Vom "Wiener Meer" zum Tourismus-Land. Die Nutzung von Bodenschätzen spielte vielerorts eine wichtige Rolle – und sorgte für unzählige Geschichten.

Von Alexandra Gollubics-Prath. Erstellt am 24. Juni 2021 (08:00)

Er gilt neben dem Wein nach wie vor als das Aushängeschild des Burgenlandes schlechthin: Der Neusiedler See, oft auch als „Meer der Wiener“ betitelt. So mancher Leser bringt mit diesem Schlagwort möglicherweise automatisch den am See urlaubenden „Parade-Wiener“ Mundl Sackbauer aus der 1970er-TV-Kultserie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ in Verbindung. Der Neusiedler See übte freilich bereits in den Anfängen des Burgenlands vor hundert Jahren eine Anziehungskraft auf Erholungssuchende aus der Bundeshauptstadt aus.
Vom „Meer der Wiener“ war erstmals bereits Mitte der 1920er-Jahre die Rede, 1926 warb Neusiedl am See auf diese Weise um neue Gäste. In dieser Zeit entstanden hier auch die ersten Bade- und Sportanlagen für Schwimmer und Segler – die Stadt entwickelte sich zum wichtigsten Fremdenverkehrsort am See. Den Badefreuden mussten Männer und Frauen freilich noch getrennt nachgehen, wie aus der „Bade-Ordnung für die Seebadanlage der Stadtgemeinde Neusiedl am See“ aus dem Jahr 1930 hervorgeht.
Die Aufbauarbeiten rund um den See erlitten aufgrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 einen herben Dämpfer, durch den Zweiten Weltkrieg lagen sie dann überhaupt darnieder, – zahlreiche Badeanlagen wurden zum Teil stark zerstört. Erst nach dem Abzug der Besatzungsmächte gewann das Baden am Neusiedler See wieder an Bedeutung, die agrarisch ausgerichteten Seegemeinden wandelten sich zu Tourismus-Zentren.

Erstmals eine Million Nächtigungen im Land

Unter schweren Kriegsschäden hatten aber auch zuvor bedeutende Kurorte wie Sauerbrunn oder Bad Tatzmannsdorf zu leiden. So gab es 1948 im ganzen Land nur 34 000 Nächtigungen, – das waren 17 Prozent der Zahlen von 1935/36. Nach dem Abzug der Russen kamen wieder vermehrt Gäste ins Land, allerdings gab es zu wenige Fremdenzimmer, kaum Restaurants und mangelnde sanitäre Ausstattungen. Mittels Förderungen versuchte das Land, Abhilfe zu schaffen, – und es ging auch tatsächlich bergauf.
1969 nahm der burgenländische Fremdenverkehrsverband seine Tätigkeit auf. Zwei Jahre später wurden schließlich erstmals eine Million Nächtigungen gezählt, der Anteil ausländischer Gäste betrug dabei 47 Prozent. In dieser Zeit entstanden vor allem viele neue Frühstückspensionen, Camping erlebte einen Boom. Weiterhin im Fokus stand der Raum um den Neusiedler See. Mitte der 1970er-Jahre setzte dann eine Trendwende ein: Sonnenhungrige Badeurlauber zog es vermehrt ans Mittelmeer, vor allem die Zahl deutscher Gäste im Land ging zurück.

Der burgenländische Tourismus zeigte sich in der Folge zunehmend bemüht, eigene Akzente zu setzen, um sich neben den dominanten Hochburgen in Westösterreich ebenfalls seinen eigenen Platz am heimischen Markt zu sichern. Insbesondere im Gesundheits- und Kurtourismus wurde das Angebot verbessert und erweitert. So entstand etwa ab 1990 das „Erlebniszentrum Bad Tatzmannsdorf“, wo auf Gesundheits- und Golftourismus gesetzt wurde. Thermenprojekte rückten generell immer mehr in den Vordergrund. Auf den Ausbau der Therme Lutzmannsburg folgte das Projekt Stegersbach, 2010 nahm schließlich die St. Martins Therme & Lodge in Frauenkirchen ihren Betrieb auf.

Weiters entwickelte sich neben dem Wein, dem Radlerparadies und diversen Kulturevents – allen voran die Seefestspiele Mörbisch oder die Opernfestspiele in St. Margarethen – auch der Familypark Neusiedlersee zu einem Gäste-Magneten. Ende der 1960er-Jahre vom Steinmetz Erwin Müller als „Märchenwald“ konzipiert, handelt es sich heute um den größten Freizeitpark Österreichs, – 2019 wurden über 700.000 Besucher gezählt. Nicht zu unterschätzen: der Shopping-Tourismus nahe Parndorf. Die beiden Designer-Outlets zogen zuletzt rund sechs Millionen Gäste aus nah und fern an. 2009 eröffnete sogar ein Hotel am Gelände.

Zum bisherigen Rekordjahr entwickelte sich 2019 mit mehr als 3.144.000 Übernachtungen, – dann kam Corona.