Caroline Bredlinger: „Ohne Sport kann ich nicht“

Talk der Woche

Die 800 Meter-Läuferin und Gewinnerin des BVZ-Martini in der Kategorie Sport spricht über ihr Erfolgsjahr 2025, ihre Entwickung und über die Schussattacke im Jahr 2014, die sie nach wie vor schmerzhaft begleitet.

Caroline Bredlinger beim Interview anlässlich der BVZ-Martini-Preisverleihung. „So eine Auszeichnung hat einen sehr großen Wert, wenn die sportliche Qualität ausschlaggebend ist.“

Caroline Bredlinger beim Interview anlässlich der BVZ-Martini-Preisverleihung. „So eine Auszeichnung hat einen sehr großen Wert, wenn die sportliche Qualität ausschlaggebend ist.“

© Martin Ivansich

Der BVZ-Martini wird von einer Fachjury vergeben – welchen Stellenwert haben solche Auszeichnungen für dich, bei denen die sportliche Leistung im Mittelpunkt steht?

Caroline Bredlinger: Das hat natürlich einen sehr großen Wert, wenn wirklich die sportliche Qualität ausschlaggebend ist. Sympathiepreise sind auch immer ganz cool, weil sie zeigen, dass die Leute hinter einem stehen. Aber wenn man für die reine sportliche Leistung ausgezeichnet wird, ist das schon etwas Besonderes.

Caroline Bredlinger: „Ohne Sport kann ich nicht“

© Martin Ivansich

Du hast 2025 Außergewöhnliches erreicht: Erstmals bist du 800 Meter unter zwei Minuten gelaufen, erstmals hast du dich aufgrund des direkt unterbotenen Zeitlimits für ein Großevent qualifiziert. Wie sehr haben sich Anspruch und Wirklichkeit gedeckt?

Bredlinger:Es hat weit darüber hinausgeschossen, was ich mir zu Beginn der Saison erwartet habe. Natürlich steigen die Ansprüche mit besseren Zeiten, da war ich dann mit einer 2:00,00er-Zeit nicht mehr zufrieden, was verständlich ist. Aber im Großen und Ganzen war die Saison weit mehr, als ich erwartet habe – und etwas ganz Besonderes.

Kann man das also sagen, dass du dir diesen Sprung in dieser Form nicht erwartet hast?

Bredlinger:Ja, das kann man sagen. Ich habe mir das absolut nicht erwartet.

In der Vergangenheit entstand der Eindruck, dass du mit dem Druck zu kämpfen hattest, am Tag X abliefern zu müssen. 2025 wirkte es so, als ob es hier gar keine Hürde mehr geben würde. War die mentale Komponente ein wichtiger Faktor, oder ist das eine Falscheinschätzung?

Bredlinger:Ganz falsch ist es auf jeden Fall nicht eingeschätzt. Es ist immer ein wenig auf die Situation selbst angekommen. Ich bin mental stärker geworden, aber ich bin immer mehr in das Internationale reingekommen und habe gelernt, wie diese internationalen Rennen funktionieren und wie ein 800 Meter Lauf eigentlich zu sein hat. National laufe ich oft vorneweg und fertig, international ist es ein richtiger Konkurrenzkampf. Das zu lernen, hat sehr viel mitgespielt – und die mentale Stärke zu wissen, dass ich das kann.

Deine aktuelle Bestzeit liegt bei 1:58,95 Minuten. Der österreichische Rekord von Stephanie Graf aus dem Jahr 2000 steht bei 1:56,64 – ist das ein realistisches Ziel?

Bredlinger: Auf jeden Fall. Ich halte den Rekord für erreichbar und die 1:56,64 sollten sich ausgehen, wenn das Training weiter qualitativ so gut läuft. Wir haben noch nicht alles ausgeschöpft – etwa noch kein Höhentrainingslager absolviert. Auch Gruppentrainings könnten helfen, ich trainiere meist allein. Demnach ist das durchaus realistisch, wann auch immer.

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Wenn du dieses Niveau erreichst – was ist bei Großereignissen möglich, wo es dann ja auch sehr viel um die taktische Komponente geht?

Bredlinger:Die Konkurrenz schläft ja auch nicht, wenn man sieht, was sich in den letzten zehn Jahren getan hat. Eine Zeit um 1:56 Minuten würde normalerweise fürs Finale reichen. Medaillenchancen gibt es dann eher im Bereich 1:54 – das sind derzeit die Siegerzeiten. Da müsste es dann noch ein Stück weitergehen.

Wie groß muss das Trainingspensum sein, um dieses Niveau zu erreichen?

