Auf dem Weg zur 300.000er-Marke. Vom Abwanderungs- zum Zuwanderungs- land; jüngstes Bundesland wird zum ältesten.

Von Alexandra Gollubics-Prath. Erstellt am 28. April 2021 (08:00)

Hand aufs Herz, hätten Sie gewusst, dass das jüngste und mit 3.965 Quadratkilometern flächenmäßig drittkleinste Bundesland Österreichs nicht immer das bevölkerungsärmste war ... „Ich habe noch in der Volksschule gelernt, dass das Vorarlberg war. Bei der Volkszählung 1971 lagen sie dann aber schon vor uns“, erinnert sich Manfred Dreiszker, Referatsleiter der Statistik Burgenland. Was noch weniger bekannt sein dürfte: Weitere zwei Bundesländer waren einmal bevölkerungsmäßig „kleiner“ als das Burgenland: „Salzburg hat uns 1951 erstmals ‚überholt‘ und Tirol hatte bis 1910 weniger Einwohner als wir.“

294.436 Personen betrug der Bevölkerungsstand des Burgenlandes im Vorjahr. Während einige Bundesländer über Jahrzehnte hinweg ihre Einwohnerzahl hätten verdoppeln können, sei diese im Burgenland nur langsam gewachsen, schildert Dreiszker. Was nicht daran liege, dass im Burgenland weniger Kinder geboren wurden: „Im Gegenteil, die Geburtenzahlen im Burgenland waren immer sehr hoch“, betont der Chef-Statistiker des Landes: „Herausstechen hier sicher die Jahre 1939/40 mit rund 7.000 Gebur-ten – davon leben noch in etwa

3.000. Und dann die ‚Babyboomer‘ in den 60er-Jahren mit dem stärksten Jahrgang 1962. Mitte der 70er-Jahre ist es dann von 5.000 auf 3.000 Geburten abwärts gegangen – Stichwort Antibabypille. Jetzt halten wir bei etwa 2.200 Geburten.“ Ein Grund für das eher schleppende Wachstum der Bevölkerungszahl sei laut Dreiszker vielmehr: „Die Leute sind abgewandert.“

„Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ als Ziel

Die Grenzziehung 1921 habe vielen Gebieten im Land auch Nachteile gebracht, gibt der Historiker Herbert Brettl zu bedenken: „Viele Mogersdorfer zum Beispiel haben im ungarischen St. Gotthard gearbeitet. Mit der neuen Grenze gingen hier hunderte Jobs verloren.“ Fehlende Perspektiven, Armut und Kinderreichtum waren, wie schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die Hauptgründe für ein Auswandern. Schätzungen zufolge sollen insgesamt 80.000 bis 100.000 Burgenländer ihre Heimat verlassen haben.

Bis 1923 verschlug es die Wirtschaftsflüchtlinge vorwiegend in die USA, – besonders beliebt: Chicago, welches scherzhaft als „größte Stadt der Burgenländer“ galt. Nach Inkrafttreten eines neuen Einwanderungsgesetzes seien bis 1930 dann viele nach Kanada, Brasilien und Argentinien ausgewandert, so Brettl.

Mit 1938 seien dann für ein Auswandern politische Gründe in den Fokus gerückt. „Bis dahin hat es zum Beispiel 4.000 Juden im Burgenland gegeben. Rund ein Drittel wurde umgebracht, die anderen sind geflohen oder wurden vertrieben. Nach dem Krieg zurückgekommen sind nur 20, – von den etwa 8.500 Roma waren es rund 600“, schildert Brettl.

Generell würden Minderheiten, „die das Burgenland ausgemacht haben“, weniger werden, bedauert der Experte. So werde das „Kroatentum“ durch Assimilation, Heirat oder Zuwanderung weniger: „Großmürbisch etwa war 1923 noch mehrheitlich kroatisch, das wissen viele gar nicht mehr. Auch die ungarische Bevölkerung hat sukzessive abgenommen. Nach dem Kommunismus war es ja auch verpönt, Ungarisch zu sprechen.“

Aus dem Abwanderungsland Burgenland sei – infolge des Falls des Eisernen Vorhanges, aber auch durch die Wien-Nähe – seit 1990 ein Zuwanderungsland geworden, betont Brettl.

„Größter“ Bezirk: Platz 1 wieder für Eisenstadt

Profitieren konnten die nördlichen Bezirke, aber auch Oberwart. Generell hätten sich Eisenstadt, Neusiedl und Oberwart bereits seit Jahren um den Rang des bevölkerungsreichsten Bezirks „gematcht“, so Statistiker Dreiszker: „2020 hat Eisenstadt den 1. Platz von Neusiedl zurückerobert, erstmals hatte ein burgenländischer Bezirk über 60.000 Einwohner.“ Landesweit würde „in zehn Jahren wahrscheinlich die 300.000er-Marke geknackt“, glaubt Brettl. Es sei aber mit einer weiterhin zunehmenden Alterung der Gesellschaft zu rechnen (Durchschnittsalter aktuell: 45,6 Jahre), die das Burgenland zum „demografisch ältesten“ Bundesland Österreichs machen werde.