Von Seeutopien bis zur Umweltbewegung. Mit der Hängeschwebebahn nach Illmitz? Rund um den Neusiedler See hat es viele Ideen gegeben, die noch heute futuristisch klingen.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 15. Juli 2021 (08:54)

„Als Österreichs seltsamen Gast“ beschrieb einst Franz Werfel den Neusiedler See. Der eiszeitliche Steppensee mit seinen ganz besonderen Eigenheiten hat den berühmten Autor gar zu einem Gedicht inspiriert. So geschätzt wurde der See aber nicht immer.

In der Wahrnehmung änderte sich mit dem ständig wechselnden Wasserstand – 1871 trocknete der See zuletzt völlig aus – auch die positive oder negative Charakterisierung der Landschaft. Und dementsprechend entwickelte sich rund um das Gewässer auch die eine oder andere utopische Idee, um den See entweder völlig trockenzulegen, teilweise zu Entwässern oder aus wirtschaftlichen Interessen besser erreichbar zu machen. Lesen Sie hier von Hängeschwebebahnen, Dämmen mit Kraftwerken, Brückenkonstruktionen und Hotelinseln mitten im See. Und der ersten Umweltbewegung, die sich noch lange vor Hainburg und Zwentendorf hier gründete.

Als Freizeit- oder gar Tourismusgebiet spielte der Neusiedler See lange Zeit kaum eine Rolle. Er wurde lediglich von ein paar Adeligen mit eigens gebauten Booten befahren, die hier Erholung suchten. Ansonsten waren es Fischer, die mit ihren Zillen den See hinausfuhren. Die bäuerliche Bevölkerung wollte den Seeboden lieber zur Ackerfläche machen. Projekte, die zum Ziel hatten, den gesamten See oder Teile davon trockenzulegen, standen immer wieder zur Diskussion. Die wiederholten Hochwasserereignisse, die etwa das Hansággebiet überschwemmten, bremsten den Ernteerfolg, weswegen das Feuchtgebiet südöstlich des Neusiedler Sees schließlich durch ein Kanal- und Grabensystem auch trockengelegt und landwirtschaftlich nutzbar gemacht wurde.

Heute versucht man diesen Eingriff in die Natur übrigens wieder rückgängig zu machen. Durch den Klimawandel hat das Gebiet mit enormer Trockenheit zu kämpfen.

Mit der Schwebebahn von Wien zum See

Erst als das Burgenland 1921 zu Österreich kam, wurde die Seeregion als Erholungsgebiet interessant, vor allem für die Städter aus der „neuen“ Bundeshauptstadt. Der See, dem Touristiker in der Mitte der 1920er den Beinamen „Meer der Wiener“ gaben, sollte rasch verkehrsmäßig erschlossen werden.

Eines der kühnsten Projekte dieser Zeit war das der Ö.F.A.G., der Österreichischen Flugbahn A.G. In dreißig Minuten sollte das Seegebiet vom Stadtzentrum Wiens aus erreichbar gemacht werden, so der Wunsch. Denn nur so würden Pläne von ausländischen Investoren wie ein „amerikanisches“ Luxushotel mitten im See, „Weekend Camps“ oder ein „Venedig bei Wien“ in Neusiedl am See realisiert werden können.

Auszüge aus dem Projektentwurf dokumentieren die futuristischen Pläne einer Hängeschwebebahn, die Flugzeuggeschwindigkeiten erreichen sollte: „Eine solche modernisierte ‚Hängebahn‘ (...) ist für Laien am besten illustriert, wenn man dieselbe mit einer verkehrt, mit den Rädern in der Luft an ein dort befindliches Schienensystem aufgehängten Schnellbahn vergleicht.“ (siehe Bild oben) Von einer Geschwindigkeit von bis zu 360 Kilometern pro Stunde ist in den Plänen zu lesen. Die angedachte Route war von Wien über Unterwaltersdorf, Eisenstadt und Rust quer über den See nach Illmitz und weiter bis zum Zicksee bei St. Andrä und Frauenkirchen. Die Umsetzung der „allermodernsten Expressbahn der Zukunft“ scheiterte schließlich an den Kosten, die die Projektbetreiber 1928 mit 50 bis 170 Millionen Schilling (je nach Konstruktion) bezifferten.

Nur ein Jahr später planten Wasserbaufachleute einen Damm auf der Höhe von Rust, der den See auf die Hälfte seiner Fläche reduzieren sollte. Außerdem wollten sie durch die Einspeisung von Donauwasser, entnommen bei Fischamend, eine Aufstauung des übrigen Gewässers auf eine Höhe von zwei Metern erwirken. Das Projekt wäre mit einer Verlängerung des Donaukanals und einer Schaffung eines Stausees am Fuße des Leithagebirges einhergegangen. Dort sollte ein Wasserkraftwerk entstehen. Rund 40 Jahre später beschrieb Wasserbaufachmann Fritz Kopf diese Pläne als „völlig absurd und unrealistisch“.

