„Es gäbe leicht genug für alle, wenn wir nur gerecht teilen würden“
Talk der Woche
Was in der „Corona-Zeit“ begann, wurde zu einer der größten Hilfsorganisationen des Burgenlandes. Die „Karawane der Menschlichkeit“ hat mittlerweile mehr als 500.000 Euro gesammelt. Das neue Projekt führt Pascal Violo in den Libanon.
Pascal Violo war als Reisefotograf unterwegs, als Corona kam. Diese Arbeit war plötzlich nicht möglich und so hatte der Güssinger Zeit, sein Herzensprojekt umzusetzen
© Pascal Violo
Pascal, wie ist die Idee zur „Karawane der Menschlichkeit“ entstanden?
Pascal Violo: Ich wollte immer schon meinen Beitrag zu einer gerechteren Welt leisten und hab auch früher schon öfters Spendensammlungen organisiert. Aber das hat mir nicht mehr gereicht. Ich wollte mehr tun und auch vor Ort „mitanpacken“. Als ich corona-bedingt deutlich weniger Arbeit hatte, da alle meine Veranstaltungen und Vorträge abgesagt waren, hatte ich endlich die Zeit meine Vision umzusetzen und habe die „Karawane“ gegründet um Menschen in Not zu helfen.
Was war dein persönlicher Antrieb, sich in diesem Ausmaß für Menschen in Not einzusetzen?
Pascal Violo: Für mich steckt alles in diesem Spruch von Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir für die Welt wünscht“. Ich wünsche mir eine Welt mit mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Eine Welt, in der jeder die gleichen Chancen hat und niemand wegen seiner Herkunft diskriminiert wird. Eine Welt, in der Solidarität die Norm und nicht die Ausnahme ist. Und für all das versuche ich meinen kleinen persönlichen Beitrag zu leisten und hoffe, dass meine Vision eines Tages Realität wird.
Kannst du dich noch an das erste Hilfsprojekt erinnern? Wie hat alles angefangen?
Pascal Violo: Ich kann mich noch sehr gut an das erste Hilfsprojekt erinnern. Als ich in den Nachrichten die Bilder vom brennenden Flüchtlingslager Moria sah, habe ich sofort am nächsten Tag begonnen alle Hebel in Bewegung zu setzen. Eigentlich war der Plan einen Kofferraum voller Schlafsäcke und Decken mitzunehmen und im Endeffekt wurde es ein Lkw mit 12.000 Kg Hilfsgüter, die wir dann auf Lesbos an die Menschen in Not verteilen konnten.
Dein Verein hat mittlerweile über 500.000 Euro an Spenden gesammelt und Tonnen an Hilfsgütern transportiert. Wie gelingt es, so viele Menschen für die Mission zu mobilisieren?
Pascal Violo: Es gelingt uns zum Glück nach wie vor, bei jedem unserer Hilfsprojekte viele Menschen zu erreichen, die dann ihre Mithilfe anbieten. Ich denke, es werden so 50 Menschen über ganz Österreich verteilt sein, die pro Projekt für viele Wochen aktiv mithelfen. Anders wären das auch nicht zu schaffen.
Wie stellt man sicher, dass jeder gespendete Euro dort ankommt, wo er gebraucht wird?
Pascal Violo: Wir haben mittlerweile in unseren Zielländern sehr gute und äußerst verlässliche Partnerorganisationen, mit denen wir ständig in Kontakt sind und wir besuchen unsere Haupt-Zielländer auch mindestens einmal pro Jahr persönlich, kaufen selbst vor Ort Lebensmittel für die Verteilungen ein, übergeben selbst die Löhne für die Lehrerinnen und bezahlen selbst die Mieten für die Schulen, die wir betreiben. Es ist uns extrem wichtig, dass die Spendengelder bei denen ankommen, die es wirklich benötigen, da sie in bitterster Not leben. Daher bezahlen die Mitreisenden auch alle Reisekosten selbst und die Spenden fließen zu 100 Prozent an Menschen in Not.
