„Man kann Klienten nicht alle Steine aus dem Weg räumen“

Erstellt am 01. Dezember 2022 | 06:06
Lesezeit: 6 Min
Behinderten-Förderungsverein Neusiedl „Man kann Klienten nicht alle Steine aus dem Weg räumen“
Große Freude über den Martinipreis: Obfrau Roswitha Knebelreiter mit Geschäftsführer Christian Lidy und Klientin Christa Wandler. Fotos: Zwinger
Foto: Klaus Zwinger
Was durch die Initiative eines privaten Elternvereines in einem Neusiedler Gasthaus entstanden ist, feiert am 14. Dezember bereits seinen 45. Geburtstag: Der Behinderten-Förderungsverein Neusiedl am See hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die weit über die Stadt hinaus strahlt. Nun wurde der Verein für sein langes Engagement mit dem BVZ-Martinipreis ausgezeichnet.
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Der Behinderten-Förderungsverein ist nicht nur in der Stadt selbst, sondern im ganzen Bezirk fest verankert, sei es durch seine Tageswerkstätten in Zurndorf, seine Wohngemeinschaften in Andau und Illmitz oder die Veranstaltungen, die der Verein selbst organisiert oder bei denen er präsent ist.

Die BVZ sprach mit Obfrau Roswitha Knebelreiter und Geschäftsführer Christian Lidy über die Anfänge, Herausforderungen und Zukunft des Vereins. Der Verein muss sich künftig auf ein immer höheres Alter der Klienten einstellen und ist auf der Suche nach neuen Konzepten.

Wie hat eigentlich alles begonnen?

Roswitha Knebelreiter: 1977 hat sich ein privater Elternverein gegründet, der im Gasthaus Nyikos Räumlichkeiten angemietet hat. Damals ging es in erster Linie um eine Beschäftigungsmöglichkeit für ihre behinderten Kinder. Daraus ist eine Tagesheimstätte geworden, die sich sukzessive weiterentwickelt hat. Anfangs waren 14 Personen in der Tagesstruktur untergebracht. Schon 1980 wurde im benachbarten Nyikospark der erste Sommerbasar veranstaltet, der bis heute ein Fixpunkt geblieben ist. Erst einige Jahre später hat der Verein unter dem Obmann Herrn Priklopil einige Häuser erstanden. 1990 wurde das Stammhaus in Neusiedl eröffnet, das als Rohbau gekauft wurde. Bis 2004 folgten die Eröffnungen der Wohngemeinschaften in Illmitz und Andau und der beiden Tageswerkstätten in Zurndorf.

"Kinder werden nicht abgeschoben. Man tut ihnen was Gutes." Roswitha Knebelreiter, Obfrau Behinderten-Förderungsverein Neusiedl am See

Welches Ziel verfolgt der Verein?:

Knebelreiter: Ursprünglich startete der Verein als Tagesbetreuung ohne großes Konzept. Der Fokus liegt aber schon immer darauf, Erlerntes zu erhalten und auszubauen.

Christian Lidy: Wir wollen es den Klientinnen und Klienten ermöglichen, den Alltag einfach zu schaffen. Ein fixer Tagesablauf gibt Halt. Wir bemühen uns sehr und haben einen sehr guten Ruf, weil wir das ernst nehmen.

Selbstständigkeit kann vor allem in den Wohngemeinschaften erlernt werden. Wie funktioniert das Zusammenleben dort?

Lidy: Die Klientinnen und Klienten haben in den Wohngemeinschaften zwar einen fixen Tagesablauf, aber auch mehr Gestaltungsfreiheit. Sie müssen Aufgaben auch selbstständig erledigen. Ihre Eigenständigkeit wird mehr gefordert, trotzdem ist immer ein Betreuer vor Ort.

Familien müssen manchmal auch Kritik einstecken, wenn sie einen behinderten Angehörigen für eine WG anmelden. Was antworten Sie den Kritikern?

Knebelreiter: Wenn sich Angehörige entschließen, ein behindertes Familienmitglied in eine Wohngemeinschaft zu geben, sind sie immer noch mit dem Vorwurf konfrontiert: ‚Um Gottes Willen, die schieben ihr Kind ab.‘ Aber das stimmt nicht, man tut dem behinderten Menschen etwas Gutes. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Meine Tochter wurde selbstständiger und konnte soziale Kontakte knüpfen. Natürlich war auf beiden Seiten auch ein Trennungsschmerz da.

