Hänsel und Gretel auf hianzisch. Die beliebtesten Geschichten der Brüder Grimm gibt es jetzt mit Texten in burgenländischer Mundart. „Dou woar amul ...“ eine märchenhaft schöne Idee.

Von Vanessa Bruckner. Erstellt am 24. November 2016 (11:37)
Vanessa Bruckner
Gespannt. Die Volksschulkinder lauschen den Geschichten in Mundart.

Wie es kam, dass dem „Oschnputtl der Schuih picka bliebm is“ und warum dem „Rodkappal sei Guidmiadigkeit“ zum Verhängnis wurde und es nur deshalb mit dem bösen Wolf „ins Reidn keimma is“?! Nun, ganz einfach: Es war einmal, pardon, „dou woar amul“ ein engagierter Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat den burgenländischen Dialekt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und wo, wenn nicht beim Nachwuchs, also bei den Kindern, fängt man am Besten damit an?

Der Hianzenverein aus Oberschützen ist seit vielen Jahren bemüht den für das Burgenland typischen UI-Dialekt an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Vor gut einem Jahr entstand so dann auch die Idee, ein hianzisches Märchenbuch herauszugeben. 26 Märchen der Brüder Grimm wurden dafür von Karin Ritter ins Hianzische gesetzt. 62 handgemalte Aquarell-Illustrationen zieren das Buch mit dem Titel „Dou woar amul ...“ außerdem.

Kunst für Kinder

„Ich habe die Märchen so geschrieben, wie ich sie meinen Kindern erzählen würde. Viele burgenländische Kids können unsere typische Mundart weder sprechen, noch verstehen sie sie. Das ist sehr schade. Das Buch soll dem entgegenwirken“, erklärt Karin Ritter vom Hianzenverein, die ein Jahr lang an der Übersetzung der Märchen gearbeitet hat.
Die Illustrationen von Doris Karner seien, so Ritter, „ein Kunstwerk für sich selbst. Die Originale der Zeichnungen in dem Buch kann man bei uns im Haus der Volkskultur in Oberschützen bestaunen.“

Vanessa Bruckner

Unter den 26 Märchen im Buch sind weltbekannte Geschichten wie „Tischal deick di“, „Frouschki:ni“ oder die „Brema Stodtmusikountn“. Na, wissen Sie um welche Klassiker der Märchenwelt es sich bei diesen Titeln handelt?
Das Heimat-Magazin hat bei der Zielgruppe Nummer 1 nachgefragt und war mit dem hianzischen Märchenbuch im Gepäck zu Gast in der Volksschule Pinkafeld.

Sozialbetreuerin Anna Bernsteiner las ihren Schützlingen das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten vor. „Dou woa amul ... a E:isl, dea houd sei gounzas Leibm loung brav und fleissi goarwat.“

Was heißt "kagitzn"?

Es herrscht andächtige Stille unter den Kindern, kein einziger Arm ragt fragend in die Luft. Nach den ersten Absätzen, eine Pause und die Frage an die Kinder: „Habt ihr bisher alles verstanden?“

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Karin Ritter hat die Märchen ins Hianzische übersetzt.

„Also ich schon“, sagt der 9-jährige David Fammler im Brustton der Überzeugung. Und auch seine Mitschüler bejahen. „Das ist ja alles ganz leicht zu verstehen, weil meine Oma, die redet daheim ja auch nur so mit uns“, erklärt Fabian Kothgasser. Das Wort „Koumarod“ benütze der Opa häufig und was ein „Haou“ ist, wissen die jungen Vif-Zacke auch. Aber dann, dann kommt doch noch ein Wort, bei dem sich die Volksschüler nicht ganz einig werden. „Kagitzn“, was ins Hochdeutsche übersetzt „husten“ heißt: „Da wäre ich nie drauf gekommen“, lacht Melina. Und dass eine „Maibledschn“ der Löwenzahn und kein Maibaum ist, lernt wiederum Anna Schermann.

Aber auch Anna Bernsteiner gesteht schmunzelnd, dass sie das Vorlesen des Märchens im Hianzischen zuhause vorab geübt hat.

Eine weise Entscheidung, weiß Expertin Karin Ritter und fügt an: „Natürlich tun sich auch schon viele Eltern heute schwer, das „Hianzische“ überhaupt richtig zu lesen. Mein Tipp: Lesen sie laut, dann verstehen sie am Ende auch selbst jedes Wort.“
Wie passend, dass man Märchen den Kindern im Regelfall vorlesen darf.

Vanessa Bruckner

Zum Buch:

Das Buch „Dou woar amul“ kann man um 27 Euro unter www.hianzenverein.at online bestellen oder direkt im Haus der Volkskultur in Oberschützen erwerben. Ergänzend dazu gibt es um 20 Euro auch eine Doppel-CD mit den beliebtesten Märchen, gelesen von Karin Ritter. Oder Sie entscheiden sich für das Kombiangebot: Buch und Doppel CD um 39 Euro.