Kuratorin Katrin Unterreiner: „Das ist mitunter wahre Detektivarbeit“
Talk der Woche
Die Kunsthistorikerin Katrin Unterreiner zählt zu den profundesten Kennerinnen des Hauses Habsburg und kuratiert seit sechs Jahren Ausstellungen auf Schloss Halbturn. Ein Gespräch über frühe Prägungen, die Faszination für das Imperiale – und über das kuratorische Gespür, das Geschichte lebendig werden lässt.
Katrin Unterreiner kuratiert seit 2019 die Jahresausstellungen auf Schloss Halburn.
© Katharina Stögmüller
Mit einem feinen Gespür für historische Zusammenhänge und einem besonderen Interesse für die privaten Seiten der Monarchie hat Katrin Unterreiner in zahlreichen Publikationen und Ausstellungen neue Blickwinkel auf die einst mächtigste Dynastie Europas eröffnet.
Seit vielen Jahren kuratiert sie die Sommerausstellungen auf Schloss Halbturn – jenem barocken Landsitz im Bezirk Neusiedl am See, der selbst tief mit der Geschichte der Habsburger verbunden ist.
Im Mittelpunkt der heurigen Schau „Verborgene Schätze aus dem Hause Habsburg“ stehen erstmals gezeigte Exponate aus dem Besitz der Nachkommen Erzherzog Rainers. Die Ausstellung gewährt von 30. April bis 2. November intime Einblicke in das Alltagsleben der kaiserlichen Familie fernab des Wiener Hofes und erzählt bislang unbekannte Geschichten zwischen Politik, Leidenschaft und persönlichen Schicksalen.
BVZ: Frau Unterreiner, erinnern Sie sich an den Moment, in dem für Sie feststand, dass Sie Kunstgeschichte studieren möchten?
Katrin Unterreiner: Ja, ich war nach der Matura für fast ein Jahr in Paris und danach war die Entscheidung klar - allerdings habe ich parallel mit der Fremdenführer-Ausbildung begonnen, da Kunstgeschichte ein bisschen den Beigeschmack eines Studiums für „höhere Töchter und Pensionisten“ hatte - und da beides nicht auf mich zutraf dachte ich mir, ich muss zur Sicherheit auch etwas „Praktisches“ machen, wovon ich „im Notfall“ leben kann...
Was hat Sie in Ihrer Studienzeit besonders geprägt – waren es bestimmte Themen, Persönlichkeiten oder Orte?
Das Studium ist ja äußerst vielfältig und da kann man sich am Beginn noch gar nicht spezialisieren - erst relativ spät habe ich diese Faszination für Ikonografie und mittelalterliche Kunst entwickelt - eine Spezialisierung die zwar spannend, aber nicht sehr berufstauglich war... Den Ausgleich habe ich dann mit meinem zusätzlichen Geschichte-Studium erreicht, bei dem ich mich dann zwar auf österreichische Geschichte, aber keine spezielle Epoche konzentriert habe.
Sie haben sich früh auf das Haus Habsburg spezialisiert. Was hat Ihr Interesse an dieser Dynastie geweckt?
Das war - wie so vieles im Leben - ein Zufall. Ich habe damals eine Blindbewerbung an das Schloss Schönbrunn geschickt und hatte das große Glück, dass tatsächlich genau in dem Moment jemand für die wissenschaftliche Abteilung gesucht wurde. Und so ergab sich die Spezialisierung auf die Habsburger.

© Beatrix Lehner
Welche Rolle spielt die emotionale Nähe zu historischen Persönlichkeiten in Ihrer Arbeit – oder anders gefragt: Wie gelingt es Ihnen, Nähe zuzulassen, ohne die notwendige Distanz zu verlieren?
Es gibt keine emotionale Nähe zu den Personen über die ich arbeite! Die Distanz muss immer gewahrt sein, sonst wäre die Arbeit niemals neutral und wertfrei - und dabei geht es ja für mich als Historikerin bei der Auseinandersetzung mit historischen Personen.
Als Kuratorin haben Sie bereits zahlreiche Ausstellungen konzipiert. Worin liegt für Sie die größte Herausforderung bei der Auswahl und Präsentation historischer Exponate?
Ich empfinde es als echtes Privileg, Ausstellungen kuratieren zu können. Es macht mir ehrlich gesagt große Freude, mir neue Themen zu überlegen und gleichzeitig nachzudenken und zu recherchieren, ob und wo es Exponate geben könnte, um die Geschichte auch anschaulich und spannend erzählen zu können. Das ist mitunter wahre Detektivarbeit. Man lernt so viele unterschiedliche Menschen kennen - es ist ja auch eine Frage des Vertrauens, ob einem Sammler oder Nachfahren der Habsburger Objekte anvertrauen, die ihnen am Herzen liegen.

© Julia Peev
Wann und wie hat die Zusammenarbeit mit dem Schloss Halbturn begonnen?
Das war 2019 im Zuge eines Forschungsprojektes an dem ich mitgearbeitet habe, bei dem es um den Fotografen Moriz Nähr ging, der als Fotograf für Erzherzogin Isabella gearbeitet hat. Im Zuge meiner Recherchen habe ich damals Kontakt mit dem Schloss Halbturn aufgenommen und daraus ergab sich schließlich auch unsere erste Zusammenarbeit in Form einer Ausstellung über die Kleider der Kaiserin Elisabeth.
Schloss Halbturn ist ein besonderer Ort mit kaiserlicher Geschichte. Wie würden Sie die Atmosphäre dort beschreiben – und wie wirkt sich diese auf Ihre Arbeit aus?
Die Atmosphäre ist wirklich etwas ganz besonderes und einzigartiges und inspiriert mich jedes Jahr aufs Neue! Es ist aber nicht nur ein geschichtsträchtiger, sondern ein lebendiger Ort! Es gibt ja nicht nur die jährliche Ausstellung, sondern Konzerte, Lesungen, große Veranstaltungen und nicht zuletzt ein herrliches Restaurant. Das macht das Schloss zu einem vielseitigen Treffpunkt.

