3:3 in Minute 96! Kalajdzic rettet Österreich das Sechzehntelfinale

Aufstiegskrimi

Last-Minute-Ekstase: Sasa Kalajdzic köpft Österreich in der 96. Minute zum 3:3 gegen Algerien – und ins Sechzehntelfinale der WM.

Die WM-Reise geht für Österreich weiter - dank Sasa Kalajdzic. Der Ex-Admiraner trifft im letzten Moment für Österreich.

Die WM-Reise geht für Österreich weiter - dank Sasa Kalajdzic. Der Ex-Admiraner trifft im letzten Moment für Österreich.

© APA/GEORG HOCHMUTH, GEORG HOCHMUTH

Ausgerechnet Sasa Kalajdzic wird zum rot-weiß-roten WM-Retter – und hält Österreichs WM-Traum am Leben. „Ich bin froh, dass ich beitragen konnte, dass die Reise noch nicht zu Ende ist!“ Österreichs Nationalteam steht bei der Fußball-WM im Sechzehntelfinale. Die ÖFB-Auswahl erreichte in einem dramatischen Duell mit Algerien durch ein Tor von „Joker" Sasa Kalajdzic in der 96. Minute ein 3:3 und beendete damit die Gruppe J als Zweiter.

In der Runde der letzten 32 geht es nun am Donnerstag (21.00 Uhr MESZ) in Los Angeles gegen Spanien. Algerien stieg als einer der besten Gruppendritten auf und bekommt es in der K.o.-Phase mit der Schweiz zu tun.

„Unfassbar! So etwas habe ich in einem Fußballspiel noch nicht erlebt“, atmet Teamchef Ralf Rangnick auf. „Entscheidend ist, dass wir's geschafft haben!“

Marko Arnautovic (28.) und Marcel Sabitzer (55.) brachten die Österreicher in Führung, den Algeriern gelang dank Rafik Belghali (45.) und Riyad Mahrez (60.) zweimal der Ausgleich. Nach dem zweiten Tor von Mahrez (93.) schien Österreich bereits ausgeschieden zu sein, doch Kalajdzic köpfelte Österreich praktisch in letzter Sekunde ins Glück.

Die ÖFB-Equipe überstand erstmals seit 1982 die Gruppenphase einer WM und absolviert erstmals seit 1954 bei einem Weltturnier ein K.o.-Spiel - und das als klarer Außenseiter. Spanien gilt mit Topstar Lamine Yamal als einer der aussichtsreichsten Titelanwärter.

Teamchef Ralf Rangnick hatte Arnautovic zum ersten Mal bei dieser Endrunde in die Startelf beordert. Als Zehner agierte diesmal Romano Schmid, Konrad Laimer wurde am rechten Flügel aufgestellt. Personell war die ÖFB-Anfangsformation mit Ausnahme der Rochade Arnautovic für Sasa Kalajdzic identisch mit jener des Auftaktspiels gegen Jordanien (3:1).

Algeriens Nationaltrainer Vladimir Petkovic schenkte im Tor Oussama Benbot anstelle von Luca Zidane das Vertrauen, der bei Manchester City engagierte Linksverteidiger Rayan Ait-Nouri saß vorerst nur auf der Bank.

Das Match begann vor 69.045 Fans mit einer Trauerminute für die Erdbebenopfer in Venezuela, danach ließen es beide Teams ruhig angehen. Weitschüsse von Xaver Schlager (8.) und Ibrahim Maza (10.) verfehlten das Ziel deutlich. Gleich die erste gelungene Aktion in der gesamten Partie führte zum 1:0 für Österreich. David Alaba spielte einen Idealpass auf Arnautovic, der den Ball am nicht herauslaufenden Benbot vorbeispitzelte. Für den ÖFB-Rekordkicker war es der 49. Treffer im 136. Länderspiel.

Danach schalteten die Algerier einen Gang höher. Während das ÖFB-Team vor der Pause nur noch eine von Benbot zunichte gemachte Laimer-Chance (33.) und einen abgeblockten Schuss von Nicolas Seiwald (45.+2) zu bieten hatte, tauchten die Nordafrikaner deutlich öfter in der gegnerischen Gefahrenzone auf. Belghali schoss am langen Eck vorbei (32.), Maza traf das Außennetz (36.), und ein Versuch von Fares Chaibi an der Strafraumgrenze landete an der Stange (40.).

Das 1:1 zeichnete sich ab, es entsprang einer Mischung aus Pech und Unvermögen. Phillipp Mwene wollte einen zu weiten Pass der Algerier ins Out hoppeln lassen, der Ball prallte jedoch von der Cornerfahne zurück ins Feld. Mahrez nützte die Gelegenheit, das Spielgerät kam zu Belghali, der zunächst Xaver Schlager anschoss, danach Marcel Sabitzer und Alaba aussteigen ließ und wuchtig ins kurze Eck abschloss.

Rangnick reagierte zur Pause mit einem Dreifachtausch. Der angeschlagene Arnautovic sowie Xaver Schlager und Schmid blieben in der Kabine, eingewechselt wurden Michael Gregoritsch, Paul Wanner und Florian Grillitsch. Wohl auch dadurch kam mehr Ruhe ins Spiel, ehe Österreich wie schon in der ersten Hälfte praktisch aus dem Nichts zuschlug. Laimer setzte sich im Zweikampf mit Jaouen Hadjam durch und spielte flach in den Rückraum, wo Sabitzer mit einer überlegten Direktabnahme auf 2:1 stellte. Der Steirer erzielte im 101. Länderspiel sein 27. Tor und ist damit nun vor Andreas Herzog und Matthias Sindelar Siebenter in der ewigen ÖFB-Schützenliste.

Wie schon in der ersten Hälfte geriet Österreich nach der Führung in Bedrängnis. Houssem Aouar ließ Stefan Posch stehen, seinen Stanglpass verwertete Mahrez. Wenig später musste Alaba mit Muskelproblemen vom Platz. Ohne den Kapitän musste die ÖFB-Elf lange keine brenzlige Situation mehr überstehen, weil Algerien kein großes Risiko mehr nahm. Auch Österreich hielt sich im Finish zurück.

In den letzten Minuten gab es praktisch nur noch tristes Ballgeschiebe zu sehen. Zuschauer verließen das Stadion vorzeitig, gellende Pfiffe waren zu hören, doch plötzlich überschlugen sich die Ereignisse: Mahrez, von der ÖFB-Abwehr sträflich alleine gelassen, traf ins lange Eck und schien Österreich aus dem Turnier zu kegeln.

Alles schien schon vorbei! Beim letzten Verzweiflungsangriff der ÖFB-Elf köpfelte Gregoritsch für den kurz zuvor eingetauschten Kalajdzic auf, der per Kopf die Sechzehntelfinal-Teilnahme fixierte.

„Gefühlt bin ich irgendwie im Schock“, sagt Kalajdzic. Denn an WM-Luft war vor noch einigen Monaten nicht zu denken, als der Goalgetter wieder einmal wegen einer schweren Knieverletzung pausieren musste. Rangnick sprach in diesem Zusammenhang von einer „Traumgeschichte. Wenn uns allen jemand vor sechs Monaten gesagt hätte, dass er überhaupt dabei ist im Kader und dann jetzt dieses entscheidende Tor macht...“