Lukas Pallitsch: Wenn Literatur zum Denkraum wird
Von Sport zu Wissenschaft
Der Oggauer Literaturwissenschaftler und Theologe Dr. Lukas Pallitsch verbindet in den „Literarischen Zukunftsgesprächen“ Wissenschaft, Literatur und gesellschaftliche Fragen. Am 1. Oktober geht es im Neusiedler „Weinwerk Burgenland“ um die Freiheit, im Dezember um das Weihnachtsevangelium.
Univ.-Prof. Dr. Lukas Pallitsch: Sein Herz schlägt für Literatur und Religion. Um diese Themen einem breiten Publikum zugänglich zu machen, hat er Formate wie die „Literarischen Zukunftsgespräche“ und Bibelwanderungen ins Leben gerufen.
© zVg
Was bedeutet Freiheit? Wie lernen Menschen, mit ihr umzugehen? Und was braucht eine Gesellschaft, damit unterschiedliche Meinungen nicht sofort zu unüberbrückbaren Gegensätzen werden? Fragen wie diese sind notwendig und manchmal unbequem. Dr. Lukas Pallitsch möchte sie nicht nur im geschützten akademischen Raum behandeln, sondern dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen: mitten im Burgenland.
Der Oggauer Literaturwissenschaftler und Theologe hat im vergangenen Jahr die „Literarischen Zukunftsgespräche“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Katholischen Erwachsenenbildung der Diözese Eisenstadt bringt er dafür Universitätsprofessorinnen und -professoren aus Wien nach Neusiedl am See. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt: jeweils ein Buch, ein literarischer oder biblischer Text und eine Frage, die diesen entspringt.
„Wissenschaft und gesellschaftliche Zukunftsfragen gehören nicht in den Elfenbeinturm, sondern mitten unter die Menschen“, sagt Pallitsch. Es gehe darum, ohne akademisches Vorwissen mitdenken, mitdiskutieren und neue Perspektiven gewinnen zu können.
Dass Pallitsch heute Wissenschaft und gesellschaftliche Fragen miteinander verbindet, war keineswegs vorgezeichnet. Aufgewachsen ist er in Oggau, heute lebt er vor allem in Parndorf, am Wochenende in Oggau. Zunächst gehörte seine große Leidenschaft allerdings dem Sport. Pallitsch verschrieb sich dem Leistungssport, war als Mittelstreckenläufer erfolgreich, wurde österreichischer Meister und nahm auch an internationalen Großereignissen wie Europameisterschaften teil.
Bis 2014 bestimmte der Sport sein Leben. Danach schlug er einen neuen Weg ein: Er studierte in Wien Theologie und Literaturwissenschaften und promovierte in Literaturwissenschaft in Berlin. Es folgte wissenschaftliches Arbeiten an der Humboldt-Universität. Schließlich zog es ihn zurück ins Burgenland.
Pallitsch unterrichtete am Gymnasium Wolfgarten in Eisenstadt, war an der Pädagogischen Hochschule tätig und arbeitete als Fachinspektor für Religion, ehe er an der Universität Wien eine Stelle als Universitätslektor erlangte.
Heute treffen in seiner Arbeit zwei Welten aufeinander: Theologie und Literatur. Genau diese Verbindung bildet auch das Fundament seiner „Literarischen Zukunftsgespräche“.
Der nächste Abend, am 1. Oktober um 19 Uhr im Weinwerk in Neusiedl am See, widmet sich einem Wort, das jeder kennt und das trotzdem schwer zu definieren ist: Freiheit.
Zu Gast ist Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Andrea Lehner-Hartmann, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Ausgangspunkt des Abends ist Lea Ypis autobiografisches Buch „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“. Ypi erzählt darin von ihrem Aufwachsen im poststalinistischen Albanien und damit auch von der Erfahrung, was Freiheit bedeutet, wenn sich die gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend verändern.
Daraus ergeben sich Fragen, die hochaktuell sind: Wie wird Freiheit erlernt? Welche Bedeutung hat Bildung dafür? Wie entwickelt sich Urteilsfähigkeit? Und was braucht es, damit Freiheit nicht nur als persönliches Recht verstanden wird, sondern auch als Verantwortung gegenüber anderen?
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend polarisiert geführt werden, sieht Pallitsch in der Literatur einen besonderen Zugang. Ein guter literarischer Text zwingt dazu, sich auf Situationen und Menschen einzulassen, die man nicht einfach auf ein Schlagwort reduzieren kann.
