Commerzialbank: Pucher als „Messias für alle“, Millionen für den SVM

2. Tag im Bank-Prozess

20,4 Millionen Euro übergaben Commerzialbank-Chef Martin Pucher und Vorständin Franziska Klikovits innerhalb von zehn Jahren an einen Unternehmer. Wie genau diese Finanzspritzen in sein Unternehmen gelangten und was damit verbunden war, schilderten zwei Angeklagte am zweiten Verhandlungstag am Donnerstag. Die anberaumte Einvernehmung von Vorständin Klikovits wurde auf Dienstag verschoben.

Am Donnerstag, 16. Jänner 2025, nahmen die vier Angeklagten im Commerzialbank-Prozess wieder auf der Anklagebank Platz.

Am Donnerstag, 16. Jänner 2025, nahmen die vier Angeklagten im Commerzialbank-Prozess wieder auf der Anklagebank Platz.

© BVZ/Kirchmeir

Tag 2 im Commerzialbank-Prozess. Am Wort ist der 70-jährige Unternehmer, dem Veruntreuung, Untreue, betrügerische Krida und Geldwäsche vorgeworfen wird. Bereits 2002/2003 sei klargewesen, so der Angeklagte, dass sein Unternehmen zahlungsunfähig war.

Er gab zu, von 2008 bis 2018 insgesamt 20,4 Millionen Euro in bar vorwiegend von Martin Pucher erhalten zu haben. Dreimal habe Commerzialbank-Vorständin Franziska Klikovits das Geld übergeben.

„Er zitierte mich hin und sagte, wir brauchen mehr Sponsorgeld für den SV Mattersburg“, erinnerte sich der Unternehmer. 30.000 bis 50.000 Euro wollte Pucher für den Fußballverein. „Ich hatte damals Werbetafeln um 4.000 Euro“, sagte der Angeklagte.

Bargeld sei „rübergeschoben“ worden. „Er griff in die Schublade, schob ein Kuvert rüber, da hast was, da machst dazu Rechnungen“, so der Angeklagte. Pucher habe Namen genannt, er habe dazu im elektronischen Telefonbuch Adressen im Raum Wien und Niederösterreich herausgesucht und Rechnungen geschrieben. „Fingierte Rechnungen?“, fragte Richterin Karin Knöchl. Das bestätigte der Angeklagte.

Das Sponsoring für den SVM habe sich in weiterer Folge auf 440.000 Euro belaufen. „Wenn wir unter die ersten Drei kommen, noch 200.000 Euro. Wenn wir im UEFA-Cup spielen, noch 300.000 Euro“, schilderte der Angeklagte die Summen, die in den Mattersburger Verein flossen.

„Aber Ihre Firma lief nicht so gut?“, fragte die Richterin.

50% jenes Geldes, das er von Pucher erhalten habe, sei ins SVM-Sponsoring geflossen. Die andere Hälfte kam - abzüglich der an das Finanzamt abgeführten Umsatzsteuer - dem Unternehmen des Angeklagten zugute.

Pucher vermittelte seinem Unternehmen eine Buchhalterin. „Sie sollte die Firma auf Vordermann bringen“, so der Angeklagte. „Wer führte die Firma? Die Buchhalterin oder Sie?“, fragte die Richterin.

„Das ist eine gute Frage“, überlegte der Angeklagte.

„Wenn du nicht mehr frei entscheiden kannst, dann hast du keinen Wert“, schilderte er seine Situation. Er habe überlegt, zu einer anderen Bank zu wechseln. Das hätte Pucher aber nicht zugelassen.

„Machten Sie sich keine Gedanken, woher Pucher das viele Geld hernimmt?“, wunderte sich die Richterin. „Ja, ich habe keine Ahnung“, sagte der Angeklagte. Er sei auch Aufsichtsrat der Commerzialbank gewesen. „Bei jeder Sitzung wurde uns erzählt, wie gut es der Bank geht.“

„Hielten Sie es für möglich, dass Einleger der Bank geschädigt werden?“, fragte die Richterin. „Eigentlich nicht. Dass es gestohlenes Geld der Bank ist, wäre mir nie in den Sinn gekommen“, antwortete der Angeklagte.