Lidy: Es ist viel mehr gesellschaftliche Teilhabe möglich. Die Klienten kochen in den WGs miteinander und Veranstaltungen sowie gemeinsam Urlaube werden organisiert.

Knebelreiter: Natürlich wird auch gestritten, das gehört dazu. Man kann den Klienten nicht alle Steine aus dem Weg räumen. So entwickelt sich aber auch der Charakter.

Wie viele Plätze gibt es in den WGs und wie hoch ist der Bedarf?

Christian Lidy: Der Bedarf ist da. Wir haben eine Warteliste. Derzeit sind neun Klienten in Andau und zehn in Illmitz untergebracht. Inklusive Tagesstätten betreuen wir 61 Klienten im Alter von 26 bis 73 Jahren.

Knebelreiter: Menschen mit Behinderung werden zwar weniger, aber sie erreichen ein höheres Alter und dadurch ergeben sich andere Bedürfnisse. Da warten noch große Herausforderungen auf uns.

Inwiefern?

Lidy: Erstmalig erreichen Klienten unseres Vereines ein Pensionsalter. Das ist etwas Neues, damit haben wir keine Erfahrungswerte und wir überlegen uns gerade neue Konzepte. Wir wollen es den Klienten aber jedenfalls ermöglichen, solange es geht, in der WG zu bleiben, um sie nicht aus ihrer gewohnten sozialen Umgebung herauszureißen. Die Wohngemeinschaft ist ihr zu Hause. In ein Altenwohnheim passen unsere Klienten nicht und eine Pflege können wir auch nicht bieten.

Was passiert wenn, ein Klient ein Pflegefall wird?

Lidy: Das ist ein lang diskutiertes Thema bei uns. Vereinzelt werden externe Pflegekräfte engagiert, die dann zu uns ins Haus kommen, aber eigentlich sind wir auf lange Sicht personell und baulich nicht für Pflege ausgerichtet. Wir bemühen uns dann gemeinsam mit dem Klienten einen geeigneten Pflegeplatz zu finden und um einen geordneten Übergang in eine andere Einrichtung.

Stichwort Personal. Überall herrscht Mangel, vor allem in den sozialen Berufen. Wie ist das bei Ihnen?

Lidy: Wir haben langjährige Mitarbeiter und keine Fluktuation. Wir haben auch immer viele Bewerbungen. Derzeit sind 33 Angestellte, davon 27 Betreuer, im Team. Zusätzlich haben wir noch sechs Zivildienstplätze. Es hat sich herumgesprochen, dass wir ein guter Arbeitgeber sind.

Was machen Sie anders als andere Organisationen?

Knebelreiter: Wir tun nicht viel Besonderes. Es ist ein Miteinander, ein wertschätzender fairer Umgang. Wir pflegen ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Mitarbeitern.
Lidy: Wir haben flache Strukturen, sind regional und sehr familiär. Das macht sicher den Unterschied zu großen Organisationen aus. Gute, motivierte Betreuerinnen und Betreuer sind auch wichtig für die Klienten. Ich halte den Beruf so hoch, Hut ab vor dieser Aufgabe. Die Betreuer bekommen von den Klienten positive und negative Reaktionen direkt und ungefiltert. Jede Regung wird mitgeteilt. Es entstehen sehr enge Beziehungen, weil sowohl Klienten als auch Betreuer viele Jahre bei uns sind.

Knebelreiter: Es ist eine erfüllende, aber auch anstrengende und herausfordernde Arbeit.

Der Behinderten-Förderungsverein hat sich über die Jahre weiterentwickelt. 2017 ist mit der Gründung einer gemeinnützigen GmbH ein großer Schritt in Richtung Professionalität gelungen.

Knebelreiter: Ja, ich war täglich in der Früh im Verein und dann in meiner Firma. Ich habe das immer ehrenamtlich gemacht, aber dann gemerkt, dass es unmöglich ist, diese Aufgabe nebenbei weiter zu machen. Wir haben dann die erste gemeinnützige GmbH im Bezirk gegründet, ein Konstrukt, das erst entwickelt werden musste. Der Verein bleibt aber weiter bestehen.

An Herausforderungen für Verein und GmbH mangelt es wohl nicht?

Knebelreiter und Lidy: Nein, vor allem der Umbau unseres Stammhauses hat uns viel Kraft gekostet. Er ist nicht nur in die Zeit der Corona-Pandemie, sondern auch noch in die Teuerungswelle gefallen. Jetzt können wir aber bald aus dem Ausweichquartier ausziehen. Dann haben wir auch endlich optimale Räumlichkeiten für ein breiteres Therapieangebot.