„Literatur bietet einen besonderen Zugang, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen“, sagt Pallitsch. Sie erzählt von menschlichen Grunderfahrungen, Konflikten und Hoffnungen, und führt ein Dilemma mit seiner ganzen Tragweite vor Augen. Das Ziel ist dabei nicht, am Ende eine einzige richtige Antwort zu präsentieren. Vielmehr soll das Denken in Bewegung kommen.
„Ein großes Anliegen ist, dabei verständlich zu sein“, sagt Pallitsch. Fachjargon solle weitgehend vermieden werden. Dafür dürfe der eigene Denkhorizont ruhig ein Stück größer werden, und vielleicht auch die Fähigkeit zur Empathie wachsen.
Besonders spannend dürfte auch der 3. Dezember werden. Dann steht das Weihnachtsevangelium nach Lukas (Lk 2,1–21) im Mittelpunkt. Univ.-Prof. Martin Stowasser, Theologe und Bibelwissenschaftler, wird sich mit dem Text beschäftigen.
Ein Text, den viele Menschen seit Kindheit kennen. Maria und Josef, die Reise nach Bethlehem, die Geburt Jesu, die Hirten. Doch was passiert, wenn man dieses vertraute Evangelium einmal nicht nur als Weihnachtsgeschichte liest, sondern als Text seiner Zeit und zugleich fragt, was er Menschen heute noch erzählen kann?
Genau hier setzt Pallitschs Konzept an: Vertrautes neu betrachten, andere Blickwinkel kennenlernen und Texte nicht als etwas Abgeschlossenes behandeln, sondern als Ausgangspunkt für ein Gespräch über die Gegenwart.
Auch danach bleibt die Reihe literarisch und gesellschaftlich vielseitig.
Am 4. Februar 2027 spricht Univ.-Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder, Germanist an der Universität Wien, über Michael Stavaričs Roman „Gotland“. Am 9. April 2027 folgt Univ.-Prof.inDr.in Regina Polak aus dem Bereich Werte- und Religionsforschung mit Ilija Trojanows „Nach der Flucht“.
Die ersten beiden Abende stießen auf große Resonanz, bestätigt Lukas Pallitsch. Zum Auftakt sprach Prof. Martin Jäggle über Amos Oz’ Roman „Judas“, danach widmete sich Prof. Wolfgang Treitler einem weiteren literarischen Zugang zu gesellschaftlichen und religiösen Fragen.
Dabei soll die Atmosphäre bewusst alles andere als akademisch-distanziert sein. Nach den Gesprächen kann man im „Weinwerk“ bei einem Glas regionalem Wein weiterreden, mit den Vortragenden und Pallitsch ins Gespräch kommen oder einfach mit anderen Besuchern über das Gehörte diskutieren. Der MartinsShop begleitet die Veranstaltungen mit einem passenden Büchertisch.
Der Eintritt erfolgt auf Basis einer freien Spende, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Dass Pallitsch nach neuen Wegen sucht, um Texte mit der Gegenwart zu verbinden, zeigt sich auch bei einem weiteren Projekt: den Bibelwanderungen in Jois.
Dabei wird die Bibel nicht im Seminarraum, sondern in der Natur erkundet. Eine erste Wanderung beschäftigte sich bereits mit dem Buch Exodus. Die nächste widmet sich dem Buch der Psalmen. Auch hier geht es darum, biblische Texte nicht als ferne historische Dokumente zu behandeln, sondern sie mit Fragen und Erfahrungen der heutigen Zeit in Verbindung zu bringen.
Lukas Pallitschs Anliegen ist es, dass Texte nicht nur gelesen, sondern erlebt, hinterfragt und miteinander besprochen werden. Denn die großen Fragen der Menschheit verlieren auch nach zweitausend Jahren nichts von ihrer Aktualität.
Alle Veranstaltungen finden im Weinwerk, Obere Hauptstraße 31, 7100 Neusiedl am See, statt. Eintritt: freie Spende. Keine Anmeldung erforderlich.
Literarische Zukunftsgespräche
1. Oktober 2026, 19 Uhr: Andrea Lehner-Hartmann über Lea Ypi, „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“
3. Dezember 2026, 19 Uhr: Martin Stowasser über das Weihnachtsevangelium (Lk 2,1–21)
4. Februar 2027, 19 Uhr: Wynfrid Kriegleder über Michael Stavarič, „Gotland“
9. April 2027, 19 Uhr: Regina Polak über Ilija Trojanow, „Nach der Flucht“