Man habe dem Bankchef Pucher kriminelle Handlungen „nicht zugetraut“, so der Angeklagte. „Er war eine Ehren- und Respektperson, im Bezirk, im Land, teilweise in Österreich. Der hilft dir.“

Wenn jemand von keiner Bank mehr Geld bekommen habe, hieß es: „Geh zum Pucher, der hilft dir. Er wollte ja der Messias für alle sein“, so der Angeklagte.

Nach einer kurzen Pause wurden die Beschuldigten-Einvernahmen mit der Befragung des 65-jährigen Unternehmers fortgeführt, dem im Zusammenhang mit der Commerzialbank Veruntreuung und Untreue als Beitragstäter, betrügerische Krida, Geldwäsche und Bilanzfälschung vorgeworfen werden.

Wenn sein Unternehmen „von der WKSTA (Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, Anm.) nicht zugesperrt“ worden wäre, würde es noch heute gut weiterlaufen, meinte der Angeklagte. Für eine Einzelfirma und eine GmbH hatte er wegen Schulden im Ausmaß von 24 bis 25 Millionen Euro Konkurs anmelden müssen.

Von Martin Pucher habe er, so der pensionierte Unternehmer, 16 Millionen Euro in Form von Bargeldübergaben erhalten. „Für mich war es eine Querfinanzierung für den Fußballverein“, sagte der Angeklagte und meinte den SV Mattersburg.

Er habe für das Geld 20% Mehrwertsteuer bezahlt und neun bis zehn Millionen Euro als Sponsoring für den SVM überwiesen. „Drei bis vier Millionen bleiben übrig“, so der Angeklagte.

Im Auftrag von Bank-Chef Pucher habe er außerdem „bei jedem Heimmatch VIP-Karten gekauft“. Und er habe „Leute angestellt, die dem Fußballverein zugehörig waren. Sie kosteten, waren aber nie da“, so der Ex-Unternehmer.

„Warum konnte die Bank das Sponsoring nicht selbst machen?“, fragte Richterin Karin Knöchl.

„Dafür bin ich der Falsche“, antwortete der Angeklagte. Pucher zu widersprechen, sei nicht möglich gewesen. „Er schäumte vor dem Mund und schrie und wütete“, erzählte der Angeklagte. „Jeder, der da sitzt, weiß, dass keiner eine Chance hatte gegen ihn.“

Die Bargeldzahlungen seien zwischen Jänner 2010 und Dezember 2019 erfolgt. Dafür wurden fingierte Rechnungen über Beträge zwischen 7.000 bis 15.000 ausgestellt. „Es war eine beträchtliche Anzahl von Rechnungen“, sagte der Angeklagte.

Er sei „ein kleines Radl“, wie hätte er wissen sollen, „dass es der Bank schlecht geht?“, fragte sich der Ex-Unternehmer. „Von Ihnen verlangte Pucher Unredliches, aber in der Bank ist er redlich?“, wunderte sich die Richterin über das Vertrauen, das der Unternehmer in den Banker setzte.

Bis zum Schluss sei ihm nicht klar gewesen, dass das Geld anderen fehlte, während er Gewinne machte.

Er habe nie einen Kredit beantragt, aber immer wieder für welche unterschreiben müssen, so der Angeklagte weiter. „Ich stand immer unter Zugzwang“, sagte er. „Im Jänner 2020 habe ich das letzte Mal einen Kredit unterschrieben. Vorher wurde ich angerufen – schau, dass du deine Familie zusammentrommelst. Um 20 Uhr kam jemand und sagte: Unterschreib die letzte Seite.“

„Warum haben Sie das mit gemacht? Man hat immer Alternativen“, so der Oberstaatsanwalt. „Ich weiß nicht, warum ich nie gesagt habe: das mache ich nicht“, so der Angeklagte. Man habe Pucher eben damals nicht widersprochen: „Heute ist er für mich ein armer Hund. Aber sie hätten ihn kennelernen müssen, als er in vollem Saft war.“

245 Rechnungen habe der Unternehmer allein im Jahr 2019 erfunden und einen Betrag von knapp 2,5 Millionen Euro erhalten, berichtet der Sachverständige. Dieses Geld sei in Sponsorings für „Puchers Liebkind“, den SV Mattersburg, geflossen, so der Angeklagte.