Dämme, Brücken und eine Seestation

Allerdings gab es auch in den 1930er Jahren ähnliche Pläne einer Dammerrichtung. Zivilingenieur Heinrich Goldmund plante den Hauptdamm allerdings gleich als Möglichkeit einer Straßenverbindung zur besseren Anbindung des Seewinkels an das Westufer. Aufgrund der extrem hohen Kosten und der ungeklärten ökologischen Folgen wurde das Projekt nie verwirklicht. Es dürfte aber erstmals die Idee einer Verbindungsstraße zwischen dem Ost- und Westufer aufgeworfen haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Überlegungen fortgeführt: Ideen von Dämmen mit Schleusen für die Wasserstandsregulierung kursierten und schon in den 1950er Jahren kamen erstmals Pläne für eine Brücke über den Neusiedler See auf. Die Fahrzeitverkürzung nach Eisenstadt sollte dem Seewinkel den wirtschaftlichen Anschluss ermöglichen. Die Besonderheit des Entwurfes von Zivilarchitekt Franz Schlarbaum war eine „Seestation“ in der Mitte des Brückendammes mit einer Badeanlage und einem Restaurant. Das Projekt wurde zwar verworfen, die Diskussionen über eine Querverbindung über den See rissen aber nicht ab: Hier standen sich in der Mitte der 1960er Jahre bereits Überlegungen zum Umweltschutz und der wirtschaftlicher Entwicklung der Region gegenüber. „Die Tatsache, dass so viele Gemeinden fast geschlossen im Burgenländischen Landesnaturschutzbund stehen, beweist, dass die Menschen hier die Natur nicht sterben und verderben lassen wollen. Sie wollen freilich auch selbst nicht sterben, sie wollen nicht als Freilicht-Museumsinventar vegetieren, sondern sie wollen Menschen unseres Jahrhunderts sein“, schrieb die Regionalzeitung „Der Seewinkel“ 1963.

Utopisch anmutende Projektideen gab es aber auch abseits von Schwebehängebahnen oder „Seestationen“. 1971 wurde eine acht Hektar große Freizeit- und Ferienanlage mitten im Schilfgürtel in der Nähe von Purbach geplant. Zur gleichen Zeit trat ein Großinvestor in Weiden am See auf den Plan.

Hotel auf einer Insel mitten im See

Ein deutscher Hotelier wollte auf der kleinen Schilfinsel zwischen Weiden und Podersdorf („Schoppen“ oder „Bauminsel“ genannt) ein Hotelprojekt entwickeln. Die Weidener Gemeindevertreter forderten aufgrund der Baukosten von 25 bis 30 Millionen Schilling einen Kaufpreis für die Insel von etwa zwei Millionen Schilling. Die Verhandlungspartner wurden sich über den Kaufpreis nicht einig.

Das meist diskutierte Seeprojekt war allerdings abermals ein Brückenprojekt, welches die Burgenländische Landesregierung unter Landeshauptmann Theodor Kery am 2. März 1971 bereits beschlossen hatte. Die Seebrücke sollte die beiden Orte Illmitz am Ostufer und Mörbisch am Westufer an der schmalsten Stelle des Neusiedler Sees verbinden. Die Straßenbrücke auf 142 Stahlbetonpfeilern sollte mit 3,2 Kilometern die damals zweitlängste Europas werden. Sogar eine Fahrbahnheizung soll eingeplant gewesen sein. Planer Alfred Pauser schätzte die Projektkosten auf 99 Millionen Schilling.

Dass die Brücke nicht errichtet und damit ein einschneidender Eingriff in ein besonders sensibles Ökosystem verhindert wurde, ist Klara Köttner-Benigni zu verdanken. Die damals 43-jährige Schriftstellerin engagierte sich gegen die Seebrücke und gewann dabei prominente Mitkämpfer wie die Biologen Otto Koenig, Bernhard Grzimek, Konrad Lorenz und Antal Festetics sowie den Botaniker Gustav Wendelberger für den öffentlichen Widerstand. Diesem schloss sich der WWF an – die erste Bürgerinitiative in Österreich. 20.000 Unterschriften wurden gegen das Brückenprojekt gesammelt. Kery setzte zur Begutachtung des Projektes eine Expertengruppe aus Deutschland ein, über die auch der „Spiegel“ in einer damaligen Ausgabe berichtete. Nach der Expertise war die Brücke Geschichte.

Quellen: Das Projekt Seebrücke - „Brückenkampf“ am Neusiedler See, Fabian Stegmayer, 2013; Geschichte der Marktgemeinde Weiden am See, Hugo Huber, 2016