Schon über 60 Wegweisungen im Burgenland seit September

Seit September gab es schon 60 weggewiesene Gefährder im Burgenland. Im BVZ-Gespräch appelliert Gewaltpräventionsexperte: „Schauen Sie nicht weg!“

Erstellt am 02. Dezember 2021 | 04:54
Lesezeit: 2 Min
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„Neustart“. Der Verein von Alexander Grohs (re., mit Polizeidirektor Martin Huber und Karin Gölly) hilft Tätern, an ihrem Gewaltproblem zu arbeiten.
Foto: LPD

Bei häuslicher Gewalt kann die Polizei ein Betretungs- und Annäherungsverbot für den „Gefährder“ aussprechen. Seit 1. September ist das mit verpflichtenden Trainings bei der neuen „Beratungsstelle für Gewaltprävention“ verbunden.

Diese übernimmt der Verein „Neustart“. Landesleiter Alexander Grohs hat schon zuvor mit Polizeidirektor Martin Huber und Karin Gölly vom Gewaltschutzzentrum zusammengearbeitet. Dieses kümmert sich um die Opferseite der häuslichen Gewalt. Und gerade die wünscht sich oft, „dass Gefährder auch ein Beratungsangebot erhalten“, erklärte Gölly bei der Gründung der Beratungsstelle. Der Täter ist in vielen Fällen eben immer noch Ehemann oder Kindsvater.

Grohs langjährige Erfahrung ist nun gefragt, die hohe Zahl an zugewiesenen Gefährdern macht diese dringend notwendig. „Von September bis Ende November wurden uns rund 60 Gefährder zugewiesen. Das bedeutet, dass im Burgenland öfter als jeden zweiten Tag ein Betretungsverbot ausgesprochen wird“, betont Grohs die Dramatik der Situation. Im BVZ-Gespräch beschreibt er das Präventionsprogramm, für das er und sein Team sechs Beratungsstunden mit drei bis vier Sitzungen pro Person zur Verfügung haben. Einsichtig würden sich Gefährder bei der Erstsitzung selten zeigen, so Grohs.

Gewalt: Gelernt, verebt, aber aufhaltbar

Zu 90 Prozent sitzen ihm Männer gegenüber, die bereits psychische oder physische Gewalt gegen Partnerin oder Kinder verübt haben. Grohs muss dabei erst deren Abwehrmechanismus („Es ist ja nix passiert!“) durchbrechen. „Normverdeutlichung“ wird das genannt. „So geht‘s nicht, Gewalt bringt dich nur ins Gefängnis“, muss Grohs erklären. Dann sickert es oft. „Gefährder wollen ja nicht primär Gewalt ausüben, sondern in den meisten Fällen einfach nur ein funktionierendes Familienleben – sie wissen bloß nicht, wie“, erklärt Grohs. Gewalt zieht sich durch alle Schichten der burgenländischen Männerwelt: reich, arm, mehr oder weniger gebildet, zugezogen oder alteingesessen. Aber eines haben alle gemeinsam: „Die Gefährder haben nie gelernt, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Sie legen oft ein aggressives Verhalten an den Tag, weil sie glauben, dass sie immer der dominante Teil sein müssen.“ Dagegen können nur eine weiterführende Betreuung und ein gesellschaftliches Umdenken helfen.

Ganz konkret können aber alle mithelfen, um häusliche Gewalt zu vermeiden, appelliert Grohs: „Fragen Sie nach und schauen Sie nicht weg, wenn eine Freundin oder Nachbarin sich verändert, zurückzieht, oder gar blaue Flecken hat!“