Viele gute Seiten im "Land der Bücher". Vom "Buchdruck der Kaiserin" bis hin zu klingenden Namen schrieb die Literatur im Lauf der Zeit Geschichte.

Von Wolfgang Millendorfer. Erstellt am 21. April 2021 (10:32)

Die Reise ins literarische Herz des Burgenlandes führt unweigerlich in die Landesbibliothek: Hier im Eisenstädter Landhaus wird nicht nur jedes im Burgenland erschienene Buch ebenso archiviert wie die Bücher heimischer Autorinnen und Autoren, deren Spuren man nahezu detektivisch verfolgt – hier ist mit seinem Team auch Bibliotheks-Leiter Jakob Michael Perschy am Werk, der zuletzt die gar nicht so einfache Aufgabe hatte, die Literaturgeschichte für den Begleitband der Jubiläums-Ausstellung auf den Punkt zu bringen. Ebenso wie frühere Aufarbeitungen von Anton Lantos oder Helmut Stefan Milletich zeigen Perschys Skizzen nämlich, wieviel Literatur in einem kleinen Bundesland stecken kann.

Blickt man die 100 Jahre zurück, landet man 1921 mitunter direkt bei Josef Reichl als „Heimatdichter“. Dessen Instrumentalisierung und Publikationen in deutschnationalen Sprachrohren spielt bei näherer Betrachtung jedoch eher in politische Bereiche hinein – und hängt damit eng zusammen mit Alfred Walheim, dem „dichtenden Landeshauptmann“, der das Amt in wechselvollen Zeiten zweimal bekleidete und als Schöpfer von Balladen kaum bis gar nicht in Erinnerung blieb.

Historisch gesehen hat das Burgenland im Zeichen des gedruckten Wortes schon viel früher einen klingenden Namen hervorgebracht: Der 1719 im damals ungarischen Jormannsdorf geborene Johann Thomas von Trattner ging als „Buchdrucker Maria Theresias“ in die Geschichte ein: Dass er es mit einem regelrechten Medien-Imperium zu einem der reichsten Männer der Habsburgermonarchie brachte, führt sich nicht zuletzt darauf zurück, dass von Trattner als Hofbuchdrucker der Kaiserin das Privileg genoss, sämtliche Schulbücher des Reiches herstellen zu dürfen.

„Durchreisende“ und auch „Hiergebliebene“

Wie die schillernde Persönlichkeit des Johann Thomas von Trattner, der eigentlich schon im Kindesalter vom „Burgenländer“ zum Niederösterreicher wurde, zeigt, ist die Spurensuche in der Literaturgeschichte auch mit Vorsicht zu genießen, haben die Schreibenden ihre Spuren doch oftmals vielerorts hinterlassen. So etwa Franz Werfel mit belegten Aufenthalten in Eisenstadt, Robert Musil als ehemaliger Zögling der dortigen Martinkaserne oder Nikolaus Lenau als Gast am Kleylehof in Nickelsdorf – was sie im Einzelnen zwar durchaus beeinflusst haben mag, aber noch lange nicht zu burgenländischen Autoren macht.

Im Gegenzug ist sich die Literaturwelt einig, wenn der Name Hertha Kräftner fällt: In Mattersburg aufgewachsen und als junge Lyrikerin in Wien gefeiert, endete ihr Leben 1951 im Alter von 23 Jahren. Bis heute ist sie als tragische Figur und wortgewaltige Lyrikerin in Erinnerung.

Im reifen Alter von 71 Jahren erfuhr die Mittelburgenländerin Mida Huber die Publikation ihres ersten Buches. Doch schon Jahrzehnte davor galt sie als eine der burgenländischen Entdeckungen – und immer mehr als Mundart-Dichterin. Dieses Prädikat wurde auch Anni Pirch verliehen, die heuer ihren 100. Geburtstag begangen hätte. International bekannt war mit Josef Marschall wiederum ein Wahlburgenländer: 1935 verschlug ihn die Liebe nach St. Margarethen, wo er heute auch begraben liegt – und worüber er in „Der Fremde“ wohl auch schreibt, wenn es um den Wiener im Dorf geht.

Das mit der Bekanntheit – auf jeden Fall im deutschen Raum – macht die junge Generation derzeit spielend nach. Womit beinahe der große Sprung in die Gegenwart gelungen wäre, ohne dabei die Wegbereiter dieser Generation vergessen zu wollen.

Vom Verlagshaus aus raus aus Buchdeckeln

Nicht wenige von ihnen haben einen gemeinsamen Hafen, aus dem sie gestartet oder in den sie immer gerne zurückgekehrt sind: das Verlagshaus „edition lex liszt 12“. Vor 29 Jahren im Offenen Haus Oberwart gegründet, widmet sich der Verlag unter seinem Leiter Horst Horvath nach wie vor der Zeitgeschichte, der Sprache und heimischen Literatur. Der Aufarbeitung der Landesgeschichte – ohne Scheu vor dunklen Kapiteln – wird ebenso Rechnung getragen wie der Schaffung von Möglichkeiten für den Nachwuchs. Zahlreiche Publikationen zum Jubiläumsjahr beweisen dies auch heuer.

Vom Kunstbuch bis zur Pop-CD gibt es in kreativer Hinsicht keine Grenzen. Offen zwischen Kunst, Wissenschaft und dem, „wo die Grenzen verschwimmen“, zeigt sich auch die zwischen Marz und Litzelsdorf (daher der Name) gegründete Edition Marlit. Institutionen wie der P.E.N.-Club mit Präsidentin Katharina Tiwald und die Grazer Autorinnen-Autorenversammlung tragen das Ihrige bei – und da die Literatur gerade im Burgenland ihren Weg aus den Buchdeckeln findet, ist sie auch eine Geschichte der Orte: des Literaturhauses Mattersburg, der Cselley Mühle, der KUGA, des Schlosses Deutschkreutz, des alten Lockenhauser Klosters, des Weinwerks Neusiedl und vieler mehr.

Listen, die sich lange fortführen ließen. Wie auch Jakob Perschy in seiner Skizze der Literaturgeschichte schreibt: Wollte man die Namen burgenländischer Schreibender sammeln, gäbe das „ein großes Gewimmel und Gewurle“, könne nie und nimmer vollständig sein. Eines beweise eine solche Liste jedenfalls: „Dass das Burgenland zu seiner Literatur gefunden hat.“