Auf den Freund eingestochen: Urteil steht fest

Keine Mordabsicht: 40-Jährige angeklagt – Geschworene entschieden auf schwere Körperverletzung. 9 Monate Haft – nicht rechtskräftig.

Elisabeth Kirchmeir Aktualisiert am 09. Juni 2020 | 20:22
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Vor dem Schwurgericht hatte sich die 40-jährige Angeklagte, Mutter von zwei Töchtern, am Vormittag des 9. Juni 2020 nicht schuldig bekannt. Sie gab zwar zu, am Abend des 3. November 2019 in einer Ortschaft im Bezirk Oberwart ihren Freund verletzt zu haben, „aber umbringen wollte ich ihn sicher nicht“, beteuerte sie.

Nach rund elfstündigem Prozess stand die Entscheidung der Geschworenen fest: Bei der Tat der 40-jährigen, gerichtlich unbescholtenen Frau handelte es sich nicht um Mordversuch, auch nicht um versuchten Totschlag oder absichtlich schwere Körperverletzung. Der Wahrspruch der Geschworenen lautete mit acht zu null Stimmen auf „schwere Körperverletzung“.

Richterin Birgt Falb verkündete aufgrund dieses Wahrspruchs das Urteil: 27 Monate Freiheitsstrafe, davon 18 Monate bedingt. An ihren Ex-Freund muss die Angeklagte 2310 Euro Schmerzensgeld bezahlen.

Verteidiger Peter Philipp empfahl seiner Mandantin, dieses Urteil anzunehmen. Die Staatsanwältin gab keine Erklärung ab – somit ist das Urteil nicht rechtskräftig.

Südburgenland/Eisenstadt - Auf den Freund eingestochen: Prozess gegen 40-Jährige
Elisabeth Kirchmeir

Mit dem Opfer, einem 38-jährigen arbeitslosen Mann, verband die Angeklagte seit vier Jahren eine „On-Off-Beziehung“. Gegenseitig hatte man sich bei der Polizei wegen Alkohol am Steuer angezeigt.

Das Paar neigte zum übermäßigen Alkoholkonsum. Unter Alkoholeinfluss hatte die Angeklagte bereits zweimal Delikte begangen, die im Vorjahr diversionell geregelt wurden.

Im Februar 2019 hatte sie einen Pflasterstein auf die Fassade eines Kaffeehauses geworfen, weil ihr der Zutritt verwehrt worden war. Bei ihrem Freund hatte sie randaliert und die Eingangstüre und Fenster beschädigt. Beide Male musste die Frau eine Geldbuße bezahlen.

 Zunächst war alles harmonisch

 Am 3. November 2019 war zunächst alles friedlich abgelaufen, darin sind sich Angeklagte und Opfer einig. Man saß abends im Kellerstüberl, trank einen Schnaps und diverse Spritzer. Später stellte die Polizei bei der Angeklagten und dem Opfer jeweils eine Alkoholisierung von rund zwei Promille fest.

Man beschloss, zu Bett zu gehen, der 38-Jährige ging nach oben, um sich zu waschen. Im Bademantel kehrte er zurück ins Kellerstüberl, um die Katzen zu füttern.

„Die harmonische Stimmung hatte schlagartig umgeschlagen“, berichtete die Staatsanwältin.

Sie habe ihn mit den Worten „Du und deine Scheiß-Katzen!“ empfangen, gab der 38-Jährige bei der Polizei an.

Die Frau habe das Katzenklo umgeworfen, Katzenstreu und Kot verschmutzten den Raum.

„Räum diesen Mist weg!“, herrschte der 38-Jährige die Frau an. Als sie dieser Aufforderung nicht Folge leistete, packte er sie an den Schultern und drückte sie gegen die Wand.

 Mit Küchenmesser zugestochen

 Die Frau soll in eine Besteckschublade gegriffen, ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser herausgezogen und mit den Worten „Jetzt stech‘ i di ab!“ auf den Mann eingestochen haben.

„Der erste Stich kam in Richtung Herzbereich“, berichtete das Opfer. „Ich war dann natürlich ganz perplex, weil ich mit so etwas überhaupt nicht gerechnet habe.“

Bei diesem ersten Stich habe er „Todesangst“ gehabt.

Die Frau soll danach einen schweren Tisch umgeworfen und sich dahinter verschanzt haben.

Es kam zu einem Handgemenge, der Mann brachte die Frau zu Boden, dabei soll es ihr gelungen sein, ein zweites, 21 Zentimeter langes Messer zu erwischen und neuerlich auf den Mann einzustechen.

 Vom Freund gestoßen worden?

 Anders schilderte die Angeklagte den Tathergang. Sie bestritt vor Gericht, dass wegen der Katzen gestritten worden sei.

Ihr Freund habe ihr einen Stoß versetzt und habe sie gewürgt.

„Aus dem Nichts heraus?“, wunderte sich Richterin Birgit Falb.

„Das ist auch schon öfter passiert“, sagte die Angeklagte.

„Wie kamen Sie zu den Messern?“, wollte die Richterin wissen.

„Ich weiß es nicht“, antwortete die Angeklagte und sprach von „Lücken“ in Bezug auf die Ereignisse im Kellerstüberl.

Sie sei am Boden gelegen, da habe sie ein Messer erwischt. „Damit habe ich nur herumgefuchtelt, damit er von mir ablässt.“

 „Papa komm runter!“

 Dem 38-Jährigen gelang es, mit dem Handy seinen Vater zu alarmieren, der nur 500 Meter entfernt wohnt. „Papa, komm runter, sie sticht mi ab!“, habe sein Sohn ins Telefon gerufen, erinnerte sich der Vater. Er sei sofort hingefahren.

„Beide waren blutüberströmt!“, berichtete der Vater des Opfers. Er verständigte die Polizei, die zirka acht bis zehn Minuten später eingetroffen sei.

„Als mein Sohn aufstand, sah ich, wie das Blut spritzte“, sagte der Vater. Er habe die Wunde am Arm – ein Durchstich nahe dem linken Handgelenk, der eine glatte Vene durchtrennt hatte - dann mit einem Tuch abgebunden.

Auch die Frau hatte leichte Verletzungen, beide Beteiligten wurden ins Spital gebracht. Das Opfer der Stichattacken habe „riesiges Glück gehabt“, sagte der behandelnde Oberarzt. Bei der Stichwunde im Oberkörper bestand der Verdacht einer Lungenverletzung.

Gerichtssachverständige Elisabeth Friedrich hielt in ihrem Gutachten fest, die erlittenen fünf Stich- und Schnittverletzungen seien in ihrer Gesamtheit schwer, aber nicht lebensgefährlich gewesen.

Für die Staatsanwaltschaft stand dennoch fest: Die 40-Jährige soll am 3. November 2019 versucht haben, ihren Freund zu töten, weshalb eine Anklage wegen Mordversuchs erfolgte.

Aus Sicht der Verteidigung war es hingegen Notwehr, vielleicht Notwehrüberschreitung, wie es Verteidiger Peter Philipp formulierte.

Die Geschworenen waren sich schließlich einig: Die Messerattacke war weder ein Mordversuch noch Notwehr, sondern eine schwere Körperverletzung. Urteil nicht rechtskräftig.