Christian Giefing: Mit 18 Jahren schon mittendrin in Europas Spitze
Schwimmen
Der Markt Sankt Martiner hat bei seiner ersten Europameisterschaft der Allgemeinen Klasse ein gewaltiges Ausrufezeichen gesetzt. Giefing schwamm über 200 Meter Freistil österreichischen Rekord und anschließend auf EM-Rang vier. Die Tage von Paris zeigen vor allem eines: Der 18-Jährige hat den Sprung in die europäische Elite geschafft.
Christian Giefing zeigte in Paris bei der Europameisterschaft deutlich auf.
© GEPA pictures/ Philipp Brem, GEPA pictures/ Philipp Brem
Ein Viertelsekündchen kann im Schwimmen eine ganze Welt sein. Oder, wie im Fall von Christian Giefing, der Beleg dafür, wie nahe ein 18-jähriger Burgenländer bereits bei seiner ersten Europameisterschaft der Allgemeinen Klasse an einer Medaille dran war.
0,27 Sekunden fehlten Giefing im Finale über 200 Meter Freistil auf Bronze. In 1:45,14 Minuten schlug er als Vierter an. Keine Medaille also – und trotzdem ist es ein Ergebnis, das seine Entwicklung eindrucksvoll dokumentiert. Denn Giefing war in Paris nicht angereist, um selbstverständlich um Edelmetall zu schwimmen. „Wir sind relativ nüchtern hergekommen, haben gesagt, das Semifinale wäre gut, vielleicht ein persönlicher Rekord“, resümierte er später. Dass daraus ein EM-Finale und Platz vier werden würden, habe selbst sein Umfeld nicht erwartet.
Eigentlich hatte Giefing seinen vielleicht bemerkenswertesten Auftritt sogar schon vor dem Finale. Im Vorlauf über 200 Meter Freistil schlug der Markt St. Martiner nach 1:44,96 Minuten an – österreichischer Rekord. Damit löste der 18-Jährige ausgerechnet Felix Auböck als Rekordhalter ab.
Bemerkenswert war dabei auch Giefings Zugang zum Rennen. Taktieren wollte er nicht. „Ich bin gestern mit dem Gedanken schlafen gegangen, voll zu schwimmen. Eine andere Option habe ich nicht“, schilderte er. Einfach mit einer 1:45er-Zeit auf den Aufstieg zu spekulieren, sei für ihn keine Alternative gewesen. Also lautete die Devise: „Angasen und schauen, was geht.“
Was ging, überraschte ihn selbst. „Dass es 1:44 wird, habe ich nicht erwartet, auch nicht, wie ich geschwommen bin. Es hat sich relativ leicht angefühlt.“ Und auch der Rekord hatte für ihn besondere Bedeutung: „Es ist ein unfassbares Gefühl, den Felix auf den 200 Freistil abzulösen.“
Im Semifinale bestätigte Giefing, dass der Rekordlauf kein einmaliger Ausreißer gewesen war. In 1:45,47 Minuten blieb er erneut auf höchstem Niveau und qualifizierte sich als Gesamtfünfter für das Finale. Es war zu diesem Zeitpunkt die zweitbeste Zeit, die er jemals über diese Distanz geschwommen war.
Seine Erwartungshaltung vor dem Endlauf war entsprechend realistisch. Eine Medaille bezeichnete er als „großen Traum“, gleichzeitig wusste er um die Qualität der Konkurrenz. Vielmehr wollte er versuchen, „mit den Großen mitzuschwimmen“.
