Maria Hengstberger: Die Erfinderin der Babykette. Maria Hengstberger lässt nicht locker. Entdeckt sie irgendwo ein Problem, entwickelt sie eine Lösung und setzt diese um – wie sie es unter anderem als Frauenärztin und Entwicklungshelferin tut.

Von Christine Haiderer. Erstellt am 31. Juli 2019 (02:51)
Presse
Für ihre Babykette suchte die Gynäkologin Maria Hengstberger an vielen Orten Unterstützung. Unter anderem vor vielen Jahren auch bei Altlandeshauptmann Erwin Pröll in St. Pölten.

„Ich will Entwicklungshelferin werden.“ Das weiß Maria Hengstberger schon als Jugendliche. Sie studiert Medizin, heiratet, bekommt eine Tochter und wird Frauenärztin. Ihre Erfindung einer Vakuumglocke macht die Laparoskopie (Bauchspiegelung) sicherer und so auch außerhalb von großen Kliniken möglich. Und: Sie kommt auf die Idee, blinde Frauen zum Ertasten von kleinen Knoten in der Brustkrebs-Früherkennung einzusetzen.

Ein März in Äthiopien

Ende der 1980er-Jahre sucht Karlheinz Böhm für seine Aktion „Menschen für Menschen“ Ärzte. Und: Maria Hengstberger ist mit dabei. Im März 1989 – ihre Tochter ist inzwischen bereits erwachsen – soll sie in Äthiopien Gesundheitsberufen gynäkologische Grundbegriffe erklären. „Das war das Einläuten meiner Bestimmung“, so Hengstberger.

Schon am ersten Tag sieht sie, wie anders es hier ist. Sie erlebt Hunger, Leid und Krankheiten, die durch fehlendes Wissen und fehlende Medikamente Schmerzen verursachen. Sie erfährt, dass Frauen im Laufe ihres Lebens zehn Kinder oder mehr auf die Welt bringen. Sie erfährt aber auch, dass moderne Verhütungsmethoden für die meisten zu teuer oder zu gefährlich sind und nicht angenommen werden. Recht bald fällt ihr auf, dass Schmuck sehr beliebt ist.

Und so entwickelt Maria Hengstberger gemeinsam mit Frauen vor Ort die Geburtenkontrollkette. Eine Kette mit tropfenförmigen Perlen in unterschiedlichen Farben – für die fruchtbaren und für die unfruchtbaren Tage. Ein kleiner Ring wird einfach Tag für Tag von einer Perle zur nächsten geschoben. Wie bei einem Kalender verrät dann die Perlenfarbe, ob gerade ein Tag ist, an dem die Frau schwanger werden kann. So kann Selbstbestimmung gefördert werden. Darüber hinaus lernt die Frau so auch besser ihren Zyklus kennen.

Die Aktion Regen

Im selben Jahr gründet sie mit anderen engagierten Frauen die Aktion Regen. Seit damit 30 Jahren vermittelt der Verein für Entwicklungszusammenarbeit Wissen über Familienplanung, sexuelle und reproduktive Gesundheit, HIV/Aids-Prävention und weibliche Genitalverstümmelung. Ganz unter dem Motto „Wissen als Chance“.

Denn: „Das Wichtigste ist, nicht nur Geld zu bringen, sondern Wissen“, unterstreicht Hengstberger, die in der Nähe von St. Pölten lebt.

Über 600 Rain-Worker

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Rain-Worker. In jeder NGO gebe es, so Hengstberger, Brückenbauer, die zu den Leuten vor Ort einen guten Draht haben. „Für die wollte ich einen Beruf schaffen.“

Seit 2009 wurden 600 Rain-Worker in zwölf west- und ostafrikanischen Ländern ausgebildet und mit ihnen 500.000 Menschen aufgeklärt. Im Senegal, in Guinea, Burkina Faso, Ghana, Nigeria, Äthiopien, dem Sudan, Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi und Tansania. In ihrer Ausbildung lernen sie – meist Menschen, die vor Ort bereits im sozialen, pädagogischen und medizinischen Bereich tätig sind, das Wichtigste über Familienplanung und sexuelle und reproduktive Gesundheit. In Schulen, Jugendgruppen, Gemeindetreffen, Gesundheitseinrichtungen, religiösen Einrichtungen, Frauen- und Männergruppen usw. klären sie dann nach ihrer Ausbildung über Bevölkerungsentwicklung, Familienplanung, Teenager-Schwangerschaften, sexuell übertragbare Krankheiten, Frauenrechte und vieles mehr auf.

Von Ketten und Handschuhen

Hilfreich bei der Arbeit der Rain-Worker sind Tools als Anschauungsmaterial. Wie die Babykette oder die Mutterschutzuhr, eine Drehscheibe aus Papier, die daran erinnern soll, dass aus gesundheitlichen Gründen zwischen der Geburt eines Kindes und der Empfängnis eines weiteren Kindes ein Abstand von mindestens 18 Monaten eingehalten werden sollte. Unter anderem auch, weil das Baby die Mutter zur frühkindlichen Entwicklung braucht.

„Little Mom“ wiederum ist das Modell einer Gebärmutter aus Stoff und soll dabei helfen, die Anatomie des weiblichen Körpers und seine Funktionen zu erklären.

Wenn es um weibliche Verstümmelung geht, kommt das Klitorismodell zum Einsatz. Und: Der Stop-Handschuh zeigt die Grundbedürfnisse des Menschen auf – Liebe, Gesundheit, Schutz/Sicherheit/Friede, Nahrung und Wasser, und Bildung – die durch geplante Schwangerschaften leichter zu erreichen sind.

Rita Newman
Maria Hengstberger. : Rita Newman

Wer die Arbeit der Rain-Worker und ihre Ausbildung unterstützen oder aber auch Tools für Frauen fördern möchte, kann spenden. Anfangs lief das noch anders als bisher. Ende der 1980er-Jahre, erinnert sich Hengstberger, sind Spendenabos noch nicht üblich. Um Geld aufzutreiben, hält die Frauenärztin Vorträge über Frauengesundheit in Österreich. Zum Beispiel vor niederösterreichischen Bäuerinnen. Sie verlangt dafür nichts, weist aber darauf hin, dass man spenden kann.

Mittlerweile kann man Projekte in vielen Ländern unterstützen. Das erste Großprojekt der Aktion Regen war eine Klinik in Indien. In Mexiko ist eine Gesundheitsstation entstanden, eine weitere in Nicaragua sowie ein Gesundheitszentrum in Ruanda.

Der Verein feiert heuer 30-Jahr-Jubiläum. Und Maria Hengstberger hat schon wieder jede Menge neuer Ideen. Zum Beispiel auch, wie man die Integration von Flüchtlingen in Österreich fördern kann.