben wir uns halbjährlich oder jährlich auf neue Gegenüber einzustellen gehabt“, sagte Strommer und wies auf die Personalfluktuation bei den ungarischen Partnern hin.

Trotz dieser Unterschiede gelang es, einen gemeinsamen Managementplan für die kommenden zehn Jahre zu erarbeiten. Seine Präsentation ist für Juli 2026 vorgesehen – ein symbolischer Schritt für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Konfliktfelder und Kompromisse

Wo Entwicklung auf Schutz trifft, entstehen Spannungen. Diese zeigen sich besonders deutlich bei größeren Bauprojekten oder Infrastrukturmaßnahmen.

Ein frühes Beispiel ist der Pannonia Tower in Parndorf. Die geplante Höhe sorgte für Diskussionen im Welterbebeirat. „Der Tower war 75 Meter hoch geplant worden. Es kam dann zu einem Zahlendreher. Der turm ist dann nur 57 Meter hoch geworden“, erinnerte sich Strommer. Der Kompromiss verdeutlicht den Handlungsspielraum – und seine Grenzen.

Noch intensiver wird die Debatte bei der Windkraft geführt. Die Anlagen prägen die Region und gelten gleichzeitig als Eingriff in das Landschaftsbild. Preiner stellte klar, dass Projekte mit dem Welterbeverein abgestimmt werden: „Im sogenannten Repowering wird insofern ein Kompromiss gefunden, dass die Windräder zahlenmäßig weniger werden, weil sie leistungsstärker sind.“

Karner ergänzte, dass sich die Diskussion zuletzt beruhigt habe. Größere Abstände zum Welterbegebie oder reduzierte Nachtbeleuchtung würden deren Sichtbarkeit mindern. Gleichzeitig bleiben klare Regeln bestehen. „In der Kernzone des Welterbegebiets werden keine Windräder aufgestellt“, betonte Preiner.

Die Balance bleibt jedoch anspruchsvoll. Strommer fasste die Herausforderung prägnant zusammen: Es gelte, „einerseits bewahren, andererseits aber auch das wirtschaftliche Fortkommen in der Region ermöglichen.“

Ein Jubiläum als Ausblick

Das 25-jährige Bestehen dient nicht nur der Rückschau, sondern auch als Ausgangspunkt für neue Impulse. Das Jubiläumsjahr 2026 umfasst eine Reihe von Veranstaltungen. Bereits im Vorfeld startete ein Logo-Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler, der mehr als 100 Einreichungen brachte. Das ausgewählte Motiv einer Schülerin der HAK Frauenkirchen begleitet die Aktivitäten des Jahres.

25 Jahre Welterbe: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

© Verein Welterbe Neusiedler See

Ein zentraler Termin ist der österreichweite Welterbetag am 18. April. In Winden am See stehen Themenwanderungen mit Expertinnen und Experten sowie ein Austausch mit regionalen Initiativen im Mittelpunkt.

Im Sommer folgt die Präsentation des neuen Managementplans auf einem Schiff am Neusiedler See. Ergänzt wird das Programm durch die Österreichische Welterbestättenkonferenz im Burgenland sowie einen Festakt in Donnerskirchen zum Jahresende. Geschäftsführerin Karner blickte mit Zuversicht auf die kommenden Monate: „Ich freue mich auf dieses Jubiläumsjahr.“

Das Welterbe bleibt damit, auch 25 Jahre nach seiner Auszeichnung, ein Projekt in Bewegung – zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Schutz und Entwicklung.