Pro Jahr habe er „80 bis 150“ VIP-Karten zusätzlich zu den im Sponsorvertrag inkludierten Tickets gekauft, zu jeweils rund 200 Euro. Ergibt rund 30.000 Euro für VIP-Tickets, rechnet der Pensionist vor. „Wenn man von 2,5 Millionen 30.000 Euro abzieht, sind das noch immer rund 2,5 Millionen“, erwiderte der Oberstaatsanwalt.

Die Rechtsvertretung des SVM hat im Zuge der Insolvenz Verbindlichkeiten von über zwei Millionen Euro aus dem Sponsorvertrag geltend gemacht. Die Forderung der Privatbeteiligten erkenne er aber nicht an, so der Angeklagte.

Er habe einen Sponsorvertrag unterzeichnet, dieser habe sich aber mehrmals ohne sein Wissen oder eine weitere Unterschrift erhöht. „Die zuletzt vereinbarten 2,5 Millionen Euro als Sponsoring haben Sie nicht unterschrieben?“ - „Nein! Da hätte mich das Finanzamt ausgelacht.“ Die geforderte Summe habe ihn selbst überrascht.

An Pucher habe er Blankounterschriften auf Erlagscheinen geliefert, ohne konkret zu wissen, was damit später passieren sollte. Auch die Summen habe er nicht mit Pucher besprochen.

Und zum wiederholten Male im Prozess die Frage: „Wieso haben Sie sich nicht gewehrt?“ - „Beim Pucher hat's kein Verweigern gegeben. Glauben Sie mir das.“

Zuvor hatte sein Verteidiger Mirko Matkovits aus einem Vernehmungsprotokoll zitiert, in dem Pucher ausgesagt habe, dass er bis Herbst 2020 überzeugt gewesen sei, dass die Kredite für Firmen von zwei Angeklagten rückgeführt werden können, „wenn die Sanierungsmaßnahmen greifen.“ Matkovits: „Pucher hat also selbst geglaubt, dass die Kreidte zurückgezahlt werden können.“

Seinen Mandanten fragte er, ob es einen Termin gab, „bei dem er Sie aus der Bank drängen wollte oder ankündigte, die Kredite fällig zu stellen.“ Zwar habe ihn Pucher einige Male angeschrien, aber ein solches Gespräch habe es nicht gegeben.

Der Oberstaatsanwalt wollte darauf wissen, welche Sanierungsmaßnahmen es für sein Unternehmen denn gegeben habe. „Ich weiß keine“, so die Antwort.

„Ich verstehe es immer noch nicht. Hat er Sie in der Hand gehabt, weil Sie abhängig von ihm waren?“ - „Ja.“ - „Aber warum? Sie haben gesagt, die Schließung der Firma sei eine Folgewirkung der Schließung der Commerzialbank und dass es gut gelaufen ist?“

Einmal habe er Pucher seinen Firmenschlüssel auf den Tisch gelegt und gesagt: „Führ die Firma selber weiter, du machst eh alles selbst.“ Dann sei er gegangen, aber „alle zwei Minuten mit Anrufen tyrannisiert“ worden und schließlich habe er umgedreht.

Richterin Karin Knöchl fragte ein drittes Mal nach. Ob er befürchtet habe, dass seine Firma Pleite geht, wenn er Nein zu Pucher sagt? „Er hätte den Kredit fällig gestellt. Dann wäre es vorbei gewesen.“

Damit endete die Befragung des dritten Angeklagten. Die für Donnerstag anberaumte Einvernehmung von Vorständin Franziska Klikovits wurde auf Dienstag verschoben.