Die kleine Geschichte der 4 großen Fürsten. Die Geschicke des Burgenlands wurden einst von vier Fürstenhäusern bestimmt. Ein Blick in deren jüngere Geschichte zeigt schöne, aber auch dunkle Seiten auf.

Von Markus Kaiser. Erstellt am 05. Mai 2021 (08:00)

Dass das Burgenland wegen seiner vielen Burgen ebenso heißt, ist ein beliebter wie verständlicher Irrtum: Wir haben ja auch wirklich viele Burgen (und Schlösser). Das hat einerseits mit der geografischen Lage zu tun, die pannonische Tiefebe ist seit Jahrtausenden ein willkommenes Schlachtfeld für die Großmächte aller Himmelsrichtungen. Das Burgenland als westlich-voralpine Grenze dieser Tiefebene war daher immer schon strategisch wichtig, daher auch die vielen Wehrbauten. Schon die Mongolen, die immerhin einen guten Teil der damals bekannten Welt erobert hatten, bissen sich an den Burgen in Güssing und Lockenhaus die Zähne aus. Nicht ganz ein halbes Jahrtausend später ging es den Osmanen nicht besser.

Batthyány: Viel Licht, viel Schatten

Die Osmanen sind eigentlich der Beginn dieser Geschichte. Ihre Feldzüge in Richtung Westen sortierten zentraleuropäische Machtgefüge neu und betonten die strategische Wichtigkeit Westungarns für das Habsburger-Reich. Für seine Verdienste um die Verteidigung gegen die osmanischen Angriffe – die auch zwischen Belagerungen Wiens (1529 und 1683) vereinzelt stattfanden – wurden die Batthyány-Fürsten ordentlich belohnt. Franz I. erhält im Jahr 1527 von König Ferdinand I. die Herrschaft Schlaining und Rechnitz und macht Güssing zu seinem Haupt-Sitz. Die fürstliche Linie trennt sich oft auf und vereinigt sich wieder, am Ende der Monarchie steht der siebente Fürst an der Spitze des Hauses, der Chirurg und Augenarzt Dr. Ladislaus Batthyány-Strattmann (1870–1931). Der „Arzt der Armen“ behandelte auf seinem Schloss Kittsee gratis und verschenkte viele seiner Erbschaften. Er wurde 2003 von Papst Johannes Paul II als bisher einziger Burgenländer seelig gesprochen.

Weit davon entfernt ist ein anderer Batthyány-Familienast. Margareta „Margit“ Batthyány aus der deutschen Großindustriellen-Familie Thyssen-Bornemisza feierte am Familiensitz am Schloss Rechnitz, das ihr Vater 1906 erworben hatte und auf dem sie geboren wurde, am 24. März 1945 eine Feier für örtliche Nationalsozialisten. Diese erschossen daraufhin im nahegelegenen Kreuzstadl 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. Bis heute wird nach ihren Leichen gesucht.

Almásy: Forscher und Englische Patienten

Wesentlich schöner liest sich die vor allem jüngere Familiengeschichte der Adelsfamilie Almásy. Eigentlich aus dem anderen Teil des ungarischen Königreiches, Siebenbürgen, stammend, erwarb Eduard von Almásy die Burg Bernstein 1892 von einem Batthyány-Verwalter. Auf dieser soll „Die weiße Frau von Bernstein“ spuken.

Besser bekannt sind Georg (György, 1867-1933) und sein Sohn Ladislaus (László, (1895–1951). Georg interessierte sich weniger für Politik, sondern mehr für Vögel und Menschen. Er verbrachte sogar einmal einen bitterkalten Winter unter kirgisischen Bauern, um deren Sprache zu erlernen. Für die Beschreibung des Lebens seines Sohnes reicht eine Doppelseite nicht. Das dachte auch Michael Ondaatje. Der Autor widmete ihm ein ganzes Buch („Der Englische Patient“), die Verfilmung holte 1997 neun Oscars.

Für den Film ist das Leben László Almásys leider zu komplex, die Beurteilung fällt tatsächlich schwer: Da ist einerseits der nationalsozialistische Eifer des Wehrmacht-Piloten, der ihm das Eiserne Kreuz einbrachte. Andererseits setzte er den Einfluss ebendieses ein, um in Budapest Juden vor der Deportation zu retten.

Erdődy: Für Habsburg und Beethoven

Auch die Erdődys kommen eigentlich aus dem anderen Teil des ungarischen Königreichs, nämlich Transylvanien. Aber auch sie waren von Anfang an loyal den Habsburgern gegenüber und wurden dafür reichlich belohnt: Schloss Eberau, Schloss Kohfidisch und Schloss Rotenturm waren im Besitz der Magnatenfamilie und sind es bis auf Schloss Rotenturm immer noch. Wie der letzte adelige Batthyány-Sproß Ladislaus unterstützte auch der letzte fürstliche Erdődy, Thomas, König Karl IV (in Österreich: der letzte Habsburger-Kaiser Karl I) bei seinem Restaurationsversuch 1921.

Insgesamt waren die Erdődys weniger für Politik oder Kriegsführung, als für Kunst-Förderung bekannt. Gräfin Anna Maria von Erdődy (1779–1837) war eng mit Beethoven befreundet, der ihr sogar Sonaten widmete.

Esterházy: Zwischen Kunst und Gericht

Beim letzten der großen, die Geschichte des jungen Burgenlandes prägenden Fürstenhäuser angekommen, lässt sich resümieren: Alle zeichneten sich durch Habsburg-Treue aus (mit Ausnahme von Lajos Batthyány, der die ungarische Revolutionsregierung von 1848 unterstützte und dafür von Österreich hingerichtet wurde), die reichlich belohnt wurde. So reich, dass sogar Johann Wolfgang Goethe nach einem Eisenstadt-Besuch vom „Esterházyschen Feenreich“ spricht. Die Wiener Konkurrenz musste Fürst Paul Anton 1761 auch erst einmal überbieten, um Joseph Haydn nach Eisenstadt zu locken.

Diesen sagenhaften Reichtum der Fürstenhäuser sollte das Ende der ungarischen Monarchie zwar deutlich mindern, im Burgenland behielten die Esterházy und Co ihre Ländereien aber. Der Historiker Herbert Brettl betont in seinem unbedingt lesenswerten Blog: „Das größte Problem der burgenländischen Landwirtschaft bestand in der Besitzverteilung. 30.581 (70,4 Prozent) Kleinbauern besaßen nur 24,3 Prozent der Kulturfläche des Landes. Währenddessen besaßen 15 adelige und kirchliche Großgrundbesitzer ein Viertel des Landes.“ Die Bodenreformdebatte dominierte die Landtagswahlen der 1920er Jahre und wurde erst durch einen Vertrag aus 1969 zwischen Landeshauptmann Theodor Kery und Paul Esterházy beendet. Vorübergehend jedenfalls: Die letzte Fürstin, Melinda Esterházy, überführte das Vermögen ihres Mannes Paul in eine Privatstiftung. Deren Leiter, ihr Neffe Stefan Ottrubay, klagte erfolgreich die Landesregierung auf Förderungen und wehrte seinerseits Klagen der Esterházy-Nachkommen, die Zugriff auf das Familienerbe wollten, ab.

Resümierend muss man froh darüber sein, dass es im heutigen, republikanischen Burgenland keinen seiner einstigen Fürsten mehr gibt und ihre Burgen und Schlösser sie (fast) alle überlebt haben. Deren Steine erinnern ansehnlich aber leider nur stumm daran, dass unsere Ordnung, die heute als gegeben angenommen wird, vor noch 100 Jahren keineswegs selbstverständlich war.