Landesgeschichte wird mit Blut geschrieben

Die versuchte Landnahme Westungarns durch Österreich wird von bewaffneten pro ungarischen Freischärlern zurückgeschlagen; Tote auf beiden Seiten.

Erstellt am 20. September 2021 | 14:06

„Man hat nicht das Gefühl, dass die Westungarn ,nach Hause‘ nach Österreich kommen“, notierte ein deutscher Militär-Attaché seine Beobachtungen im September 1921. Erst wenige Tage zuvor, am 28. August, überschritten österreichische Gendarmen die Leitha und die Lafnitz um sich das zu holen, was ihnen laut dem Vertrag von Trianon zustand: den deutschsprachigen Teil Westungarns.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Bedingung der Weltkriegs-Siegermächte hatte gelautet, dass Österreich sich das Burgenland nicht mit Waffengewalt einverleiben dürfe. Das österreichische Militär durfte also am 28. August, dem von den Alliierten so festgelegten Stichtag, nicht die Grenze passieren. Ob es eine große Hilfe gewesen wäre, ist ohnehin ungewiss, war es doch nach der verheerenden Kriegsniederlage und dem Verlust vieler Heeresorganisationen nach dem Zerfall des Habsburgerreiches nicht gerade schlagkräftig. Daher erging der Befehl an die Gendarmerie, die sich von mehreren steirischen und niederösterreichischen Stützpunkten auf den Weg machte, um ihr zugeteilte Kasernen und Regierungsgebäude in Deutsch-Westungarn zu besetzen.

Die ungarische Armee hatte sich auf Befehl der Alliierten schon zurückgezogen, französische und britische Offiziere begleiteten die österreichischen Gendarmen um die Korrektheit der Landnahme zu kontrollieren. Mit ihnen setzten sich in den Morgenstunden des 28. Augusts elf Gendarmerie-Kolonnen mit insgesamt 2.000 Mann in Bewegung Richtung Osten.

Vor Ödenburg wird geschossen

Im Norden konnte Neufeld und Eisenstadt ohne Gegenwehr besetzt werden. Die Gendarmen wurden zurückgehalten, aber nicht unfreundlich von den Burgenländern begrüßt. Zum Feiern war aber niemandem zu Mute, was einen mitgereisten deutschen Offizier zum einleitenden Zitat bewegt hatte.
Die Zurückhaltung der dem Feiern eigentlich ganz und gar nicht abgeneigten Burgenländer hatte einen Hintergrund. Ungarische Medien hatten die österreichische Landnahme als „bolschewistischen Coup“ dargestellt. Die Erinnerungen an die Ungarische Räterepublik, die erst Hoffnung und dann aber Bürgerkriegszustände auch nach Westungarn gebracht hatte, wurde dadurch wachgerufen.

Als im Nordburgenland die Gendarmen weiter in Richtung Ödenburg zogen, gerieten sie zwischen Siegendorf und St. Margarethen in einen Hinterhalt. Pro-ungarische Freischärler beschossen die vier Gendarmen, die zurückgeblieben waren um einen Posten zu errichten. Rayonsinspektor Michael Trattner wurde dabei in den Unterleib getroffen und verstarb. Er war das erste Opfer der versuchten Landnahme, weitere sollten leider folgen.
Die nachgerückte Verstärkung konnte die Freischärler in Richtung Ödenburg vertreiben. Dort wurde bereits im fast ausschließlich deutschsprachigen Vorort Agendorf (Ágfalva) auf die österreichischen Gendarmen geschossen. Die Einnahme Ödenburgs stellte sich somit zur Überraschung der Österreicher wesentlich schwieriger dar, als angenommen. Man hatte die Schlagkraft und Ausrüstung der pro-ungarischen Kräfte unterschätzt.

Wer waren die ungarischen Kämpfer?

Auch wenn die burgenländischen Abgeordneten im ungarischen Parlament eine landesweite Volksabstimmung vor einem Anschluss an Österreich gefordert hatten – zu den Waffen wollte deswegen kaum ein Burgenländer greifen. Vor allem im Nordburgenland nicht, die Freischärler setzten sich hier zum überwiegenden Teil aus ungarischen Studenten und Abenteurern zusammen. Im Süden bestand der Freischärler-Abschnitt Güns (Kőszeg) bis Steinamanger (Szombathely) aber sehr wohl zum Großteil aus den Bauern der beiden Großräume. Auf Offiziersebene waren Österreicher wiederum stärker bei den Freischärlern vertreten. Das hing mit deren monarchistischer Einstellung zusammen.
Diese war aber alles andere als einheitlich und sollte noch zu Streit und in weiterer Folge schweren militärischen Niederlagen führen.
Einerseits gab es die Anhänger König Karls IV (in Österreich: Kaiser Karl I). Vom Grafen Antal Sigray – dem ungarischen Regierungskommissar für Westungarn und berüchtigten anti-österreichischen Scharfmacher – bis zum südburgenländischen Burgherren Thomas (Tamás) Erdődy hatte Karl eine Reihe treu ergebener Adeliger. Sie nutzten ihr Geld und ihre Burgen um Waffen zu bunkern und die Freischärler hochzurüsten.