Genau das gelang. Im Finale folgte mit 1:45,14 Minuten die nächste Topzeit. Enttäuscht sei er über das verpasste Bronze nicht gewesen. Giefing selbst ordnete den vierten Platz vielmehr bemerkenswert sachlich ein. „Ich bin absolut stolz auf den vierten Platz, es war ein ganz starkes Feld hier bei der EM. Das bestätigt auch, dass ich international in der Allgemeinen Klasse ganz gut angekommen bin.“ Nachsatz: „Dass ich ins Finale einziehe und Vierter werde, haben wir uns auch nicht erwartet. Wir sind mehr als stolz und mehr als zufrieden.“
Gerade der Verlauf über die drei Runden macht Giefings Leistung interessant. 1:44,96 im Vorlauf, 1:45,47 im Semifinale und 1:45,14 im Finale sind der Beleg für drei Rennen auf enorm hohem Niveau innerhalb kurzer Zeit.
Das spricht nicht nur für Geschwindigkeit. Es zeigt auch, dass der 18-Jährige die Leistung über mehrere Runden eines internationalen Großereignisses abrufen kann.
Hinzu kommt die Dimension seiner Entwicklung. Noch vor der EM hatte sich Giefing über die 200 Meter Schritt für Schritt herangearbeitet. Bei der Junioren-EM war er bereits mit 1:46,88 Minuten zu Gold geschwommen. In Paris drückte er den österreichischen Rekord schließlich erstmals unter 1:45 Minuten.
Der Unterschied zwischen Nachwuchs- und Allgemeiner Klasse ist beträchtlich. Umso bemerkenswerter ist, dass Giefing bei seiner ersten großen EM nicht nur Erfahrung sammelte, sondern unmittelbar um eine Medaille mitschwamm.
Die 200 Meter waren allerdings längst nicht sein einziger Einsatz. Giefing absolvierte in Paris ein umfangreiches Programm. Unter anderem war er auch über 200 Meter Lagen und 400 Meter Freistil sowie in den Staffeln im Einsatz.
Dass die Kräfte gegen Ende der EM schwanden, war deshalb wenig überraschend. Über 200 Meter Lagen kam er in 2:03,30 Minuten auf Rang 35. Giefing nahm das intensive Programm bewusst als Teil seiner Entwicklung an: „Ich bin ja noch jung, deshalb hat mein Trainer Balasz gesagt, schwimmen wir ein wenig mehr. Es ist halt auch ein gutes Training.“ Dass der Erfolg über 200 Meter Freistil derart groß ausfallen würde, hatte bei der Planung schließlich niemand vorhersehen können. „Es ist alles ein Lernprozess“, meinte der Burgenländer.
Am Schlusstag waren die Akkus entsprechend nicht mehr voll. Über 400 Meter Freistil belegte Giefing in 3:49,14 Minuten Rang 20. Dazu schwamm er gemeinsam mit Max Halbeisen, Luka Mladenovic und Lukas Edl in der neu formierten 4x100-Meter-Lagenstaffel, die in 3:35,60 Minuten auf Platz 15 kam.
Giefing selbst wusste das einzuordnen: „Nach den ganzen Bewerben, nach dem oft und vielen Vollschwimmen, war es klar“, dass über 400 Meter keine Bestzeit mehr folgen würde. Sein Gesamtfazit fiel trotzdem eindeutig aus: „Es ist ein guter Weg. Wir sind alle über meine Leistung hier sehr froh, auch das gesamte Trainerteam, und ich freue mich auf die nächsten Aufgaben.“
Und diese nächsten Aufgaben könnten langfristig weit über Europameisterschaften hinausführen. Denn auch innerhalb des Österreichischen Schwimmverbandes ist Giefings Auftritt nicht unbemerkt geblieben.
Der interimistische OSV-Sportdirektor Jakub Maly hob in seiner EM-Bilanz ausdrücklich Giefings 200-Meter-Rennen hervor. Gemeinsam mit dem über 200 Meter Brust mit Bronze dekorierten Luka Mladenovic habe Giefing eine „super Performance“ gezeigt. Noch bemerkenswerter war Malys Blick in die Zukunft: „Die beiden sind sicher unsere heißen Eisen im Hinblick auf die Olympischen Spiele LA 2028.“