Mit 54 zum Lehrabschluss: Diese Geschichte macht Mut
Verein „Koryphäen“
Der sozialökonomische Verein „Koryphäen“ in Neusiedl am See unterstützt am zweiten Bildungsweg. Derzeit gibt es sechs offene Lehrstellen.
Biljana Barisic hat ihren Lehrabschluss mit 54 Jahren gemacht. Mit ausgezeichnetem Erfolg!
© Birgit Böhm-Ritter
„Es ist nie zu spät zu lernen“, sagt Sandra Meidlinger. Sie ist seit knapp zwei Jahren Geschäftsführerin des sozialökonomischen Vereins „Koryphäen“, der unter anderem (Langzeit-)Erwerbslose beim (Wieder-)Einstieg in die Arbeitswelt unterstützt. In einem Gespräch mit der BVZ berichtet sie über die Möglichkeiten, bei den „Koryphäen“ einen Lehrabschluss nachzuholen. Denn „mit einem Abschluss, verbessern sich auch die Perspektiven am Arbeitsmarkt“, bestätigt Petra Beidl, Geschäftsstellenleiterin des Arbeitsmarktservices in Neusiedl am See.
Am Weg zum Lehrabschluss auf dem zweiten Bildungsweg bieten die „Koryphäen“ in Neusiedl am See eine „Rundumbetreuung“. So unterstützt man bei der Anmeldung zur Lehrabschlussprüfung beim WIFI, übernimmt die Kosten für den Vorbereitungskurs und die Prüfungsgebühr. „Wir motivieren und stärken die Personen aber auch, denn meistens gab es schwerwiegende Probleme, warum sie ihre Ausbildung abgebrochen haben.“ Etwa gesundheitliche Schwierigkeiten, Mobbing, die falsche Berufswahl oder Prüfungsangst. „Jeder hat seine eigene Geschichte“, weiß Meidlinger. „Wir schauen, wo die Probleme sind und helfen dort, wo es notwendig ist.“
Trotz Jobverlust mit 50+ zum Erfolg
Biljana Barisics Geschichte ist eine Geschichte der Flucht, die während des Jugoslawien-Kriegs in Österreich endete. Ihre im heutigen Kroatien abgeschlossene Ausbildung wurde in Österreich nicht anerkannt. Für die vielen Prüfungen, die sie nachholen hätte müssen, hatte sie damals keine Kraft – auch der sprachlichen Defizite wegen. Trotzdem konnte sie Fuß fassen und arbeitete jahrzehntelang im Outlet Center im Verkauf. Bis Corona kam. Eine Kündigungswelle traf auch sie. Mit 50+.
Es folgte ein Jahr in der Arbeitslosigkeit, bis sie die Möglichkeit bekam, bei den „Koryphäen“ anzufangen. „Die damalige Chefin Eva Steindl fragte, mich, ob ich den Lehrabschluss nachholen wolle“, erzählt Barisic der BVZ. Ihre erste Antwort: „Mit 54 Jahren? Sicher nicht!“ Sie ließ sich schließlich doch überreden. Heute ist sie stolz, einen Abschluss als Einzelhandelskauffrau vorweisen zu können. Gleich nach dem Abschluss hat sie einen Job beim Samariterbund im SamLaKids Shop und Café in Neusiedl am See gefunden.
„Jeder, der die Chance hat, bei den Koryphäen einen Abschluss machen zu können, sollte die Möglichkeit nutzen“, sagt sie. Hier bekomme man so viel Unterstützung wie sonst nirgends. Biljana lobt die persönliche Betreuung und die familiäre Atmosphäre.

© Birgit Böhm-Ritter
Bei den „Koryphäen“ ist man im Rahmen dieses Programms nicht als Lehrling, sondern als Transitarbeiter angestellt. Dementsprechend wird man auch nach dem Kollektivvertrag bezahlt. Während der Arbeitszeit bekommen die Auszubildenden auch Unterstützung beim Lernen. Etwa vier bis sechs Stunden in der Woche wird der Lernstoff gemeinsam gebüffelt. Der Rest muss zu Hause erledigt werden.
Zweite Chance für die Karriere
Seit der Corona-Pandemie ist das Interesse an den Lehrstellen bei den Koryphäen zurückgegangen. „Vielleicht weiß man in der Bevölkerung einfach zu wenig Bescheid über diese Möglichkeit“, vermutet Petra Beidl und im Nachsatz: „Ältere Menschen trauen sich das Nachholen eines Lehrabschlusses oft auch nicht zu.“
Dabei haben die „Koryphäen“ schon mit allen Altersgruppen gute Erfahrungen gemacht. Die gängigsten Ausbildungen sind Bürokauffrau/-mann und Einzelhandelskaufmann/-frau, aber selbst beim Abschluss zur Mechatronikerlehre konnten sich die „Koryphäen“ schon helfend beweisen. Voraussetzung für die Aufnahme in das Programm ist das vollendete 18. Lebensjahr und mindestens eineinhalb Jahre Berufserfahrung oder mindestens ein erfolgreich abgeschlossenes Lehrjahr.
Biljana Barisic: Von der Arbeitslosigkeit zum Traumjob
Für Biljana Barisic hat sich das Blatt zum Guten gewendet. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, leuchten ihre Augen. Seit mittlerweile drei Jahren ist sie für Kaffeehaus und Shop des Samariterbunds, untergebracht im Sozialmarkt „Sonnenmarkt“, verantwortlich. Dort kann sie das zurückgeben, was ihr durch die „Koryphäen“ entgegengebracht worden ist. Empathie und Wertschätzung. „In unser Café kommen die Menschen nicht nur, um Kaffee zu trinken. Viele wollen auch einmal über ihre Probleme reden.“ Biljana leiht ihnen gerne ihr Ohr und übt so ein Stück weit auch eine Sozialarbeiterfunktion aus.
Der Kontakt zum Verein „Koryphäen“ ist nie abgebrochen. Im Gegenteil, es gibt eine rege Zusammenarbeit: „Koryphäen“ und SamLaKids führen beide einen Secondhand-Shop. „Da unterstützen wir uns gegenseitig“, erzählt Barisic.
Interessenten für eine Lehre am zweiten Bildungsweg können sich bei den „Koryphäen“ (Telefon: 02167 / 3597; office@koryphaen.eu) oder beim Arbeitsmarktservice (Telefon: 050 904 140; ams.neusiedl@ams.at) melden.