Die andere Fraktion war zwar ebenfalls ungarisch-monarchistisch eingestellt, aber vehemente Habsburg-Gegner.
Ihre interne Feindschaft ging so weit, dass Nachschübe nicht durchgestellt und Verteidigungslinien nicht gehalten wurden. Das ermöglichte den österreichischen Gendarmen einen Vorstoß fast bis nach Ödenburg. Aber nur fast. Denn im Süden rollten die insgesamt 10.000 Mann (und Frau!) starken Freischärler die Reihen der Gendarmen ordentlich auf.

Rückzug und der Kampf um Kirchschlag

Während auf der Offiziersebene die Freischärler verdiente Adelige hatten, waren die Frontkämpfer Studenten, Abenteurer und Bauernjungen. Die militärischen Siege stiegen diesen zu Kopf und sie verfolgten die sich überhastet zurückziehenden österreichischen Gendarmen bis an die Grenze.
Hier kam es zur blutigsten Kampfhandlung zwischen den Freischärlern und nun auch dem österreichischen Militär. Da die Freischärler immer wieder die Grenze übertraten und Plünderungen gemeldet wurden, mobilisierte Wien Soldaten aller Bundesländer an die burgenländische Grenze. In der Hochphase der Auseinandersetzungen soll rund ein Drittel aller Bundesheer-Soldaten dieser Grenze zugeteilt worden sein.
Besonders hart umkämpft war die Grenze bei Kirchschlag. Rund um den 5. September kam es zu heftigen Feuergefechten, bei denen sieben Gendarmen und Soldaten sowie neun Freischärler getötet und mehrere schwer verwundet wurden.

Freischärler gründen „Leitha-Banat“

Die Freischärler hatten den erten Versuch der Landnahme abgewehrt. Die Alliierten schickten wütende Protestnoten nach Budapest, wo man sich aber „abputzte“: Man habe keinerlei Einfluss auf die Freischärler, diese seien keine reguläre ungarische Armee.
Die Freischärler riefen daraufhin am 4. Oktober in Oberwart einen eigenen Staat, den „Leitha-Banat“ (Lajta-Bánság) aus. Der Aufbau einer staatlichen Organisation verlief aber schleppend, mehr als die Herausgabe eines Amtsblattes war nicht drin. Dafür hob man Zölle auf Waren, die durch den Leitha-Banat wollten, ein. Im Nordburgenland marschierten die Freischärler in Jägeruniform durch die Gemeinden um sich den Anschein einer regulären Staatsmacht zu geben.

Zweite Landnahme endlich erfolgreich

So kam es eher zu „Räuber und Gendarm“-Spielen an der österreichisch-burgenländischen Grenze, wo immer wieder versuchte Schmuggler oder Spione verhaftet wurden.
Zwei Ereignisse führten zu einem dann doch relativ schnellen Ende der Freischärler und ihrem „Staat“: Am 2. Oktober war der Vermittlungsversuch Italiens zwischen Österreich und Ungarn erfolgreich. Beide unterschrieben das Venediger Protokoll, das eine Volksabstimmung in Ödenburg und seinen Anrainergemeinden über den Anschluss an Österreich festlegte. Ungarn verpflichtete sich im Gegenzug, die Lage im Burgenland zu beruhigen.

Die weltanschaulichen Bruchlinien innerhalb der Freischärler brachen am 21. und 22. Oktober 1921 vollends auf: Karl Habsburg zog nach einer missglückten Machtübernahme zu Ostern ein zweites Mal nach Budapest, um die Amtsgeschäfte von seinem „Reichsverweser“ Miklós Horthy zurückzufordern. Diesmal unter militärischem Druck: Die ihm treuen Freischärler zogen mit ihm nach Budapest. Aber Karl scheiterte erneut und die militärische Stärke der Freischärler war gebrochen. Keiner widersetzte sich dem österreichischen Bundesheer, als dieses von 13. bis 17. November das Burgenland – ohne Ödenburg – besetzte.

Über 50 Gendarmen und etwa ebensoviele Freischärler fielen in diesem blutigen Kapitel unserer Landesgeschichte.