© Beatrix Lehner
Die diesjährige Ausstellung „Verborgene Schätze aus dem Hause Habsburg“ zeigt erstmals bislang unveröffentlichte Exponate aus dem Besitz der Familie Erzherzog Rainer. Wie gelang es Ihnen, Zugang zu diesen privaten Beständen zu erhalten?
Ich beschäftige mich ja schon seit vielen Jahren mit diesem Thema und daher freut es mich umso mehr, dass wir es heuer mit so vielen echten Highlights aus Privatbesitz realisieren konnten. Da ich mich ja schon so lange mit den Habsburgern beschäftige und mich viele Nachkommen seit vielen Jahren bei meiner Arbeit unterstützen, ist es mir auch mit ihrer Unterstützung gelungen, einige Nachfahren kennenzulernen und sie von unserer Idee, dieser Linie des Hauses Habsburg eine Ausstellung zu widmen, zu überzeugen. Ich freue mich natürlich sehr über dieses Vertrauen, denn sonst könnten wir nicht erstmals so viele einzigartige Exponate zeigen.
Welcher Aspekt dieser Ausstellung war für Sie persönlich am überraschendsten – sei es inhaltlich, emotional oder kuratorisch?
Bei Ausstellungen geht es natürlich immer auch um Emotionen. Daher war es mir wichtig nicht nur die außergewöhnliche Liebesgeschichte Erzherzog Heinrichs und Leopoldine Hofmanns zu erzählen - die ja ausnahmsweise gut ausgegangen ist - sondern auch das krasse Gegenteil zu thematisieren. Auch Heinrichs Bruder Erzherzog Ernst hat sich in eine nichtstandesgemäße Frau verliebt und hatte mit ihr vier Kinder, aber seine Geschichte wurde zu einem der größten Dramen im Hause Habsburg. Sie zeigt das „beinharte Gesicht“ des Wiener Hofes und ist in ihrer Vehemenz inklusive Gerichtsverfahren doch überraschend.
Viele der gezeigten Objekte erzählen vom Alltagsleben, von Reisen, Festen, aber auch von politischen Ambitionen. Was verraten sie über die weniger bekannte Seite des Kaiserhauses?
Ich möchte in meinen Ausstellungen immer neben dem offiziellen, repräsentativen Leben der Habsburger vor allem die Menschen hinter ihrer Rolle zeigen. Was waren ihre Sorgen, Ängste, Nöte - oder auch ihre glücklichen Momente? Gerade in dieser Ausstellung geht es immer wieder auch um Standesdünkel - und starke Frauen, die dagegen angekämpft haben.

© Beatrix Lehner
Besonders berührend ist die schon oben angesprochene Geschichte von Erzherzog Heinrich und Leopoldine Hofmann. Wie haben Sie diese Liebesgeschichte recherchiert – und wie setzen Sie sie ausstellungstechnisch in Szene?
Zu dieser wirklich außergewöhnlichen Geschichte gibt es Gott sei Dank viele Quellen, weil sie auch schon damals für viel Aufsehen gesorgt hat. Wie wir das in der Ausstellung umgesetzt haben? Kommen Sie und schauen Sie sich das an...
Gibt es ein Exponat, das Ihnen besonders am Herzen liegt – und wenn ja, warum?
Das ist bei der heurigen Fülle an wirklich tollen Exponaten sehr schwer zu beantworten. Aber ein Objekt hat mich wirklich besonders berührt und überrascht. Die Habsburger haben ja bekanntlich überwiegend aus politischen Gründen geheiratet - Emotionen haben da keine Rolle gespielt. Für Erzherzoginnen war es dann die wichtigste Aufgabe, Kinder zu bekommen, um die sich in der Regel Ajas - also „Nannys“ gekümmert haben. Daher ist ein kleines Armband, das Erzherzog Rainer seiner Frau Elisabeth geschenkt hat etwas ganz Berührendes, da es mit kleinen Steinen besetzt ist - für jedes Kind kam ein Stein dazu. Es zeigt, dass es auch Ausnahmen geben konnte und Kinder nicht nur Pflichterfüllung, sondern jedes dieser Kinder echte Freude, Emotion und Liebe bedeutet hat.

© Schloss Schönbrunn Kultur-und Betriebs GmbH/Koller
Was wünschen Sie sich, dass Besucherinnen und Besucher aus dieser Ausstellung mitnehmen?
Wir möchten unsere Besucher mit auf eine Reise nehmen, sie unterhalten, überraschen und wenn am Ende das ein oder andere „Oh“ oder „Aha- das hab ich ja gar nicht gewusst, das ist ja interessant“ steht, freut uns das natürlich.
Und abschließend: Welchen historischen Irrtum über die Habsburger würden Sie gerne ein für alle Mal korrigieren?
Oh, da gibt es so viele - da habe ich noch viele Ideen für viele Ausstellungen...
Verborgene Schätze aus dem Hause Habsburg
Ausstellung von 30. April bis 2. November 2025 auf Schloss Halbturn
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10:00 bis 17:00 Uhr
Mehr unter:https://schlosshalbturn.com/ausstellung