Vom gepanschten zum prämierten Wein zum prämierten Wein. 1985 flog auf, dass burgenländische Winzer mit Glycol ihre Weine geschönt hatten. Ruf und Export waren im Keller, doch seither geht es steil bergauf.

Von Markus Kaiser. Erstellt am 22. Juli 2021 (06:00)

Was bringt einen Bauern dazu, Diethylenglycol in seinen Wein zu mischen? Für die Antwort auf diese Frage, muss man ein bisschen ausholen. Im Jahr 1964 hatte es nämlich „Klick!“ in den Köpfen vieler Winzer gemacht.

Sechziger: Wein wird Spekulationsobjekt

Jahrhundertelang war Wein für die meisten Burgenländer etwas, das man für den Eigengebrauch produziert hat – wenn es nicht zuvor von Fürsten, osmanischen, deutschen oder sowjetischen Besatzern rationiert oder besteuert worden war. Plötzlich konnte man seine Trauben oder seinen Wein auf den Markt tragen und dort herrschten eben andere Gesetze. Namentlich jendes von Angebot und Nachfrage. Als es 1954 zu einer Rekordernte kam (1,6 Millionen Hektoliter) und 1956 zu einer extrem geringen Ernte (0,4 Millionen) kam, bekamen die Bauern – die früher ja neben den Wanderarbeitern fast das ganze Burgenland ausmachten – erstmals am extrem schwankenden Preis zu spüren. 1964, nach einer noch nie da gewesenen Ernte von fast drei Millionen Hektoliter war allen klar: Wein ist nicht nur Genuss- sondern auch Spekulationsmittel.

Während vor allem im Seewinkel die Winzer vor allem versuchten, die Menge zu erhöhen, setzte man in Rust bereits auf die „Botrytis“. Dieser Pilz wurde damals noch mit dem ungewollten Schimmel verwechselt und die Trauben anhängerweise entsorgt. Das gilt als Start der Prädikatsweine. Diese erfuhren vor allem beim Export nach Deutschland gleich so eine hohe Beliebtheit, dass es 1976 eine Gesetzesnovelle notwendig wurde. Diese sollte genau definieren, was ein Qualitätswein ist und was nicht. So überprüften nun staatliche Inspektoren mittels „Mostwäger“ die KMW (die Klosterneuburger Mostwaage misst das Mostgewicht in Gramm Zucker pro 100 Gramm Traubenmost). Außerdem sollte dem „Aufzuckern“ des Weines mit der Definition einer zentralen Messgröße (der „zuckerfreie Extrakt“) ein Riegel vorgeschoben werden.

Jeder will ein Qualitätswein sein

Die Gesetzesnovelle kam bei den Winzern unterschiedlich gut an. Orte, an denen schon zuvor auf Prädikatsweine gesetzt wurde, wie Donnerskirchen oder Rust begrüßten sie. Regionen wie der Seewinkel, die auf Menge produziert hatte, lehnten die Kontrolle des Gesetzes teilweise mit Sabotageakten von militanten Bauern-Selbsthilfe-Organisationen ab. Einige, diese Kontrollen nicht gewöhnte, Winzer bedienten sich Tricks. Manche präsentierten den Kellerei-Inspektoren mit Zuckerwasser übergossene Trauben, manche stapelten im kontrollierten Anhänger die Trauben so, dass die Trauben mit korrektem Zuckergrad oben lagen und die anderen darunter. Aber damit begann erst so richtig das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Winzern und Kontrolleuren, das sich schon bald zum Weinskandal aufschaukeln sollte.

Schon damals gab es Whistleblower

Der ehemalige Bundeskellerei-Inspektor Walter Brüders zeichnet in seinem Buch „Der Weinskandal. Das Ende einer unseligen Wirtschaftsentwicklung“ diese Entwicklungen spannend wie einen Krimi nach: Die Behörden wie das Bundesamt für Lebensmitteluntersuchung fanden schnell ein Verfahren, mit dem sie das Aufzuckern des Weines zum Qualitätswein nachweisen konnten. Die Trickser unter den Bauern mussten nachlegen. So griffen sie zum Diethylenglycol, einem künstlichen Süßungsmittel und Geschmacksverstärker, das den hohen „zuckerfreien Extrakt“ vortäuscht. Dieses ist zwar mit dem Monoethylenglycol (Kühlerfrostschutzmittel) verwandt, aber weniger giftig. Für die Kontrollorgane war dieses Glycol fast unmöglich im Wein zu finden, man hätte chemisch explizit danach suchen müssen. Auch beim Verkosten gilt es als sehr schwer zu erkennen.

1984 aber trudelten beim Bundesamt mehrere anonyme Proben ein. Ein erster Verdacht wurde geschöpft und eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die auch die ersten Glycol-Weine in Gols sicherstellen konnte. Flächendeckende Beweise fehlten aber ebenso wie eine massentaugliche biochemische Methode zur Bestimmung des Glycols.

Aber dann kam der 5. Juli 1985. Also genau vor 36 Jahren gelang es dem Bundesamt für Lebensmitteluntersuchungen (heute übernimmt das die Agentur für Ernährungssicherheit AGES) ein Verfahren zu entwickeln, das selbst kleinste Mengen wie fünf Milligramm Glycol in einem Liter Wein nachweisen konnte. Das Landwirtschaftsministerium ließ sofort alle größeren Weinbaubetriebe prüfen, das Ergebnis war verheerend.

Weinexporte brachen um 90 Prozent ein

In kürzester Zeit mussten hunderte Hektoliter Wein im Burgenland und in Niederösterreich aus dem Verkehr genommen und mehrere Anzeigen ausgesprochen werden. Der Schaden war aber bereits angerichtet, alle Medien sprangen auf und am 9. Juli sprach Deutschland eine Importwarnung für österreichischen Wein aus.

Die Importmenge brach von fast einer halben Million Hektoliter auf nur 40.000 Hektoliter ein, der Schaden überstieg die 100 Millionen Schilling-Grenze.

Im Landesgericht Eisenstadt und Krems wurden bei den darauffolgenden „Weinpantscher-Prozessen“ 325 Anzeigen erstellt, die 52 Strafanträge mit sich zogen. Zwischenzeitlich wurden 24 Winzer und Weinhändler verhaftet, das höchste Strafausmaß betrug fünf Jahre.

Wie ein Phönix aus der Maische

Die Folge war „das strengste Weingesetz der Welt“ und die heute berühmte rot-weiß-rote Banderole auf den Flaschenverschlüssen, die die Fehlerfreiheit des Weines bei der Kontrolle garantiert. Bis sich diese auch die Exportmärkte überzeugen konnte, sollte es noch dauern: Erst zehn Jahre später konnte die Exportmenge von vor dem Skandaljahr 1985 erzielt werden.

Der Exportumsatz ist Beweis für den Schwenk in Richtung Qualität, den dieser Skandal bewirkt hat: Während die Exportmenge des Rekordjahres 2003 nie mehr erreichen sollte, hat sich der Exportumsatz von rund 90 Millionen Euro 2003 auf 190 Millionen Euro erhöht.