Vom Stiefkind zum „Ziel-1“-Profiteur. Vom Fokus auf Landwirtschaft über Industrieansiedlung bis zu Ostöffnung und EU-Beitritt; Pendler-Schicksal bereits in 1920ern.

Von Alexandra Gollubics-Prath. Erstellt am 19. Mai 2021 (08:00)

Als wirtschaftlich vernachlässigtes Randgebiet galt das Burgenland bei seiner Angliederung an Österreich im Jahr 1921. Die Republik hatte selbst große Probleme, eine finanzielle Unterstützung des jungen Bundeslandes war nicht zu erwarten.

In seinen Anfängen war das Burgenland eindeutig landwirtschaftlich dominiert. „Industriestandorte gab es nur wenige“, betont Historiker Herbert Brettl, „dazu gehörten unter anderem Pinkafeld, Neudörfl, Hirm oder Siegendorf. Am größten war aber sicherlich die Jutefabrik in Neufeld mit über 1.000 Beschäftigten.“ Die Zahl der Arbeitslosen habe sich in den 1920ern zwischen 3.000 und 5.000 Burgenländern bewegt und sei zum Höhepunkt der Wirtschaftskrise in den Jahren 1931 bis 1933 auf 10.000 bis 12.000 angewachsen, so Brettl.

Viele haben aufgrund unzureichender Beschäftigungsmöglichkeiten schon damals das typisch burgenländische Pendlerschicksal ereilt: „Die meisten davon waren Wochenpendler. Am leichtesten war das natürlich für jene, die in der Nähe bestehender Eisenbahnlinien wohnten. Von Schattendorf, Baumgarten oder etwa auch Parndorf aus war ein Pendeln schon gut möglich. Die anderen mussten abwandern,“ erklärt der Experte. Handwerkliche Saisonarbeiter fanden etwa auf diversen Baustellen Beschäftigung. „Unter anderem Maurer genossen weit über die Grenzen hinaus einen guten Ruf“, so Brettl. Viele Frauen wiederum gingen etwa als Haushaltshilfen nach Wien oder arbeiteten in Textilfabriken in Niederösterreich.

Mit der Eingliederung in das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde auch das Burgenland aufgelöst. Männer im wehrfähigen Alter wurden Soldaten, Frauen vermehrt als Arbeitskräfte herangezogen. Nach 1945 waren es dann vor allem Maßnahmen zum Wiederaufbau, die für Arbeitsplätze im Land sorgten.

Sowjetische Besatzung als „Bremse“ für Gelder

„Insofern stellten die Bau- und Holzarbeiter schon kurz nach Gründung des ÖGB die meisten Gewerkschaftsmitglieder im Burgenland. Zweitgrößte Gruppe waren 1947 noch immer die Land- und Forstarbeiter“, weiß AK-Arbeitsmarktexpertin Gabi Tremmel-Yakali. Aufgrund der starken Beschäftigung im Baugewerbe sei vor allem die Winterarbeitslosigkeit in den 1950er Jahren extrem hoch gewesen: „So kamen etwa im Februar 1954 auf 1.000 Beschäftigte 730 Arbeitssuchende.“

Die Besatzung des Landes durch die Sowjets sei „eine große Behinderung“ gewesen, resümiert Historiker Brettl. Aus Misstrauen den Sowjets gegenüber seien kaum Mittel ins Land geflossen: „Nur 0.33 Prozent aller Marshall-Gelder gingen an uns. Das hat dem Burgenland sehr lange sehr weh getan.“ Erst nach der Besatzungszeit sei es zu bewussten Förderungen seitens der Politik gekommen und ein „richtiger Ansiedelungswettbewerb“ entbrannt – „man denke nur etwa an Gloriette, Huber oder Vossen.“

So habe auch die Frauenbeschäftigung Ende der 1960er einen Höchststand von mehr als 15.000 erreicht, schildert Temmel-Yakali: „Vielen waren eben in der Textilindustrie tätig und sie waren zu über 60 Prozent gewerkschaftlich organisiert.“ 1972 seien erstmals mehr als 50.000 Beschäftigte im Land verzeichnet worden. Mitte der 1970er Jahre habe sich ein weiterer Strukturwandel abgezeichnet: Kurzarbeit und später Schließungen vonr Textilbetrieben – während der Tourismus laufend Zuwächse verzeichnete. „Mit der Familienrechtsreform, dem Kinderbetreuungs-Ausbau und der besseren Karenz-Absicherung stieg die Erwerbsbeteiligung von Frauen. Sie arbeiteten aber verstärkt in Teilzeit“, so die Expertin.

Der Fall des Eisernen Vorhangs und Österreichs EU-Beitritt haben die Beschäftigtenstruktur wesentlich verändert. „Betrug der Anteil ausländischer Arbeitskräfte 1989 noch 1,9 Prozent, so sind es mittlerweile rund 25 Prozent, – ein Großteil davon sind Tagespendler aus Ungarn“, erläutert Tremmel-Yakali. Durch den EU-Beitritt seien wirtschaftliche Impulse im Zuge der Ziel-1 und Nachfolgeförderungen gesetzt worden wie etwa der Ausbau der Tourismuszentren im Mittel- und Südburgenland. Im Sommer 2012 sei schließlich erstmals die Marke von 100.000 Beschäftigten im Land geknackt worden, so Tremmel-Yakali. Aktuell sorgt Corona für die größte Krise am heimischen Arbeitsmarkt seit 1945.