Bredlinger: In einer ganz normalen Trainingswoche trainiere ich zwölfmal, also zweimal täglich außer am Sonntag. In Entlastungswochen gibt es ein, zwei Ruhetage mehr, aber im Schnitt sind es sechs Tage Training pro Woche.

Wie viel davon macht Spaß?

Bredlinger:Spaß ist nicht alles an dem Ganzen. Es sind Trainings dabei, da kannst du keinen Spaß dran haben (lacht). Aber ich weiß, warum ich es tue – und das motiviert mich. Es ist ein Privileg, meinen Sport auf diesem Spitzensportniveau ausüben zu dürfen.

Du hast früher sicher auch viel trainiert. Was hast du geändert, damit dieser zeitliche Sprung möglich war?

Bredlinger: Vom Pensum her nichts, das waren auch schon die zwölf Einheiten. Wir haben die Trainingsinhalte angepasst, haben die eine oder andere Komponente mehr dazugenommen, viel in Richtung VO2-max-Trainings gemacht, also sehr an der Intensität gefeilt.

VO2-max hört sich maximal intensiv an.

Bredlinger: Ja. Ganz genau das ist es – das sind Trainings, bei denen du danach nicht mehr gehen kannst. So auf die Art . . .

Caroline Bredlinger: „Ohne Sport kann ich nicht“

© ÖLV/@wolf.amri, amriphoto.com

Hobbysportler empfinden nach totaler Anstrengung und Verausgabung oft auch ein sehr gutes Gefühl. Wie ist es auf diesem Niveau?

Bredlinger: Das ist genauso. Es sind Trainings, bei denen du dann auch an den Zeiten sehen kannst, dass etwas weitergegangen ist - wenn du beispielsweise 400 Meter all out läufst, und nach einer kurzen Pause wieder 400 Meter all out. Dann siehst du gleich, wenn etwas weitergegangen ist. Diese direkte Bestätigung ist schon etwas sehr Cooles.

Du wirst als Athletin vom Sportpool Burgenland gefördert, bist aber aber auch Teil von Justiz Athleta – einer Spitzensportförderung des Justizministeriums. Hier gibt es die Ausbildung zur Justizwachebeamtin und die Möglichkeit deinen Sport professionell zu betreiben. Wie kam es dazu?

Bredlinger: Ich habe davon bei einer Sportlergala von Mario Schindler erfahren, der auch unser Sportlicher Leiter ist - und mich beworben. Jetzt habe ich einen Dreijahres-Vertrag mit Ausbildung – vier Wochen Theorie, zwei Wochen Praxis. Danach sind wir ausgebildete Justizwachebeamte und können trotzdem unseren Sport professionell betreiben.

Deine Mutter Uschi Bredlinger ist Obfrau des Laufteams Burgenland Eisenstadt, deine Trainerin und zugleich seit vielen Jahren eine sehr wichtige Bezugsperson. Wie entscheidend ist dieser Faktor für dich mit 24 Jahren nach wie vor?

Bredlinger: Sehr, da spielt das Alter keine Rolle. Ich fühle mich wohl, sie weiß genau, welche Schrauben man drehen kann. Solange das Training supergut läuft und die Leistungen passen, sehe ich auch keinen Grund das zu ändern. Ich habe einmal versucht, woanders zu trainieren, habe mich dort aber nicht wohlgefühlt. Solange alles gut läuft, möchte ich das auch so belassen.

Du bist dem Laufteam Burgenland Eisenstadt treu geblieben – warum?

Bredlinger: Weil einfach das Gesamtpaket passt: Die Unterstützung durch den Sportpool Burgenland, durch die Stadt, und das familiäre Umfeld im Verein. Ich bin seit meiner Kindheit dort, da fühlt sich ein Wechsel einfach falsch an.

Wie ist die private Caroline Bredlinger im Vergleich zu Caroline Bredlinger, die als Sportlerin im Rampenlicht steht?

Bredlinger: Schwierige Frage. Ich glaube ich bin daheim nicht viel anders – klarerweise bin ich meistens müde vom Training (lacht). Große Unterschiede gibt es aber nicht.

Bei der WM in Tokio wurdest du im Vorlauf Fünfte, hast den direkten Aufstieg nur um acht Hundertstel Sekunden verpasst und musstest danach die weiteren Läufe abwarten, ob es sich doch noch über die gelaufene Zeit für einen Platz im Semifinale ausgeht. Letztlich war das nicht der Fall - so viel zur sportlichen Ebene. Parallel kam in den nationalen und internationalen Medien deine persönliche Vergangenheit erneut zur Sprache. Du wurdest als 13-jähriges Mädchen am 31. Oktober 2014 zu Halloween von einem Mann in Großhöflein angeschossen. Es gab ein Gerichtsverfahren und eine Verurteilung – konkret eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten, sieben davon unbedingt. Die zahlreichen Teile des zersplitterten Projektils sind nach wie vor in deinem Körper. Du sprichst davon, dass dich die Schmerzen nach wie vor ständig begleiten. Hat dich das große Medienecho zu diesem speziellen Thema überrascht?