Deine Projekte führen dich in Länder, wo Geflüchtete unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Wie hast du die Situation vor Ort erlebt?
Pascal Violo: Es ist jedes Mal unendlich traurig zu sehen, wie manche Menschen leben müssen. Wie unglaublich hart ihr Alltag ist und dass Essen, Bildung und ein Dach über dem Kopf für sehr viele Menschen keine Selbstverständlichkeit sind. Wir versuchen das ein kleines bisschen zu ändern.
Die humanitäre Krise ist kein lokales, sondern ein globales Problem. Welche Entwicklungen bereiten dir derzeit am meisten Sorgen?
Pascal Violo: Es gäbe leicht genug für alle, wenn wir gerecht teilen würden. Meine größte Sorge ist, dass sich die Gesellschaft in eine Richtung entwickelt, wo viele immer mehr besitzen und immer weniger teilen möchten.
Wie erlebst du die europäische Migrationspolitik? Welche Veränderungen wären aus deiner Sicht notwendig?
Pascal Violo: Ich erlebe es aktuell als eine „neue Härte“. Viele übertrumpfen sich in Aussagen, die immer menschenfeindlicher werden. Aus meiner Sicht braucht es viel mehr Solidarität, Menschlichkeit und Empathie.
Gibt es eine Begegnung mit einem Geflüchteten, die dich besonders berührt hat?
Pascal Violo: Da gibt es ganz viele. Nach jedem Projekt bleiben zahlreiche Begegnungen, die ganz tief ins Herz gehen. Wo man dann weiß, wofür wir diese ganze unendlich viele Arbeit machen. Wenn wir hören, dass die Kinder in unserer Schule im Libanon die ersten nach drei Generationen sind, die wieder schreiben und lesen lernen können. Oder wenn uns die syrischen Mütter nach einem besonders harten Winter erzählen, dass wegen unserer Heizöllieferungen in diesem Winter erstmalig keine Kinder erfrieren mussten. Das geht einem sehr nahe.
Was sind die nächsten Ziele der „Karawane der Menschlichkeit“? Gibt es schon Pläne für neue Hilfsprojekte?
Pascal Violo: Wir haben schon sehr konkrete Pläne. Ab dem 23. April werden in unseren acht burgenländischen Sammelstellen wieder Hilfsgüter gesammelt, die wir dann im Mai/Juni im Libanon an Menschen verteilen, die im Krieg alles verloren haben. Im Libanon, einem Land inmitten tiefgreifender politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen, leben viele geflüchtete Kinder in überfüllten Camps, prekären Ghettos und improvisierten Schulen. Dennoch ist das der triste Alltag der Kinder – und hier setzt die Karawane der Menschlichkeit an. Im Juni reist ein Hilfsteam in den Libanon, um mit einem bunten, ehrenamtlichen Team aus Clowns, Künstler:Innen und freiwilligen Helfer:innen direkt vor Ort zu wirken. Dabei stehen nicht nur die Verteilung dringend benötigter Sachspenden im Fokus, sondern auch das Schenken von Lebensfreude. Mit humorvollen Clownshows, liebevoll inszenierten Darbietungen und gemeinsamen Mal-Workshops bringt die Karawane den Kindern Momente des Lachens und der Hoffnung in ihren oft grauen Alltag.
Die Aktion unterstreicht, dass inmitten von Krisen auch Augenblicke der Freude und des Zusammenhalts möglich und wichtig sind. Unterstützt werden sollen die Projekte durch gut erhaltene Sachspenden wie Kleidung, Schulmaterial und Hygieneartikel – aber auch durch Geldspenden, die beispielsweise den Transport und die Versorgung direkt vor Ort ermöglichen. Alle Spenden werden persönlich übergeben und erreichen die betroffenen Menschen direkt.