Bredlinger:Es hat mich überrascht. Ich war direkt nach dem Rennen mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, als mich plötzlich zwei internationale Reporter auf Englisch auf diese Geschichte angesprochen haben, dass ich dazu etwas sagen soll. In dem Moment war ich schon sehr perplex, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass das in der Situation jetzt Thema ist.

Wie sehr beschäftigt und beeinflusst dich dieses Ereignis heute noch?

Bredlinger: Im täglichen Tun eher weniger. Die Gedanken sind nicht ständig bei dem Thema, so wie es jetzt gerade etwa ist. Im Moment tut es nämlich weh. Im Sport spüre ich auch oft Schmerzen, dann denkt man daran - oder wenn man erinnert wird. Im Zuge meiner Praxisphase in der Justizanstalt geht man auch zu Gerichtsterminen mit. Wenn ich dann höre, was Leute für Strafen bekommen für Dinge, die meiner Meinung nach wesentlich weniger gewichtig sind, stellt man sich auch Fragen.

Die Schmerzen, die immer wieder aufkommen, betreffen das linke Bein. Kann man lernen damit zu leben?

Bredlinger: Auf jeden Fall, es bleibt auch nichts anderes über. Würde ich jeden Tag in Selbstmitleid versinken, bringt das genau nichts, schon gar nicht der sportlichen Entwicklung. Manchmal ist die Frustration da, das kann ich nicht abstreiten. Vor ein paar Monaten gab es wieder einen Moment, in dem die Tränen gekommen sind, weil mir alles zu viel war und im Training die Schmerzen da waren. Man lernt damit zu leben.

Ärgerst du dich manchmal darüber, was ohne diesen Vorfall sportlich möglich gewesen wäre?

Bredlinger: Manchmal vielleicht. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Ich will das auch nicht in die Waagschale legen und sagen: Ich bin angeschossen worden und muss deswegen megastolz sein. Ich will aber auch nicht in die andere Richtung denken, sondern sehe mich einfach als normale Sportlerin.

Ist es für dich okay, wenn Menschen dich weiterhin auf dieses Thema ansprechen?

Bredlinger: Natürlich. Ich habe kein Problem damit, ich erzähle darüber, es ist mir egal. Ich hoffe aber, dass ich mit meiner Geschichte motivieren kann, wenn jemand vielleicht ein ähnliches Problem hat.

Du bist erst 24 – was kann man sich in den nächsten Jahren von dir erwarten?

Bredlinger: Ich hoffe, dass ich noch einige Jahre auf internationaler Bühne laufen kann – die Olympischen Spiele 2028 sind auf jeden Fall ein Ziel. Danach wird man sehen.

Die Möglichkeit, dass du ein „ganz normales Leben“ haben wirst, gibt es?

Bredlinger:Auf jeden Fall. Wann das ist, weiß ich nicht. Leistungssport mache ich sicher nicht ewig, aber das Laufen und der Sport werden immer ein Teil meines Lebens sein, weil ich einfach ohne dem nicht kann.

Wissenswertes zu Caroline Bredlinger

Der 24-jährigen Athletin des Laufteams Burgenland Eisenstadt gelang 2025 ein internationaler Quantensprung über 800 Meter.

Bereits Anfang des Jahres war sie für die Hallen-EM in Apeldoorn (Niederlande) sowie für die Hallen-WM in Nanjing (China) qualifiziert. Beide Male machte sie in ihren Vorläufen gute Figur und verpasste nur knapp die Quali für das Semifinale.

Im Zuge der startenden Freiluftsaison durchbrach die Trausdorferin dann bei der Track Night Vienna mit 1:59,83 erstmals die Schallmauer von 2:00:00 Minuten und qualifizierte sich bei der Team-EM in Maribor mit 1:58,95 Minuten auch noch mit dem unterbotenen Zeitlimit von 1:59:00 direkt für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Japan.

Beim Antritt in Tokio fehlten ihr wiederum nur acht hundertstel Sekunden auf das Semifinale. Insgesamt hat Caroline Bredlinger das mit Abstand erfolgreichste Jahr ihrer Karriere hinter sich.